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Hier sind die verschiedenen Fußballgucker vereint. - Fotos: Anne Baumann

28.06.12 - REGION

Welcher FUSSBALL-TYP sind Sie? Eine kleine SATIRE zu EM-Deutschland

8:6, 1:2 oder 304:198? Am Donnerstag ist es wieder soweit - Deutschland spielt wieder. Fußballdeutschland ist euphorisiert, fiebert dem EM-Spiel am Donnerstag entgegen, wenn die deutsche Elf Im Halbfinale auf die Italiener trifft. Die Tipps wie es ausgeht, sind dabei ganz verschieden und reichen von Profimeinungen, übers Schulterzucken zu absoluter Unwissenheit. Die EM geht an Keinem vorbei, egal, ob man Lust drauf hat oder nicht. Die Meinungen und Gedanken der Fußballgucker sind genauso verschieden, wie die abgegebenen Tipps. Wie die Deutschen beim Fußballgucken ticken, zeigt ein kleiner, nicht sehr ernsthafter Einblick in die Osthessennews-Redaktion:

Es ist Mittwochmorgen in Fulda, ich spaziere gemächlich in Richtung Redaktion, wohl wissend, das heute nicht viel passieren wird. Das journalistische Sommerloch bahnt sich langsam seinen Weg, wenn keine Überraschung passiert, wird es ein entspannter Tag. Die ersten Kollegen bequemen sich aus dem Auto und prompt begegnet mir ein typisches Bild: schwarz-rot-goldene Überzüge am Außenspiegel. Das Auto kenne ich und die Kollegin dazu auch. Ich mache mir Gedanken, warum sie, obwohl sie kaum eine Idee hat, was eine Abseitsregel ist, ihr Auto behängt. Ich frage mich, was sie dazu bewegt, der Fußball-Elf zuzujubeln. Ich mache mir Gedanken, was wohl die anderen in der Redaktion zur EM sagen. Verfolgen sie die Spiele? Haben sie Ahnung von dem, was da gezeigt wird? Ist es für manche vielleicht einfach ein weiterer Anlass, um den Humpen zu heben? Ich merke, wie sich in meinem Kopf Schemata bilden und ich mir anfange vorzustellen, wie die verschiedenen Typen von Fußballguckern aussehen.

Mein Gang wird gezielter, ich laufe in das erste Büro und treffe die Autodekorateurin, sie ist die Emotionale. Die Emotionale verfolgt das Spiel fiebernd, unwissend, Hauptsache mitschauen. Getreu dem Motto: "Dabei sein, ist alles". „Hast du schon einen Tipp für morgen?“, frage ich. „Ja Deutschland gewinnt natürlich! Mit Verlängerung von mir aus, aber ja kein Elfmeter, das stehe ich nicht durch“, sagt sie mit sich zunehmend überschlagender Stimme. Weitere Fragen haben sich erübrigt, ich muss gar nicht weiter bohren, die Emotionen prallen auf mich ein. „So eine Anspannung“, piepst sie aufgeregt weiter, „und wenn die sich gegenseitig immer treten. Bei jedem Beintritt fühle ich mit, die armen Spieler.“ Die, so denk ich, ja immerhin auch einiges an Kohle dafür abstauben.

Okay. Erste Emotionsladung für heute abgekriegt. Reicht auch erst einmal, es ist ja immerhin noch früh am Morgen. Kaffee balancierend geht’s an den Schreibtisch, durchatmen. „Ich tippe jetzt einfach für Italien“, tönt´s aus dem Nachbarraum. Ich horche auf. „Das machst du doch nur aus Trotz.", kommt von der anderen Ecke. "Ok, dann wetten wir um einen Sonntagsdienst.“ Den Terminatorblick aufgesetzt, gehe ich nach nebenan, scanne meine beiden Redaktionskollegen und stelle beim Ersten fest: Da ist er, der Kenner. Der Kenner spielt meist selbst Fußball und wenn nicht, dann hat er eine Dauerfankarte für seinen Verein. Sein Freundeskreis besteht ebenfalls aus Kennern, andere haben keinen Zutritt. Der Kenner gehört nicht zwingend zur Sorte der „Ich definiere mein Leben über den Ballsport, meine Bettwäsche trägt die Vereinsfarben genauso wie meine Unterwäsche“, aber er ist angetan. Der Kenner trägt das Fantrikot auch eher unter dem Pullover, aber er trägt es. „Historisch gesehen haben wir gegen die Italiener zwar eine schlechte Bilanz", erklärt er fachmännisch, "doch zur Zeit hat die DFB-Elf die besseren Einzelspieler und letztendlich auch das bessere Team. Trotzdem bleiben die Italiener ein unangenehmer Gegner. Ich erwarte eine defensiv eingestellte Squadra azzurra, die auf Konter lauern und ihre wenigen Chancen eiskalt nutzen. Nichts desto trotz werden wir die Italiener schlagen, sofern die Deutschen ihr komplettes Leistungsvermögen abrufen."

Ich brauche nicht lange, um festzustellen, dass ich nur römische Dörfer verstehe und beobachte stattdessen das Gegenüber des Kenners. Ich erkenne ihn ganz klar – der Genervte. Der Genervte hat bisher höchstens eine Halbzeit von einem EM-Deutschlandspiel gesehen und das auch nur eher durch Zufall. Wahrscheinlich waren die Batterien der Fernbedienung leer. Der Genervte hat auch heute einfach nur aus Prinzip gegen Deutschland gewettet. Wie es am Ende ausgeht, ist ihm ja eh vollkommen egal. Zu dumm nur, dass jetzt ein Sonntagsdienst dranhängt.

Ich stelle fest, dass der obligatorische Morgenkaffee heute doch nicht ausreicht. War eben eine lange Nacht. Ich gehe zurück in die Küche und höre noch, wie der Genervte fluchend das Radio ausschaltet, als die Moderatorin „Wir lieben Deutscheland“ aus den Boxen grölt. In der Küche haben sich bereits zwei Kolleginnen zum Plausch zusammengefunden. „Und was sagt ihr zum Fußball-Hype?“ frage ich. „Hoffentlich regnet´s im Stadion, da müssen die Herren ihre Shirts ausziehen“, kichert die eine. Sie ist die Klischeefrau. Die Klischeefrau entspricht allen – vor allem männlichen Vorstellungen – einer fußballguckenden, unwissenden Weiblichkeit. Sie kennt weder Namen noch Nummern der Spieler, wenn man ihr jedoch die Frisur und den nackten Oberkörper zeigt, weiß sie Bescheid. Die Klischeefrau schaltet meist erst nach dem Abpfiff ein, dann werden endlich die Trikots getauscht. Sie fragt sich, warum ein so gut aussehender Mann pinke Schuhe zu blauen Socken trägt und warum manches Tor einfach nicht zählt, obwohl der Ball doch drin war. Die Klischeefrau kleidet sich nach allen Regeln der schwarz-rot-goldenen Kunst ein, „aber stilvoll natürlich“.

Ihr Gegenüber kann diese vermeintliche Oberflächlichkeit gar nicht verstehen. Sie ist die Soziologin. Die Soziologin analysiert das Spiel unter makrogesellschaftlichen Gesichtspunkten. „Sicher ist diese Euphorie manchmal ein wenig übertrieben, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl, das durch die EM entsteht, ist schon toll.“ Für die Soziologin lebt ein durch „die schreckliche deutsche Vergangenheit verlorenes Nationalgefühl“ wieder auf. Sie sieht eine Chance im Fußball, das Bild von den „deutschen Panzern“ endlich zu verlieren und ein sympathisches Deutschland zu zeigen. Gut, das reicht erst einmal an Eindrücken. Es wird Zeit für die alltägliche Arbeit.

Was für ein Tag! Mit schwirrt noch jetzt der Kopf von den ganzen Eindrücken. Vielleicht ein Feierabendbierchen? Als ich mich mit einem Kollegen zu diesem verabrede, komme ich doch nicht umhin, auch ihn mal zu fragen: „Und, was tippst du für das Spiel morgen?“ „Mmh, 2:1 für Deutschland glaub ich.“ „Und warum?“, frag ich. „Keine Ahnung. Hauptsache, wir können am Sonntag nochmal feiern.“, spricht der Partygänger. Ich glaube, damit kann ich mich zufrieden geben. Das ist doch mal eine gesunde Einstellung zum Fußball. (Anne Baumann) +++


Die Modebewusste freut sich darauf, ihr neues Deutschland-Shirt zu präsentieren.

Der Kenner weiß schon vor dem Spiel, was ihn erwartet und würde gern mit dem Kommentator tauschen.


Auch allerorts bekannt: Der Gröler und Partygänger, der sich nach dem Spiel zum Autoderby begibt.

Die Soziologin behält die Bedeutung des Fußballs in der Gesellschaft im Blick.


Der Genervte hockt oft gezwungenermaßen dabei - Lust auf Fußballgucken hat er deshalb trotzdem nicht.

Am Ende setzt sich die Euphorie bei allen durch - egal WIE geguckt wird.

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