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- Archivbild: Hendrik Urbin

REGION Spielverderber oder Leichenschauer?

Ein Hoch auf die Fußball-WM

25.06.14 - Nicht nur "bad news are good news": im letzten Jahr noch war die Panik in den Brauereien groß, es würde nicht genug Bier getrunken, die Umsatzzahlen sinken. In diesem Sommer dann der große Hype: am Dienstag meldete der deutsche Brauerbund, dass viele der bundesweit 1.300 Brauereien seit mehreren Wochen Sonderschichten einlegen müssen. Auch die Hochstift-Unionbrauerei in Fulda ist recht zufrieden, Vertriebsleiter Steffen Leib sprach davon, dass sich die WM "schon bemerkbar" mache. Man habe die Gaststätten, das "Public Viewing" und die Leute, die zuhause schauen, wobei das Wetter eine große Rolle spiele und das Weiterkommen der deutschen Nationalmannschaft. Klares Plus also für die deutsche Wirtschaft, klares Minus für alle sozial inkompetenten Außenseiter, die kein Interesse an Fußball-SCHLAAAND haben.

Aber was gibt es auch Schöneres, als sich in eine vollgestopfte, schwitzende Menge zu stellen und mehr als 90 Minuten auf eine überdimensional große Leinwand zu glotzen, von dem eigentlichen Spiel aber nicht viel mitzukriegen? Was gibt es Besseres, als als Hardcore-Fußballfan, sich schwarz-rot-goldenen Nagellack, Schminke, Cowboyhüte oder Blumenketten ranzubimmeln und im Leichenschau-Zelt zu stehen? Auch wenn ich nicht wirklich an dem Spiel interessiert bin, sondern stattdessen Selfies für meinen „Ich war dabei“-facebook-Eintrag knipse? Oder vielleicht gehöre ich auch einfach zu denen, die vor lauter Bierkonsum den Ball vorm Tor nicht mehr sehen? Einfach nur allein oder mit ein paar Freunden zuhause entspannt guten Fußball zu genießen, das macht ja auch wirklich keinen Spaß.

Aber immerhin, nicht nur die Bier- erst recht die Werbeindustrie hat schon vor Monaten ihre ganz eigene WM gestartet: wer schafft es, auch das vom Fußball am weitesten entfernte Produkt mit der Weltmeisterschaft in Verbindung zu bringen? Denn egal ob Flachbildschirm, Smartphone, Rasierschaum oder Blumenerde – ALLES hat mit der WM zu tun. Auch wenn ich Infos googeln will, kickt mir das Google-„e“ fröhlich das runde Leder entgegen. Nein, in der Tat, man entkommt dem WM-Fieber nicht.

Dabei kann es mir ja auch egal sein, dass die brasilianische Familie in den Slums von Rio nicht mehr in ihrer kleinen Favela wohnen kann - die wurde nämlich abgerissen. Dafür kann der tausende Kilometer angereiste Fan jetzt dort sein Auto parken. Und die Familie kann sich mit einem neuen Pappkarton doch auch woanders hinstellen. Dass unzählige Millionen Euro für ein Fußballstadion in Brasilien verbaut werden, das nach der WM ungenutzt bleibt – na ja, mein Gott! Da kann man doch noch drauf picknicken, oder? Ich weiß auch nicht, was die tausenden, brasilianischen WM-Gegner haben, wenn sie gegen die ausufernden Kosten der FIFA demonstrieren – immerhin sollen ja „Verkehrsprojekte“ in den brasilianischen Städten „vorangetrieben werden“ (http://www.tagesschau.de/ausland/fussball-wm-brasilien100.html ). Und außerdem darf man ja nicht vergessen: Integration und so! Also, Bälle flach halten, liebe WM-Gegner. 

Freude also auf allen Seiten: Bier- und Werbeindustrie, Fußballfans und Leichenschauer. Schon jetzt ist die WM auch für die Osthessen ein voller Erfolg. (Anne Baumann) +++


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