23.04.11 - REGION

"Hamlet - eine Zeitbombe" - Interview mit Festspiel-Regisseur Jean-Claude Berutti

Hamlet wird oft inszeniert und scheint immer wieder das Interesse der Theatermacher neu zu wecken. Sie haben sich für die 61. Bad Hersfelder Festspiele lange und neu mit dem Material auseinandergesetzt. Wie sehen Sie Hamlet jetzt?

Hamlet scheint vom Beginn des Stücks an in einem Zustand zu sein, in dem er viel Schlaf benötigt. Aber was für ein Zustand ist das? Der eines melancholischen, wachen Träumers? Eines an Halluzinationen leidenden überaktiven Menschen? Eines verlassenen Sohns und Neffen, der sich von einem Rachegeist besessen glaubt? „To sleep, to dream“ ist ein ganz wichtiges Motiv.

Viele Fragen, die vielleicht beantwortet werden müssen. Wie werden Sie den Hamlet in Bad Hersfeld inszenieren?

Ich möchte eine konzentrierte Fassung von „Hamlet“ inszenieren, wie „in einem Traum“, oder eher einem Albtraum. Hamlet sagt selbst, dass ihn seine Träume im Voraus erschrecken. Ich stelle mir eine abrupte Szenenabfolge vor, bei der Überleitungen vermieden werden, rasche, kontrastreiche Abfolgen, Szenen, in den es nicht immer leicht fällt zu unterscheiden, was Realität und was Vision ist. Die Kohärenz wird in der Gesamtheit gefunden und soll im Gegensatz zur Heterogenität der Details und der Behandlungen der einzelnen Szenen stehen – ja „ sterben, schlafen, träumen“ - was Hamlet auch immer zwischen dem ersten und dem zweiten Akt unternimmt, er muss unbedingt schlafen, sich aus der Realität zurückziehen, um neue Kräfte zu sammeln. Doch wo kann er zwischen dem Gefängnis Dänemark und seinem inneren Gefängnis Ruhe finden? Im Laufe der Akte bleibt Hamlet in diesem ständigen Hin und Her zwischen Traum und Wirklichkeit, oder besser gesagt ihm fehlt eine deutliche Grenze zwischen beiden. Hamlet sowie das gesamte Stück ziehen uns in dieses unheimliche Niemandsland hinein mit seiner grandiosen, verwüsteten Landschaft, die von Wesen bevölkert ist, die uns ähneln und gespenstisch anwesend sind, was Situationen entspricht, die sowohl alltäglich als auch alt überlieferte Wiederholungen familiärer Verhaltensweisen sind.

Hamlet sieht sich selbst – vor allem in seinen Monologen – immer mit einer gewissen Verspätung. So ist im 3. Akt „To be or not to be“ noch ganz von dem geprägt, was sich für ihn zwischen dem 1. und 2. Akt abgespielt hat. Dieselbe Verspätung kann man in der Art feststellen, in der er von seiner Umgebung, seinen Verwandten und seinen Freunden gesehen wird. Die Briefe, die Polonius Claudius und Gertrud zeigt, um zu beweisen, dass Hamlet wegen Ophelia liebeskrank sei, sind wahrscheinlich drei Monate alt und absolut nicht mehr aktuell. Wie kommt es, dass Horatio, der erklärt, zum Begräbnis des Königs gekommen zu sein (das vor zwei Monaten stattgefunden hat), nicht nach Wittemberg zurückgekehrt ist, um dort sein Studium wieder aufzunehmen? Man könnte hier noch viele Beispiele für die Art angeben, in der die alten Geschehnisse behandelt werden, als wären sie aktuell.

Aber was bleibt tatsächlich aktuell für uns in dieser Geschichte?

Nichts und alles. Wer kann sich heute noch für die Thronfolgeprobleme eines jungen Prinzen interessieren, wo doch die Monarchie selbst als eine ziemlich antiquierte Staatsform auf uns wirkt. Was geht uns das Zögern eines gebildeten Aristokraten an? Die Tragödie der Rache ist im Stück auch nicht gerade bestens ausgenutzt, denn man spürt alle melodramatischen „Kniffe“. Und dennoch fasziniert uns dieses Stück weiterhin, vielleicht gerade wegen seines Geheimnisses, oder weil ein Toter den Lebenden sein Gesetz aufzwingt, und die Handlungen, die vor unseren Augen ablaufen, mit Fakten zusammenhängen, die eine oder zwei Generationen vorher stattfanden. Und das kann uns noch heute beeindrucken.

Weil das in vielen Familien der Fall ist?

