Archiv

Eva Baumann als Skipper am Steuer einer Jacht. - Fotos: Privat

Beim Interview in der osthessen-news-Redaktion. - Fotos: Hans-Hubertus Braune

09.03.13 - FULDA

Als Frau unterwegs in einer Männerwelt - Eva wird KAPITÄNIN zur See - TEIL 2

„Are you boy or are you girl?" wurde meine Schwester einmal in China gefragt. Und das nicht nur wegen ihres schmutzigen Overalls oder den raspelkurzen Haaren. Sondern, weil dem Chinese das Bild vollkommen fremd war: eine Frau an Bord. Eine Frau, die selbstbewussten Schrittes die Gangway hinabspaziert. Ein Frau, die hilft, tonnenschwere Ladung von einem 200 Meter langen Containerschiff zu befördern. Eine Frau, die am Ende sogar den Männern am Hafen Anweisungen gibt. "Wie kann das sein?", wird sich der Asiate gefragt haben. Eine Frau gehört nach seinen Begriffen doch an den Herd, eine Frau passt auf die Kinder auf und steht nicht am Hafen. Oder?

Nachdem Eva Baumann zehn Jahre am Check-In des Frankfurter Flughafens arbeitete, hängte sie ihren sicheren Job an den Nagel, um zur See zu fahren. Aktuell studiert sie Nautik in Elsfleth in der Nähe von Bremen und wird in einigen Jahren als Kapitänin auf den Meeren dieser Welt unterwegs sein. Passend zum Weltfrauentag am gestrigen Freitag hat sie mich in der osthessen-news Redaktion besucht und über ihr Leben gesprochen – über ihre Vorgeschichte, die Liebe zur See und das Leben als Frau an Bord.

Den ersten Teil zum Interview finden Sie unter: http://osthessen-news.de/beitrag.php?id=1228061

Warum hast du dich für das Nautik-Studium entschieden?

Mit dem Studium habe ich nur ein Jahr Fahrzeit, drei Jahre Theorie und bin dann schon Offizier – erst Dritter, Zweiter, Erster und dann wird man zum Kapitän befördert. Die Seefahrtschule ist eher mit einer Berufsschule vergleichbar. Marine ist nichts für mich, mit dem System und der Art und Weise, dir was beizubringen, würde ich nicht klarkommen. Also habe ich mich für das Studium entschieden. Und die Hochschule in Elsfleth hat einen sehr guten Ruf.

Vor dem theoretischen Studium müssen die Studenten erst einmal ein halbes Jahr fahren. Du bist im Herbst 2011 an Bord gegangen und mit dem Containerschiff JULA S ein halbes Jahr zwischen Asien und Südamerika gefahren. Wie kann man sich denn so einen Tag an Bord vorstellen?

Ich habe in verschiedene Abteilungen durchlaufen. Unsere Crew bestand aus 20 Leuten, dem Kapitän, drei Offizieren, dem Kapitän der Maschine und seinen Offizieren, den Matrosen (das sind meist Philippinos und Russen), einem Koch und seinem Gehilfen. Die Schiffsführung wechselt alle vier bis fünf Monate, die Matrosen sind meist länger da. Wenn ich zum Beispiel mit dem zweiten Offizier Wachdienst hatte, bin ich kurz vor 24 Uhr aufgestanden. Dann sind wir immer zwischen 0 und 4 Uhr Wache gegangen. Währenddessen führt man das Schiff, beobachtet den Radar, korrigiert die Karten und hält den Blick vor allem immer auf den Verkehr. Dann war ich froh, wenn ich noch mal ein bisschen schlafen konnte. Und ab 9 Uhr gingen dann die alltäglichen Arbeiten los, wie die Kontrolle und Wartung der Rettungsmittel und so weiter. Dann gab es Mittag, nachmittags wieder Wache und abends konnte ich auf meine eigene Kammer.

Ein halbes Jahr mit 20 Leuten auf einem 200 Meter langem Schiff – da ist nicht viel Raum für Privatsphäre oder?

Nein, nicht wirklich. Deshalb essen auch Offiziere und Crew getrennt voneinander. Diese Hierarchie fand ich erst komisch, aber so kann man Arbeit und Privatleben wenigstens ein bisschen trennen. Du willst ja vielleicht auch nicht, dass dich dein Chef im Schlafanzug sieht.

