05.04.13 - BEBRA

Leben im Zeichen des Widerstandes - Clarita von TROTT zu SOLZ (95) verstorben

Am vergangenen Gründonnerstag ist - wie erst am heutigen Freitag bekannt wurde - Dr. Clarita von Trott zu Solz, geborene Tiefenbacher im Alter von 95 Jahren in Berlin gestorben. Ihr Mann Adam von Trott zu Solz, der seine Wurzeln in Imshausen nahe Bebra hatte, war Mitglied des Kreisauer Kreises und ein Freund Stauffenbergs. Trott wurde als einer der Mitplaner des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 im August 1944 hingerichtet.

Clarita Tiefenbacher wurde 1917 als Tochter eines Hamburger Rechtsanwaltes geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst ein Landjahr und eine Büroausbildung, hinzu kamen einige Aufenthalte im Ausland. Adam von Trott zu Solz lernte sie 1935 kennen, als er im Rahmen seiner juristischen Ausbildung einige Monate in Hamburg tätig war. Mit „täglichen bleistiftgeschriebenen Briefen" intensivierte er nach seiner Rückkehr von seiner Chinareise 1939 den Kontakt zu ihr. Im Juni 1940 heirateten Clarita und Adam von Trott zu Solz. Fast gleichzeitig begann er, in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes zu arbeiten. 1942 und 1943 wurden die Töchter Verena und Clarita geboren.

Nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 bemühte sich Clarita von Trott vergeblich um Hilfe für ihren Mann. Auf dem Weg zum Volksgerichtshof, wo ihren Mann das Todesurteil erwartete und wo sie ihn ein letztes Mal zu sehen hoffte, erfuhr sie, dass ihre Kinder (2,5 Jahre und 9 Monate alt), von der Gestapo in Imshausen abgeholt und an einen unbekannten Ort verschleppt worden waren, an dem sie auch einen anderen Namen erhielten.

Rückblickend berichtete Clarita von Trott, dass dies wohl einer der schrecklichsten Momente ihres Lebens gewesen sei. Sie wurde dann, wie viele andere Familienmitglieder der Verschwörer, in Sippenhaft genommen und bis Ende September 1944 im Frauengefängnis Moabit. Im Oktober 1944 wurden auch ihre Kinder nach Imshausen zurückgebracht.

Nach dem Krieg war die 27jährige nicht nur mit der Notwendigkeit konfrontiert, ohne ihren Mann weiterleben und ihre Kinder allein erziehen zu müssen. Die hingerichteteten Männer galten noch lange als „Verräter" und ihren Hinterbliebenen wurden bis in die 1950er Jahre hinein keine staatlichen Versorgungsleistungen zugebilligt. Clarita von Trott lebte zunächst in Imshausen, Berlin und im Ausland, wohin sie von Freunden eingeladen wurde.

Von 1950 bis 1955 studierte sie Medizin und promovierte. Später folgten die Facharztausbildung in Neurologie und Psychiatrie sowie eine Lehranalyse. Mit 50 Jahren ließ sie sich in eigener Praxis als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin nieder und praktizierte bis in ihr 80. Lebensjahr.

Zwischen 1956 und 1958 verfasste sie - zunächst lediglich gedacht für Familie und Freunde sowie als Grundlage für eine spätere Biographie – auf der Basis der von ihr erbetenen Zeugnisse von noch lebenden Freunden sowie von erhaltenen Briefen und Dokumenten eine Lebensbeschreibung über Adam von Trott zu Solz, die 1994 veröffentlicht wurde und die 2009 als ergänzte Neuauflage im Lukas-Verlag erschien. Ihr Buch wurde zum Grundstein für alle weiteren Recherchen und Publikationen zu dem Denken und Handeln ihres Mannes und seiner Freunde.

Trotz ihres sehr unabhängigen, eigenständigen, intensiven und arbeitsreichen Lebens in der Zeit nach dem Krieg, fühlte sich Clarita als Ehefrau und Zeitzeugin bis zuletzt dem Auftrag verpflichtet, die Botschaft ihres Mannes und seiner Freunde weiter zu tragen. 1987 schrieb sie in einem Rückblick auf ihre Ehe: „Mein Leben war ungewöhnlich reich als Mutter meiner Töchter und ihrer Familien, durch Freundschaften und den ärztlichen Umgang mit Menschen in psychischer Not. Aber in der Mitte der Existenz blieb Adams Platz leer."

Auch als Ehrenvorsitzende der Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V. war Clarita von Trott eng mit der Erinnerung an Adam von Trott und den 20. Juli 1944 verbunden. Die Arbeit der Stiftung begleitete sie bis zuletzt sehr aufmerksam und mit großer Anteilnahme. Am 60. Jahrestag des 20. Juli legte sie in der Gedenkfeier am Kreuz Zeugnis ab von Adams und ihrer Entschlossenheit zu handeln. Ihr Mann hatte sie vor dem Attentat gebeten, dass sie – sollte der Versuch misslingen – gegenüber der Nachwelt Zeugnis ablegen solle, damit dieser Versuch nicht der Vergessenheit anheim fiele.

Clarita von Trott hat sich zeitlebens in besonderer Weise dafür eingesetzt, aus den schrecklichen Verbrechen des Nationalsozialismus und aus dem politischen Denken des Kreisauer Kreises das auf die Errichtung eines Rechtsstaates in einer neuen europäischen Friedensordnung gerichtet war, zu lernen und Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. Zentral war ihr Zeugnis gegenüber den nächsten Generationen über die Notwendigkeit des „Teamwork" und des „Verstehens" um grenzübergreifend Gerechtigkeit zu sichern und Demokratie zu festigen sowie unter anderem ihr persönlicher Einsatz als Mitglied der internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW).  +++

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