Die „verspätete“ Handlung könnte zum Großteil die Form des Stückes besser erklären als die klassische Interpretation (die teilweise auf Goethe zurückgeht), laut der das fatale Zögern des rächenden Helden die auslösende Kraft der Tragödie sei. Die Last der Vergangenheit ist für jeden am Hof von Helsingör schwer, zu schwer. Das Ausagieren ist sowohl für Hamlet, als auch für Ophelia, Horatio, Claudius oder Laertes komplex, voll von Hindernissen, schwierig und schmerzlich. Es führt jede der Figuren zu wiederholten, zwanghaften Verzögerungen. Und was, wenn Hamlets für gewöhnlich zitierter Hang, alles auf später aufzuschieben, ein typisches Verhalten in seiner Familie oder in seinem Klan wäre? Warum erscheint zum Beispiel der Geist seines Vaters so spät? Warum wartet Claudius auf den Bericht von Rosenkrantz und Guildenstern, um Hamlet nach England zu senden? Warum findet die angekündigte Begegnung zwischen Gertrud und ihrem Sohn so spät statt? Usw. ...

Aufschub, Verspätung, vielleicht Versäumnis - hält uns Shakespeares Tragödie in Hinblick auf diese Begriffe und Verhaltensweisen einen Spiegel vor?

Denken die Regierenden nicht ausschließlich „kurzfristig“, um jede Sorge und jeden Zukunftsgedanken besser auf morgen zu verschieben? Denken wir an die Zufriedenheit des Claudius über alles, was er unternimmt. Wir können täglich die gefährlichen Folgen dieser Philosophie des Hinauszögerns in der Politik, im Familienleben und ganz einfach im Gang der Welt feststellen: „Wir haben genug Zeit, morgen daran zu denken …“

Sie haben den Hamlet mit Bastian Semm besetzt. Was gefällt Ihnen an Bastian Semm?

Bastian Semm ist 1979 geboren und die ideale Besetzung. Er ist ein ungestümer junger Hamlet und seine Freunde und Feinde bestehen aus einer Gruppe noch jüngerer Schauspieler. Bastian besitzt so ziemlich alle Eigenschaften, die man für diese Rolle erwarten kann: die Fähigkeit nachzudenken, die Selbstbeobachtung, den Hang zu agieren und den, Risiken einzugehen. Die Jugend der Figur ist unerlässlich. Hamlet ist kaum erst erwachsen geworden und fühlt sich von der Heirat seiner Mutter mit seinem Onkel verletzt, der sich wahrscheinlich vor seinem Verrat mehr um seine Erziehung gekümmert hat als sein Vater, der König. Benedikt Freitag ist mit seinen etwas 50 Jahren ein Claudius im besten Alter. Gemeinsam mit dem Polonius von Jörg Reimers bildet er ein politisch effizientes und glaubhaftes Gespann, das vor allem auf dem Gebiet der Außenpolitik „politisch korrekt“ ist. Ein pragmatisches politisches Team, würden wir heute sagen! Auch Gertrud hat einen Platz innerhalb der Machtaufteilung inne, obwohl ihre Geschichte als Königin sich nur „indirekt“ abzeichnet. Dazu ist eine verführerische Schauspielerin nötig, die selbst wenn sie schweigt, sich allein durch ihre Gegenwart durchsetzt. Franziska Srna ist dafür eine Idealbesetzung. Hamlet Senior war wahrscheinlich von den Staatsgeschäften überfordert und behandelte diese als Autokrat. Davon kann bei diesem „Super-Trio“ an der Spitze Dänemarks nicht die Rede sein!

Das neue Team hat eine heikle Situation in den Griff bekommen, und alles ginge bestens, wenn Prinz Hamlet nur seine Trauer beenden wollte. Doch in seiner Weigerung, das Vergangene hinter sich zu lassen und ruhig in die Zukunft zu blicken, versteckt sich natürlich weit mehr als eine einfache Art, das väterliche Andenken zu ehren. Zeit für die Trauerarbeit zu nehmen, bedeutet zuerst, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen, und sei es nur, um die Irrtümer der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Sobald ihm der Geist seines Vaters die Rache auferlegt hat, ist die Zeit aber nicht verloren: zunächst ist es die Zeit, Beweise zu sammeln und danach die Zeit und die Gelegenheit einen Staatsstreich zu organisieren. All dies geht selbstverständlich schief, doch kann man das dem Prinzen zum Vorwurf machen? Ich mag seinen besonnenen, verträumten Charakter, der trotz allem einen Mann der Tat zeigt. Man muss endlich aufhören zu behaupten, dass er nicht zur Tat schreitet! Wenn er bereit ist, ist er fähig zu handeln – „the readiness is all“ – und sei es nur, um sich töten zu lassen.

