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Erfindergeist: Fritz-Rudolf Güntsch, Theodor Fromme, Konrad Zuse, Harro Stucken und Alarich Baeumler (v.l.) in der Chefetage (1956). - Foto: Privatarchiv Dieter Ostermeier

Direkt unter dem Dach der früheren Neukirchener Pferdepost-Station an der Hauptstraße richtete Konrad Zuse sein Büro ein. Das gesamte Areal hatte die Zuse KG von Theodor Schott angemietet. - Fotos (5): Stefanie Harth

19.05.13 - HAUNETAL

Im Zug der Zeit - Auf den Spuren des genialen Computer-Erfinders ZUSE

Zielstrebig schreitet der „Mann in den besten Jahren" die Hauptstraße entlang. Nur wenige hundert Meter trennen ihn von seiner Wohnung zu seiner Arbeitsstätte. Er schaut weder nach links noch nach rechts. Er ist in Gedanken versunken. Begriffe, wie Relaistechnik, Programmiersprache und Z4, kreisen in seinem Kopf. „Was will der bloß mit seinen Rechnern?", fragen sich die alteingesessenen Neukirchener. „Wir können doch alle rechnen!" Auf dem Areal der früheren Pferdepost-Station angekommen, erwartet der im Sonntagsstaat gekleidete Herr seine engsten Vertrauten. Schließlich soll die Z4, der erste kommerziell gehandelte Computer der Welt, wieder in Betrieb gesetzt werden. Auf die Minute pünktlich betreten Alfred Eckhard und Harro Stucken die Chefetage der neugegründeten Zuse KG. Sofort ist das ehemalige Studienkollegen-Trio in Fachgespräche vertieft.

Neukirchen 1949: Hier legt Konrad Zuse, der aus Berlin stammende Bauingenieur, Erfinder und Unternehmer, gemeinsam mit seinen beiden ehemaligen Kommilitonen den Grundstein für die erste Computerfirma Deutschlands - die Zuse KG. „Zuses Teilhaber Alfred Eckhard holte damals den genialen Informatikpionier mitsamt seiner Familie und der Z4, die allesamt nach den Kriegswirren im Allgäu gelandet waren, nach Neukirchen", erinnert sich Dieter Ostermeier, der am 4. April 1956 seine Lehrstelle bei der Zuse KG antrat. „Soweit mir bekannt ist, lagen die Wurzeln von Zuses Fernmeldetechnik-Ingenieur und Kompagnon hier in der Region." Mit großem Engagement, jeder Menge Energie und bescheidenen Mitteln startet das Projekt, Rechner für kommerzielle Zwecke zu entwickeln.

„Als 1949 die Kernmannschaft stand, stellte Konrad Zuse noch eine handvoll Mitarbeiter aus Neukirchen und der näheren Umgebung ein", erläutert Dieter Ostermeier. „Dann ging alles Schlag auf Schlag – das ehrgeizige Unterfangen entfaltete sich zu einem Erfolgsgaranten: Bereits 1957 umfasste die Belegschaft etwa 180 Personen." Im Vergleich: Neukirchen zählte in jenen Tagen circa 800 Einwohner. Dieter Ostermeier blickt gerne auf seine Lehrlingszeit in Neukirchen zurück: „Bei uns herrschte ein einmaliges Betriebsklima – wir waren eine große Familie. Zuse war kein unantastbarer Chef, er war sehr sozial eingestellt und ein sehr genügsamer Mensch, der großen Sinn für Humor hatte." Am Neukirchener Ortsleben hätten das Genie und seine Familie allerdings nicht beigewohnt. Immer in Gedanken bei seiner Arbeit, sei er gewesen. Aufwendig und anstrengend sei auch die Arbeit der Stifte gewesen, erklärt Dieter Ostermeier, der bei Zuse den Beruf des Fernmeldemonteurs erlernte.

„Wir mussten das Material per Handwagen vom Bahnhof bis vor die Werkstatt ziehen. Mit Grauen denke ich an die vielen Treppenstufen, die wir tagtäglich in der Produktionsstätte zu überwinden hatten", lacht der 75-jährige Zuseaner. „Samstags war Großreinemachtag: Da galt es, den Müll mit dem Handkarren zur benachbarten Deponie zu bringen." Apropos Sauberkeit: Für viel Wirbel sorgte in den 50er Jahren ein umtriebiger Nachbar, der gemeinsam mit seinen Verbündeten aus Jux den Schornstein der zuseanischen Werkstatt mit einem Mehlsack verstopfte. Als am nächsten Morgen ein technischer Angestellter Feuer schüren wollte, kam es zu einer großen Verpuffung. Der laute Knall brachte sogar die örtliche Polizei auf den Plan, die in Sachen „Attentat auf den großen Meister" ermittelte. Das Resultat des folgenschweren Streiches war schließlich, dass das nachbarschaftliche Verhältnis für kurze Zeit ein wenig angekratzt war. 1957 endet Konrad Zuses Lebenswerk in Neukirchen. Er siedelt mit seiner Firma, die mittlerweile zwei Standorte in Neukirchen und zwei in Hünfeld aufweist, nach Bad Hersfeld um. „Er wäre gerne in Neukirchen geblieben, jedoch stand ihm hier leider kein Bauland zur Verfügung. Zudem konnte die Lullusstadt mit einer Eilzug-Verbindung auftrumpfen.", erzählt Dieter Ostermeier.

Hinter vorgehaltener Hand schlägt die Begründung für Zuses Weggang aus Neukirchen härtere Töne an. Angeblich hätte die bäuerliche Gesellschaft den Wandel der Zeit nicht erkannt, und es versäumt, ein Juwel zu hüten. Im Klartext: Die Landwirte weigerten sich, dem brillanten Erfinder ihre ortsnahen Äcker zu verkaufen. Gleichzeitig verwehrte man ihm Kredite. So trug der „Zug der Zeit" die Zuse KG in die Gemäuer der ehemaligen Hersfelder Tuchfabrik Rehn. Und so trug der „Zug der Zeit" dazu bei, dass die Zuse KG 1964 von Brown, Boveri & Cie. (BBC) übernommen wurde und Konrad Zuse 1967 - nachdem die Siemens AG Firmenanteile erworben hatte – aus dem Unternehmen ausschied. Jetzt setzt sich der „Zug der Zeit" - mit Konrad Zuse im Blickwinkel – wieder in Bewegung. Der Grund: Neukirchen feiert vom 23. bis 25. August seinen 750-jährigen Geburtstag. Selbstverständlich huldigen die Ortsbewohner dem Computervater, der merkliche Spuren in ihrer Region hinterlassen hat. So verweist Dieter Ostermeier, der dem Festausschuss angehört, auf das sechste „Zuseaner-Treffen", das am 24. August abgehalten wird. Weitere Höhepunkte sind der Festkommers, ein stehender Festzug und ein großer Musikabend. Nähere Informationen gibt es im Internet auf www.neukirchen-750.de. (Stefanie Harth) +++


Wer die Elektrowerkstatt der Zuse KG aufsuchen wollte, musste sich in die Neukirchener Johannesstraße begeben.

Hier befanden sich das Lager, die Schreinerei sowie die Buchhandlung der Zuse KG.


Geballtes Rechnerwissen: Konrad Zuse (Mitte) im Kreis seiner Mitstreiter und engsten Vertrauten (1956). - Foto: Privatarchiv Dieter Ostermeier


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