Zumal du die einzige Frau an Bord warst. Eine Kommilitonin von dir schrieb in ihrer Bachelorarbeit zu dem Thema: „Es hat sich seit dem Mittelalter nichts an Bord geändert." Ist das so?

Leider ja. Zumindest bei den Nicht-Europäern gelten gängige Klischees - zumindest nach meiner Wahrnehmung: die männlichen Matrosen fröhnen dem Alkohol, eine Frau gehört hinter den Herd und zu den Kindern. An Bord bringt sie nur Unglück. Dieses Bewusstsein bekam ich schon beim Jachten: wenn du maskulin wirkst und aussiehst, ist es okay – im rosa Kleidchen will dich keiner als Skipper.

Also hast du dir für die Zeit an Bord vorgenommen, möglichst maskulin zu wirken?

Ja. Ich dachte, wenn ich maskulin wirke, dann werde ich ernst genommen und nicht belästigt. Also hab ich mir die Haare auf 16 Millimeter kurzgeschnitten und Männer-Shirts getragen. In China haben sie mich sogar am Hafen gefragt: „Are you boy or are you girl?" Und für die Crew war ich teilweise Luft, beziehungsweise wussten die nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Oft haben sie mich nicht körperlich arbeiten lassen, aber ich habe dann trotzdem alles mitgemacht, um mich zu beweisen. Ich habe geholfen, Proviant zu stauen, habe mit den Leinen hantiert, Maschinen gereinigt usw. Nach vier Monaten gefühlter Geschlechtsneutralität hatte ich die Schnauze voll von: ich muss männlich sein, ich muss hässliche Männerklamotten anziehen und kann niemals Make-Up auftragen. Dann habe ich mir in Chile ein Kleid und schöne Ohrringe gekauft und bin damit an Bord. Den Matrosen an der Gangway sind die Augen rausgefallen. Ich hatte dann auch mehr Selbstbewusstsein und wurde ernst genommen. Ich war einfach wieder mehr ich selbst. Allerdings wurde mir dann auch schon mal ein Liebesbriefchen unter der Tür durchgeschoben.

Aber du wurdest nie belästigt?

Nein, niemals! Bis auf kleine Schwärmereien war da nichts. Ich wurde dann öfter gefragt, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe und fühlte mich schon mehr ernst genommen.

Also spielte dein Aussehen und die Art, wie du dich gegeben hast eine große Rolle?

Ja, denn du musst dir ja überlegen: 1. Was wird von mir erwartet? 2. Was will ich übermitteln? Und 3. Wer bin ich wirklich? Und gegen Ende der Fahrt hatte ich mich auch wieder gefunden. Mit diesem Selbstbewusstsein und dieser Entspanntheit gehe ich jetzt auch Jachten. Und siehe: ich werde als Skipper akzeptiert.

Hätte ein Mann auch diese Probleme gehabt?

Nein, das denke ich nicht. Als Frau musst du nun mal den Job besser machen als der Mann, um dieselbe Anerkennung zu kriegen. Das ist für meine Begriffe leider so. Was du aber nicht machen darfst, ist das Frausein ausspielen. Aber du musst taff sein, das steht fest.

Trotz der vielen Hindernisse: wirst du weiter machen?

Ja auf jeden Fall. Ich ziehe mein Studium durch und will dann auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern. Ich liebe die See – es ist alles, was ich immer wollte! (Anne Baumann) +++




Eva Baumann fuhr ein halbes Jahr auf dem Containerschiff JULA S. - Fotos: Privat

Körperliche Arbeiten müssen erledigt werden - egal ob von Frau oder Mann.



In ihren Semesterferien ist sie oft als Skipper an der Côte d´Azur unterwegs.


Mit der Roald Amundsen fuhr sie schon mehrfach...

Beim Seekarten-Check unter Deck.


Ganz oben im Mast...

... und hier am Steuer.


Samstag war auf der JULA S Karaoke-Zeit. "Irgendwie muss man ja seine Gefühle ausleben", sagt sie dazu.


Traumhafte Aussichten auf See.

Mit zwei Crewmitgliedern an Deck - mal geschminkt und mit etwas längeren Haaren.



Die JULA S bietet Platz für 2.500 Container.



Über Osthessen News

Kontakt
Impressum
Cookie-Einstellungen anpassen

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Whatsapp
Instagram
TikTok

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön