Das Radfahren ist sein großes Hobby – viele Bad Salzschlirfer kennen Helmut Kühn , unterwegs mit Mountainbike oder Tourenrad, mal eben hoch zum Hausberg des Badeortes – der es auf immerhin 495 Höhenmeter bringt. Doch das ist für den sportlichen Rentner kein Ausflug, sondern nur eine kurze Nachmittags-Spazierfahrt. Zu seinem 69. Geburtstag hatte er sich einen Traum wahr gemacht und war auf dem Jakobsweg von Bad Salzschlirf bis nach Santiago de Compostela in Spanien geradelt, insgesamt 2 500 Kilometer. Es soll nicht bei dieser einzigen großen Tour bleiben, hatte er damals überlegt und in 2011 die Planung für die nächste Rad-Reise gestartet: das Ziel war dieses Mal die Wallfahrtsstadt Medjugorje in Bosnien-Herzegowina. Schon zweimal hatten er und seine Ehefrau Brunhilde bei Urlauben die Gegend dort kennengelernt. Die 1874 Kilometer lange Strecke hielt Helmut Kühn für die passende sportliche Herausforderung.
Eigentlich wollte er wieder in Gesellschaft radeln, wie in 2010 mit seinem Bruder. Doch der hatte dieses Mal keine Zeit. Eine Anzeige im Herbst 2011 in einer regionalen Tageszeitung brachte zwar drei Kontakte, aber keinen Mitreisenden. Auch im zeitigen Frühjahr annoncierte Helmut Kühn noch einmal, dieses Mal ganz ohne Resonanz. Er fragte beim Alpenverein nach, im dem er auch Mitglied ist, aber auch dort fand sich kein Radel-Interessent für diese Strecke. Das schreckte den Bad Salzschlirfer aber nicht ab. Informationen über die möglichen Routen für ein Fahrrad durch Deutschland, Österreich, Ungarn und Kroatien bis hin zum Ziel holte sich Kühn aus dem Internet und von Albert Gerk aus Müs, der schon seit vielen Jahren Bustouren nach Medjugorje organisiert.
Kühle Frühlingstage
Mitte April sattelte Helmut Kühn sein 27-Gang-Tourenrad mit dem High-Tech-Leichtzelt, Schlafsack, selbstgeschmiedetem Grill sowie dem Notwendigsten an Kleidung und Toilettenartikeln und wartete auf besseres Wetter. Eigentlich wollte er am Weißen Sonntag starten, aber die Aussichten drohten mit Kälte und Nässe. Schon überlegte er, bis nach Wien den Zug zu nehmen, als am Donnerstag bei 9 Grad die Sonne lachte. Also radelte er in Richtung Rhön. Nach etwa 100 Kilometern über Gersfeld und Schwedenschanze war der erste Halt im fränkischen Bad Köngishofen, weiter ging es nach Forchheim. Zum ersten Mal spürte er Schmerzen im Knie – sonst hatte bei längeren Touren eigentlich ab und an das „Hinterteil“ Probleme gemacht. Kühn gab aber nicht auf, besorgte sich in der Apotheke eine Schmerzsalbe und weiter ging es. Nach ein paar Tagen war der Schmerz weg. Die lange Strecke, die sich bis zur Wiener Neustadt hinzog, war sportlich nicht sehr anspruchsvoll, erinnert sich Kühn. „Zu viel Wasser“, hat er in Erinnerung. Er folgte den Kanal-Radwegen, nur bei Regensburg schwenkte er ab besuchte Bekannte, die in der Nähe wohnten. Bei Regensburg traf er auch einen der wenigen anderen Tourenfahrer – dieser wollte bis nach Israel. Die gesamte Region war noch nicht auf Frühling eingestellt, ständiger Gegenwind und ab und an kräftige Regenschauer hielten Kühn davon ab, im Zelt zu übernachten. Er wählte lieber kleine Pensionen. Und auch der Fährbetrieb an der Donau war noch nicht an allen Stellen aufgenommen, so musste der Radfahrer einmal einen beträchtlichen Umweg in Kauf nehmen. In Passau kam er bei freundlichen Temperaturen von 18 Grad an, drei Stunden später regnete es wie aus Kübeln und das Thermometer fiel rasant auf nur noch 6 Grad. Aber am nächsten Tag wurde es wärmer. In Linz nahm sich Kühn Zeit für die Besichtigung des Domes. Dann genoss er auf der Fahrt zwischen Melk und Krems die Blütenpracht in den Weinbergen. Bei Wien wollte er eigentlich das Zelt zum Übernachten nutzen, aber ein freundlicher Einheimischer lotste ihn zur Jugendherberge – mit der fürsorglichen Frage, ob er denn dafür überhaupt Geld habe. Gute Dienste leistete ihm sein satellitengestütztes Navigationsgerät. Das hatte er zwei Jahre zuvor auf dem Jakobsweg noch nicht dabei. Dieses Mal war es auch in der Wiener Innenstadt damit kein Problem, den Weg aus dem Straßendschungel hinaus nach Süden zu finden. In Oberpullendorf ging es über die Grenze nach Ungarn Richtung Plattensee. Das war die härteste Tagesstrecke, erinnert sich Kühn. Er wollte unbedingt ankommen und legte an einem Tag 151 Kilometer zurück. Abends gegen 21 Uhr sah er den See und war erst einmal „fix und fertig“. In einem Wellness-Hotel machte er Quartier, wäre auch gerne noch einen weiteren Tag zur Erholung geblieben, aber die Zimmer waren dann belegt. Also fuhr er weiter bis zum Kis-Balaton, dem kleinen Plattensee, nach Zalavar mit seinem beeindruckenden Millennium-Denkmal.
Gefährliche Tunnels
Weiter ging es über die Grenze nach Kroatien, wo Tagestemperaturen von 33 Grad das Radfahren beeinträchtigten. Von dort führte die Straße über Banja Luca und später über eine Passstraße auf 1123 Höhenmeter. An steileren Abschnitten war dann auch schon einmal Schieben nötig. Die Straße folgte lange dem Fluß Vrbas, der dort durch eine tiefe Schlucht fließt. Die Gegend war für die Augen faszinierend, für Radfahrer mit ihren vielen Tunnels aber nicht ungefährlich. Kühn spannte vorsorglich eine Warnweste über das Gepäck, um bei den Tunneldurchfahrten und auch auf der Strecke besser erkannt zu werden. Kurz vor Mostar übernachtete er noch einmal in einer Pension und schloss sich am nächsten Tag einer deutschen Reisegruppe an, die vom Krieg schwer gezeichnete Stadt der drei Religionen zu besichtigen. Dann fuhr er weiter Richtung Süden zu dem kleinen Ort Blagaj, an dem ein Nebenfluss der Nerevta, die Buna, plötzlich aus dem Karstfels bricht. An der Austrittsstelle liegt ein altes türkisches Bethaus. Das Naturschauspiel beeindruckte Kühn, er blieb eine Nacht, und zeltete auch dort, um seine Campingausrüßstung nicht umsonst mitgenommen zu haben, bevor er sich zu seinem Ziel aufmachte. Am Sonntag, dem 6. Mai, kam er gegen 13.00 Uhr in der Stadt an. Seine Frau Brunhilde hatte sich den Müser Pilgern angeschlossen und war mit dem Auto dem Bus der Reisegruppe gefolgt, die am Samstag in Deutschland aufgebrochen waren. Um 17.00 Uhr traf Kühn die Gruppe im Hotel. Es gab ein großes Hallo, gemeinsam feierte man mit Pater Ljubo, der die Reisenden betreute, eine deutsche Messe in der großen Wallfahrtskirche. Helmut Kühn war also nach 1874 Kilometern am Ziel angekommen. Unterwegs: kein Platten, keine Panne, viele ermüdende Kilometer an Flüssen und Kanälen entlang, aber eine Reise, die er nicht missen will. Dass er die Strecke allein bewältigen musste, fand er im Nachhinein gar nicht so schlecht. Beim Radfahren selbst kann man sich ja kaum unterhalten. Und allein hatte er seinen Fahr-Rhythmus nach Tagesform selbst bestimmen können, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen.
