Das Heringer Freibad "fritz kunze bad", das seinen Namen übrigens dessen ehemaligen Bademeister verdankt, war auf Anweisung des Gesundheitsamtes letzte Woche geschlossen worden, weil der Grenzwert für Bakterien der Gattung „Pseudomonas aeruginosa“ (Pseudomonaden) deutlich überschritten war. Eine am letzten Freitag entnommene Wasserprobe hatte ergeben, dass der Pseudomonaden-Grenzwert höher als erlaubt war. Die erhöhte Keimbelastung, die vermutlich von Einschwemmungen während der anhaltenden Schlechtwetterperiode stammen, hätte zu Eiterungen und Abzessen bei den Badegästen führen können - deshalb die vorsorgliche Schließung. Nachdem der Volumenstrom der Filterung erhöht wurde und eine erneute Beprobung in Ordnung war, konnte das Bad gestern Nachmittag wieder geöffnet werden. Heringens Bürgermeister Hans Ries nimmt zu den aufgetretenen Schwierigkeiten und deren Ursache in einem offenen Brief Stellung, den wir hier IM WORTLAUT veröffentlichen:
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Badegäste, glaubt wirklich jemand, wir würden in unserem neuen Ganzjahresbad einen Menschen auch nur eine Minute einer möglichen Gefahr aussetzen? Wir haben uns seinerzeit bewusst für einen chlorfreien Freibadbereich entschieden, um auch empfindlichen Badegästen bei uns Spaß und Freude im Wasser zu ermöglichen. Der Aufwand, den wir dort zur Reinhaltung des Badewassers betreiben, ist enorm und sobald wir eine Abweichung registrieren, reagieren wir auch sofort. Allerdings wachsen auch zunehmend die Anforderungen an die Qualität des Badewassers, genau wie im Trinkwasserbereich, um weitgehende Keimfreiheit zu erreichen. Im Hallenbad war das Badewasser zu jeder Zeit absolut in Ordnung und dennoch haben wir das Bad für drei Wochen geschlossen, um einer Keimbelastung in einem vorgeschalteten Pumpensystem auf den Grund zu gehen. Mit einer herkömmlichen Filtertechnik hätte man den Defekt erst viel später bemerkt.
Wir kämpfen dem Grunde nach gegen ein Stück Natur an, die die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet. Mit ungeheurem finanziellem, technischen und chemischen Aufwand versuchen wir in allen Bereichen unseres Lebens Keimfreiheit herzustellen, um mögliche Gefahren abzuwehren und wir haben in der Tat große Erfolge zu verzeichnen und als einen Nebeneffekt auch deutlich höhere Wasserund Abwasserpreise. Wer von Ihnen hingegen z. B. einmal in Spanien im Urlaub war, der wird sich hüten, das Wasser aus dem Wasserhahn zu trinken und vielleicht sollte man erst einmal hinter die "Kulissen" schauen, bevor man dort im Meer schwimmen geht. Als hiesige Kommune und Dienstleister treibt uns die ständige Angst, einem Menschen Schaden zufügen zu können. Daher wird alles vielfach juristisch und technisch abgesichert. Es wird auch immer wieder die Frage aufgeworfen, ob die chemischen Keulen nicht noch viel größer und stärker sein sollten, um selbst die letzte vermeintliche Gefahr für die stetig sensibler reagierenden Menschen zu tilgen. Ich glaube jedoch, nicht nur ich habe damit ein Problem, weil auf der anderen Seite fortlaufend neue Schreckensmeldungen über Allergien gerade bei Kindern als eine Folge unseres immer sterileren Lebens diskutiert werden.
Ich persönlich bin auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, habe frisch gemolkene unsterlisierte Milch und Leitungswasser aus dem Gartenschlauch getrunken. Wir waren im Stall, im Feld und haben die Möhren in der Regentonne abgewaschen oder gleich so gegessen und ich bin bei Tante Emma in den Kindergarten gegangen. Alles nach damaligen Maßstäben! Wenn man weiter bedenkt, dass es Knie ohne Heftpflaster im Sommer praktisch nicht gab und nur einmal wöchentlich gebadet wurde, frage ich mich immer wieder, wie ich das nach heutigen Maßstäben überleben konnte und dabei pumperlgesund geblieben bin und warum in jetziger Zeit immer mehr Kinder unter Allergien leiden, von denen wir damals nicht einmal etwas gehört hatten. Die Entscheidung für die Filtertechnik im Bad fiel zwischen Natur oder Chemie und wir haben uns für die Natur entschieden, selbst wenn sie uns ab und an trotz aller Anstrengung einen Streich spielt, den wir dann erst wieder verstehen müssen, damit er nicht mehr vorkommen kann. Dort wo es geht, mit der Natur, statt gegen die Natur, halte ich auch ganz persönlich für besser und langfristig für die gesündere Alternative. Seien Sie also weiterhin unsere Gäste im schönen fritz kunze bad."+++