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Eva Baumann fuhr ein halbes Jahr auf dem Containerschiff JULA S. - Fotos: Privat

Beim Interview in der osthessen-news Redaktion. - Fotos: Hans-Hubertus Braune

08.03.13 - FULDA

Als Frau unterwegs in einer Männerwelt - Eva wird KAPITÄNIN zur See - TEIL 1

„Are you boy or are you girl?" wurde meine Schwester einmal in China gefragt. Und das nicht nur wegen ihres schmutzigen Overalls oder den raspelkurzen Haaren. Sondern, weil dem Chinesen das Bild vollkommen fremd war: eine Frau an Bord. Eine Frau, die selbstbewussten Schrittes die Gangway hinabspaziert. Ein Frau, die hilft, tonnenschwere Ladung von einem 200 Meter langen Containerschiff zu befördern. Eine Frau, die am Ende sogar den Männern am Hafen Anweisungen gibt. "Wie kann das sein?", wird sich der Asiate gefragt haben. Eine Frau gehört nach seinen Begriffen doch an den Herd, eine Frau passt auf die Kinder auf und steht nicht am Hafen. Oder?

Nachdem Eva Baumann zehn Jahre am Check-In des Frankfurter Flughafens arbeitete, hängte sie ihren sicheren Job an den Nagel, um zur See zu fahren. Aktuell studiert sie Nautik in Elsfleth in der Nähe von Bremen und wird in einigen Jahren als Kapitänin auf den Meeren dieser Welt unterwegs sein. Passend zum heutigen Weltfrauentag hat sie mich in der osthessen-news Redaktion besucht und über ihr Leben gesprochen – über ihre Vorgeschichte, die Liebe zur See und das Leben als Frau an Bord.

Du bist schon als junges Mädchen in einem Segelboot mit mir auf dem kleinen See bei unserer Oma gefahren und hast das Steuer geführt. Trotzdem hat es nochmal fast 30 Jahre gedauert, bis du den Entschluss gefasst hast, zur See zu fahren. Wie kommt das?

Den Beruf des Kapitäns hatte ich so nie auf meiner Agenda. Ich komme nicht von der Küste, sondern vom Land. Trotzdem war ich schon immer mehr Junge als Mädchen. Ich bin auf Bäume geklettert, habe Schatzkarten gemalt und mit der Rennbahn gespielt. Ich habe immer mit viel Fantasie gespielt und Puppen haben mir dazu nicht gereicht.

Und trotzdem wähltest du dann einen recht monotonen Beruf – du hast eine Ausbildung am Flughafen gemacht, als Servicekauffrau im Luftverkehr.

Ja und das war natürlich für mich die große, weite Welt! Ich komme aus einem kleinen Dorf in Ostthüringen und bin von dort aus nach Frankfurt an den Flughafen gezogen, habe internationales Flair geschnuppert und dazu noch ziemlich gutes Geld verdient. Von daher hat der Job zum damaligen Zeitpunkt sehr gut zu mir gepasst.

Bis du dich dann entschieden hast, dein Leben komplett zu ändern. Du hast mit 30 Jahren deinen sicheren Job an den Nagel gehängt, deine Freunde und deine gewohnte Umgebung aufgegeben und dich entschlossen, zur See zu fahren. Wie kam das?

Also ich muss dazu sagen, dass ich schon immer neben meinem damaligen Beruf sehr viele Hobbies ausgelebt habe – Fotografie, Kunst, Sport und ich bin sehr viel gereist. Der Job am Flughafen hat mich irgendwann nicht mehr ausgefüllt und ich war noch immer auf der Suche nach meiner Bestimmung. Einmal war ich mit meinem damaligen Freund am Mittelmeer und wollte Segelboot fahren, das fand ich schon immer toll. Allerdings ging das nicht, die wollten einen Segelschein sehen. Und weil wir zu der Zeit nach Wiesbaden gezogen sind, wo es eine Jachtschule gibt, habe ich gedacht: „Dann mache ich eben einen Segelschein". Allerdings bin ich nicht gut im Auswendiglernen, ich kann nicht gut rechnen und so weiter. Aber ich hab es durchgezogen und als ich dann den ersten Schein hatte, packte mich der Ehrgeiz. Ich habe dann immer weiter gelernt, bis zum zweithöchsten Jachtschein, den man in Deutschland machen kann.

Was hat dich denn so am Segeln fasziniert?

Es ist die Freiheit und die Einfachheit auf See. Dort gibt es nichts außer der See, den Sternen, dir und dem Boot. Dort zählt nur: Habe ich genug Proviant und Wasser, um zu überleben? Steht der Wind richtig und funktioniert die Technik, damit ich nicht absaufe? Alles andere wird so unwichtig. Da geht es ganz einfach ums Überleben.

Das heißt, auf See bist du ganz bei dir?

Ja genau.

Okay, du warst also fasziniert vom Segeln, parallel sind die Bedingungen am Flughafen schlechter geworden. Dann kam noch ein schwerer Schicksalsschlag, deine Krankheit. Hat sie die Entscheidung, dein Leben zu ändern, beeinflusst?

Es weiß bis heute keiner, was das so richtig war. Eine „schwere Allergie" – nett ausgedrückt. Mein ganzer Körper war wund, meine Augen gequollen, mein Rücken blutig. Ich hatte solche Schmerzen, ich wollte einfach nicht mehr. Ich hatte keine Lust mehr zu leben.

Aber du hast die Krankheit besiegt.

Ja, das habe ich. Aber im Prinzip kam sie aus dem Nichts und sie ging ins Nichts. Da wurde mir klar: „Es kann einfach jederzeit vorbei sein." Und wenn du das weißt, fängst du an, über dein Leben nachzudenken. Ich wollte in meinem Leben nichts bereuen, ich wollte keine Midlife-Crisis oder so was. Und so schlimm die Krankheit war: das war der Arschtritt, den ich gebraucht habe.

Lesen Sie am morgigen Samstag den zweiten Teil von Evas Geschichte und erfahren Sie, wie der Alltag auf einem Containerschiff ist und welche Erfahrungen sie als Frau an Bord machte.  (Anne Baumann) +++




Eva Baumann als Skipper am Steuer einer Jacht. - Fotos: Privat

Körperliche Arbeiten müssen erledigt werden - egal ob von Frau oder Mann.



In ihren Semesterferien ist sie oft als Skipper an der Côte d´Azur unterwegs.


Mit der Roald Amundsen fuhr sie schon mehrfach...

Beim Seekarten-Check unter Deck.


Ganz oben im Mast...

... und hier am Steuer.


Samstag war auf der JULA S Karaoke-Zeit. "Irgendwie muss man ja seine Gefühle ausleben", sagt sie dazu.


Traumhafte Aussichten auf See.

Mit zwei Crewmitgliedern an Deck - mal geschminkt und mit etwas längeren Haaren.



Die JULA S bietet Platz für 2.500 Container.



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