Interview im Radio
Natürlich gehörten in Medjugorie der Besuch des Erscheinungsstelle und des Kreuzberges zum gemeinsamen Programm mit der Müser Gruppe. Wundersame Begebenheit am Rande: eine Mitreisende aus Müs hatte für die Wallfahrtsstätte ein weißes Herz mit kleinen roten Herzen gebastelt. In der Kirche staunten die Deutschen nicht schlecht, als das gleiche Herz in Groß den Altar zierte. Pater Ljubo hatte noch einen Rundfunktermin mit Helmut und Brunhilde bei der örtlichen Radiostation ausgemacht, in dem Helmut über seine Radtour berichten musste. Ein Dolmetscher übersetzte Fragen und Antworten. Die Kühns hoffen, von Pater Ljubo demnächst einen Mitschnitt der Sendung zu erhalten. Dass er an diesem Tag auch seinen 71. Geburtstag feierte, verschwieg Kühn der Reisegruppe und den Reportern allerdings. „Der Rummel war sowieso schon zu groß“, meint der zurückhaltende Sportradler bescheiden dazu. Mit einem Zwischenstopp an der kroatischen Adria-Küste machten sich Helmut und Brunhilde auf den Heimweg. Das Tourenrad wurde „auseinandergenommen“ und fand im Heck des Pkw Platz. Ursprünglich hatten die Beiden ja damit geliebäugelt, den Pilgerbus zur Fahrt zu nutzen, aber der Bus war voll besetzt, die Koffer der Reisenden füllten die Laderäume bis zur Decke und boten keinen Platz mehr bei der Rückfahrt für das zusätzliche Gepäck und das Rad von Helmut Kühn. Also hatte Brunhilde eben die Strecke mit dem Pkw zurückgelegt. Zurück ging es durch das Salzkammergut mit einem kurzen Blick auf das berühmte „Weiße Rössl“. Ohne noch einmal zu übernachten, fuhren die beiden heim und kamen nachts um 3.00 Uhr in Bad Salzschlirf an.
Ein neues Ziel
Körperlich hat Helmut Kühn die Tour gut überstanden. „Es war nicht so anstrengend wie nach Spanien“, vergleicht er die Strecken. „Es gab nicht so viele strapaziöse Steigungen“ und die Knieschmerzen der ersten Tage waren glücklicherweise ja bald vorbei. Er hatte 2, 3 Kilo an Gewicht verloren, „das ist ja nicht schlecht“, meint er und ist sicher, dass die Pfunde wieder zurückkehren. Wieder zuhause in Bad Salzschlirf, musste Helmut Kühn am nächsten Tag mit dem Mountainbike aber gleich einmal zum Sengersberg aufbrechen und tags darauf nach Herbstein. „Ich habe gemerkt, dass ich richtig Kraft in den Beinen entwickelt habe“, meint der drahtige Senior. Daher hat er auch schon wieder Pläne im Kopf für eine weitere Tour. Wohin? Mit einem Bekannten möchte er im kommenden Jahr in die Bad Salzschlirfer Partnerstadt Castel San Pietro Terme in der italienischen Provinz Bologna radeln. Das sind ja „nur“ rund 900 Kilometer. Mit einem Pkw wollen sich die Fahrer dann von ihren Ehefrauen abholen lassen. Und bereits heute sieht Helmut Kühn aus, als ob er schon morgen die Fahrt antreten könnte.(re) +++