Ophelia wird von Larissa Aimée Breidbach gespielt. Sie hat sich dem Publikum vor Ort im Februar auch bereits persönlich vorgestellt. Wie sehen Sie die Ophelia?

Ophelia bleibt natürlich ein anderes Geheimnis des Stückes. Ich male mir aus, sie sei eine Adoptivtochter, die Polonius bei einer seiner diplomatischen Missionen vom anderen Ende der Welt mitgebracht hat. Er hat sie so halb und halb erzogen, war aber rasch dabei überfordert und hat sie sich selbst überlassen. Sie irrt nun in Helsingör herum, ohne so recht zu wissen, wo sie hingehört. Und wer könnte wirklich bei Hofe sagen, welchen Rang sie einnimmt? Sie kann sich kein Bild von sich selbst machen, und die verschiedenen Bilder, die ihr die Höflinge anbieten, ermöglichen ihr kein selbständiges Leben. Um diese Rolle zu interpretieren, habe ich eine wunderbare Schauspielerin ausgewählt, die aus Burkina Faso stammt.

Holk Freytag, der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele hat in seiner Einleitung zu den 61. Festspielen unter dem Motto "Reise in die Gegenwart" geschrieben: „ ... Hamlet sieht vor lauter Rückblicken seine Gegenwart nicht mehr und verspielt damit die Zukunft.“

Ja, der „Hamlet“ 2011 von Bad Hersfeld wird wie in einem Traum gespielt, in dem sich die verschiedenen Epochen und Zeiten vermischen und gegen einander prallen. Man wird darin eine laute, zornige Menschheit am Rand des Abgrunds sehen, die aber immer noch fähig ist, sich aufrecht zu halten, bereit zu fallen, aber auch bereit, sich darüber zu amüsieren, knapp bevor sie sich in die Leere stürzt.

Über Jean-Claude Berutti

Der Regisseur Jean-Claude Berutti ist Intendant der Comédie de Saint- Etienne, einer der bedeutendsten Bühnen Frankreichs. Seine Vorliebe gilt der Wiederentdeckung seltener oder vergessener Texte. In den letzten Jahren wurden seine Inszenierungen von Edouard Bourdets LES TEMPS DIFFICILES an der Comédie-Française und von ZELINDA UND LINDORO, eine in Vergessenheit geratene Trilogie Carlo Goldonis, vom Publikum sowie von der französischen und europäischen Presse besonders geschätzt. Für ZELINDA UND LINDORO erhielt Jean-Claude Berutti bei der Biennale von Venedig den LIONCINO D ìORO. Im Bereich der Oper inszeniert Jean-Claude Berutti selten aufgeführte Werke LOUISE von Gustave Charpentier (La Monnaie, Frankfurter Oper, 1986), MANFRED von Schumann (La Monnaie, Opéra de Lyon, 1993), LE MEUBLE ROUGE von Alberto Bruni-Tedeschi (Opéra d’Avignon, 1995), DANTONS TOD von Gottfried von Einem (Opéra de Liège, 1998), FAUST von Gounod (Opéra de Lyon, 2000), PASSAGIO von Berio (Ensemble Inter- contemporain, Paris, 2001), RUSALKA (Opéra de Lyon und Tel Aviv, 2002), LOHENGRIN von Sciarrino (Ensemble Intercontemporain, Paris, 2002) und KÖNIG KANDAULES von Zemlinsky (Opéra de Liège, Opéra de Lorraine, Nancy, 2006). Im Frühjahr 2010 inszenierte er Verdis OTHELLO an der Oper von Nancy. Jean-Claude Berutti hat mit verschiedensten Dirigenten zusammengearbeitet wie etwa Sylvain Cambreling, Philippe Herreweghe, Jonathan Nott, Emmanuelle Haïm, Bernhard Kontarsky, Emmanuel Krivine, Christophe Rousset oder Ivan Fischer. Bei 60. den Bad Hersfelder Festspielen 2010 führte Jean-Claude Berutti die Regie der SOMMERGÄSTE und wurde von der Presse hierfür hoch gelobt. Im November, 2009 hat Die Europäische Theater Konvention (ETC) auf ihrer Hauptversammlung in Posen Polen Jean-Claude Berutti erneut mit großer Mehrheit zum Vorstandsvorsitzenden gewählt.+++

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