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28.08.12 - SCHLITZ

Ausnahme-Athletin Michaela FLOETH startet in London - "Sport ist meine Arbeit"

Sie ist Schlitzerin, wohnt sozusagen in der Nachbarschaft, ist verheiratet, erfolgreich im Beruf, hat ein Haus und steht mitten im Leben. Dennoch ist sie eine außergewöhnliche Frau mit einem ebenso außergewöhnlichen Alltag -  nicht nur wegen ihrer Körpergröße von 1,85 m. Michaela Floeth (im Bild von Annette Deibel) kam erst spät, mit 28 Jahren, zum Leistungssport, hat aber seitdem so viele Titel gewonnen, dass sie diese spontan nicht aufzählen kann: "Ich bin so oft deutsche Meisterin geworden, dass ich mich nicht an die genaue Zahl erinnern kann." Die größten internationalen Erfolge hat sie parat. Sie ist viermalige Weltmeisterin im Kugelstoßen und verteidigt diesen Titel seit 10 Jahren. Ebenso lange hält sie den Weltrekord, der ihr in 2004 kurzfristig verloren ging, den sie aber nur ein Jahr später wiederholte.

Im Diskuswerfen wurde sie Vize-Weltmeisterin in 2006, und gewann sechs Goldmedallien im Kugelstoßen und Diskuswerfen bei den Europäischen Meisterschaften. Vor allem aber gewann sie im Jahr 2000 Gold bei den Paralympics in Sydney und acht Jahre später Bronze in Beijing und ist erneut dieses Jahr für London nominiert, was für sie die vierte Teilnahme bei den Paralympics bedeutet. Sie fragen sich, warum sie nicht schon längst Gast in der Sportschau war und nicht auf den Sportseiten der großen Tagespresse? Michaela Floeth trägt eine Unterschenkel-Prothese, ist im Nationalteam des Deutschen Behindertenverbands und hat die meisten ihrer Titel in Internationalen Wettkämpfen nach den Grundlagen des IPC bestritten - des internationalen paralympischen Komittees. Gold und Bronze gewann sie bei den Paralympics, die den olympischen Spielen offiziell seit 1988 direkt folgen und deren Teilnehmer aus der ganzen Welt ebenso in das olympische Dorf einziehen.

Dies  zur Erklärung der oben gestellten Frage, aber eine befriedigende Antwort ist dies nicht, denn sie bleibt im Grundsatz unverständlich. Mit einem enormen Maß an Disziplin, Fleiß, Motivation,Kampfgeist und natürlich auch Talent entwickelte sich Michaela von einer Sportlerin zu einer herausragenden Athletin. Sie kommt aus einer sportlichen Familie, in der vor allem Handball gespielt wurde. Sport ist damit schon früh Teil ihres Alltags gewesen und sie hatte darin viel Erfolg. Durch einen falsch diagnostizierten, und dadurch viel zu spät entdeckten Tumor im rechten Unterschenkel geriet sie bereits mit 19 Jahren in Lebensgefahr. Die kräftezehrende Krebstherapie und eine missglückte Operation mit Knochenentzündung führten dazu, dass einzig eine Amputation die lebensrettende Maßnahme war.

Wichtig war ihr der Sieg gegen den Krebs,  als traumatisch empfand sie die Amputation nicht. Im Gegenteil: Durch das vorangegangene lange Leiden und die stückweise "Annäherung" an den Sachverhalt konnte sie dies physisch und auch psychisch gut verarbeiten. Dennoch war der Bruch in ihrem Alltag sehr groß und das neue Leben erforderte ihre ganze Kraft. Zu Anfang gingen ihr die irritierten Blicke Anderer noch nah, Bemerkungen zu ihrer Behinderung verletzten sie damals. Der Sport nahm schnell wieder eine zentrale Rolle ein, aber sie musste lange nach dem "richtigen" Bewegungsfeld suchen. Rollstuhl-Basketball engte sie zu sehr ein, die komplexe Motorik überforderte sie, da sie keine Übung im Rollstuhlfahren hatte. Bei Wasserball war sie als einzige Frau "zu viel unter Wasser", wie sie es lachend formuliert, und ohne Sportprothese ging auch Joggen nicht.

Schließlich trifft sie "durch eine glückliche Fügung" den Herausgeber des "Handicap"-Magazins, der selbst Paralympics-Gewinner war und sie zu einem Sichtungslehrgang in das Nationalteam einlud. Der Anfang war gemacht, und seit nunmehr über 10 Jahren tritt sie auf höchster internationaler Ebene an. Mit unglaublich viel Arbeit, den bereits genannten positiven und stärkenden Charakterzügen - darunter auch eine bescheidene Bodenständigkeit und das Fehlen jeglicher Star-Eitelkeiten - schafft sie, wozu andere auch mit vollständigen Gliedmaßen nicht in der Lage sind: Sie wird die Weltbeste in ihrer Disziplin. Sie trainiert in Schlitz, wo sie ihren Lebensmittelpunkt hat, muss aber regelmäßig auch für komplexe Trainingseinheiten nach Leverkusen, wo ihr Trainer mit ihr arbeitet. Dort ist auch ihr Verein, der TSV Bayer 04 Leverkusen, deren Mitgliedschaft in der Behindertensportabteilung eine der grundlegenden Voraussetzungen für die Teilnahme an nationalen Wettkämpfen darstellt.

Ob sie sich selbst als "behindert" bezeichnet? "Nein," antwortet sie, "ich bin in meinem Handeln und Tun nicht behindert. Deshalb sage ich das nicht. Aber wenn andere das tun, empfinde ich das überhaupt nicht beleidigend." Der Behindertensport in internationaler Konkurrenz ist komplex strukturiert, um die Vergleichbarkeit der einzelnen Disziplinen zu ermöglichen. Das ist logisch, erfordert aber auch genaueres Hinsehen und Mitdenken, um sich das System zu erschließen. Angesichts der Leistungen der Athleten sollte diese vergleichsweise kleine Anstrengung eigentlich keine Hürde sein, dem Behindertensport noch mehr Stellenwert angedeihen zu lassen.

Man darf auf eine solche Entwicklung hoffen, denn die Paralympics 2012 haben sich zum Zuschauermagneten entwickelt - der größte Teil der Eintrittskarten ist verkauft. Dieses Jahr werden die Eröffnungsfeier und die Wettkämpfe der Paralympics, an denen sie teilnimmt, live in der ARD und ZDF übertragen. Nach einer Schulter-OP im letzten Jahr rechnet sie sich für London keine Medaillen-Chancen aus, aber wer weiß: Vielleicht steht demnächst erneut eine Schlitzerin auf dem Siegertreppchen und winkt, diesmal sogar in die Kamera, und ist damit nicht nur in der ganzen Welt, sondern auch in den hiesigen Wohnzimmern zu sehen. (Annette Deibel) +++

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