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Der 25-jährige Deutsch-Algerier Senouci Allam - Fotos (3): Hans-Hubertus Braune

KIRCHHEIM Zwei Fußball-Herzen

Deutsch-Algerier Senouci ALLAM (25) über die WM-Euphorie

30.06.14 - Vielleicht kommt es ihnen in Algerien wie eine Fata Morgana vor: Im fernen Brasilien spielen ihre Nationalhelden heute Abend (22 Uhr) im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Deutschland. Algerien, die Wüstenfüchse aus Nordafrika, sind im Konzert der Großen mittendrin dabei. "In Algerien freuen sich alle auf dieses Spiel. Sie sind voller Euphorie und haben davon geträumt", erzählt Senouci Allam. Der 25-jährige BWL-Student aus Kirchheim (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) strahlt, wenn er von der Begeisterung in seinem Heimatland erzählt. Auch für ihn persönlich ist dieses Duell eines, von dem jeder Fußball-Fan träumt. Im Norden Algeriens geboren kam der sympathische Junge bereits mit sechs Monaten gemeinsam mit Teilen seiner Familie nach Deutschland. Mit dem Wort "Heimat" ist das aber so eine Sache: "Meine Heimat ist Deutschland, mein Geburtsland Algerien. In Deutschland bin ich wegen meiner Hautfarbe jedoch Ausländer, in Algerien bin ich Ausländer weil ich in Deutschland lebe", beschreibt Allam.

Mit seiner offenen und fröhlichen Art ist er hier in Osthessen insbesondere in Fußballerkreisen eine beliebte und feste Größe. Selbst spielt er aktiv (wenn auch derzeit noch verletzt) für die SG Niederaula/Hattenbach, trainiert zudem die C-Junioren beim JFV Aulatal und ist bereits seit elf Jahren als Schiedsrichter unterwegs. Derzeit studiert Allam im vierten Semester bei der Technischen Hochschule Mittelhessen BWL für Mittelstandsmanagement. Er hat sich mit seinem Arbeitgeber, der Firma Naumann in Kirchheim, für das duale Studium entschieden. Allam lebt und liebt aber auch den Fußball. Und: Wenn man ihn kennt, kann man sich die Begeisterungsfähigkeit in Algerien vorstellen. "Nach der Quali für die WM haben sie drei Tage lang durchgefeiert. Allein nur, weil sie dabei sind. Kurz vor der WM war ich in Algerien, da hat man schon die Vorfreude gespürt", sagt  Allam. "Mein Onkel und mein Cousin haben mir am Freitagabend am Telefon erzählt, was jetzt dort los ist. Sie freuen sich alle auf das Spiel gegen Deutschland." Sie verfolgen die Bundesliga, kennen viele Spieler. Manuel Neuer ist in aller Munde. Oder der ehemalige Dortmunder Robert Lewandowski nach seinen überragenden Spielen in der Champions League.

Dass die Wüstenfüchse die Vorrunde überstehen würden, damit hätten sie wohl selbst nicht gerechnet. Sie träumen vom WM-Titel, aber ist das realistisch? Selbst die 1:2-Niederlage zum WM-Auftakt gegen das haushoch favorisierte Belgien haben sie gefeiert. "Nur 1:2 verloren, das war wie ein Sieg", erzählt Allam. Dann der Erfolg gegen Südkorea und das 1:1 gegen das favorisierte Russland. Mit vier Punkten schafften sie den zweiten Platz der Gruppe H und damit den Sprung ins Achtelfinale. Fußball habe sich in dem rund 32 Millionen Einwohner zählenden Land im Norden Afrikas in den vergangenen Jahren immer mehr entwickelt.

Und nun? Wie schätzt Senouci Allam, der beide Fußballnationen wie kaum ein anderer kennt, die Chancen ein? "Deutschland wird gewinnen. Sie haben so starke Spieler aus der Bundesliga, haben Leute wie Khedira, Mertesacker, die in internationalen Top-Ligen spielen". Die Algerier dagegen können nur auf wenige international gestandene Spieler zurückgreifen, die meisten spielen in Frankreich. Algerien gehörte zu den französischen Kolonien bevor es 1962 die Unabhängigkeit erlangte. Und: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte stehen sie im Achtelfinale einer WM. Es gibt und gab einige Topspieler, die algerische Wurzel haben, sich aber für die französischen Nationalmannschaft entschieden. Der Weltklasse-Mann Karim Benzema etwa oder früher der Ausnahmespieler Zinedine Zidane. Aber auch ohne Megastars im Team steht das ganze Land Kopf. Wenn am Montagabend um 22 Uhr (Mitteleuropäische Zeit) das Achtelfinale im brasilianischen Porto Alegre angepfiffen wird, werden in Algerien die Straßen leer gefegt sein. Auch in Nordafrika ist das gemeinsame Fußballgucken beliebt.

Eine Frage, die Allam in diesen Tagen zigmal beantworten muss: Wem drückst Du am Montag mehr die Daumen? Eine schwierige Sache. "Ich würde mich mehr freuen, wenn Algerien ein Tor schießt. Ich gehe aber davon aus, dass Deutschland das Ding machen wird", kann sich der 25-Jährige selbst nicht so richtig entscheiden. Übel nehmen tut dies dem Studenten sowieso niemand. "Am Donnerstagabend hat mein Handy nicht mehr still gestanden. So viele meiner deutschen Freunde haben sich mit mir gefreut, dass Algerien im Achtelfinale ist und gegen Deutschland spielt". Er selbst hat das Spiel der Algerier mit Kumpels in einer Gartenhütte in Niederaula verfolgt.

Das Spiel gegen Deutschland wird er am Montagabend dann beim Rudelgucken in der Kellerbar im "Alten Forsthaus" anschauen. Der Wirt des Restaurants in Niederaula ist gleichzeitig erster Vorsitzender des örtlichen Fußballvereins. "Er hat mich gleich angerufen, sich total mit mir gefreut und mich eingeladen", sagt Allam, der diesem Fußballfest entgegenfiebert. "Entschieden ist das Spiel noch lange nicht", hofft Senouci insgeheim vielleicht doch auf das Fußballwunder von Porto Alegre. Algeriens bislang starker WM-Auftritt ist längst nicht mehr nur eine Fata Morgana. (Hans-Hubertus Braune) +++

...hat zwei Fußball-Herzen.

Der BWL-Student spielt selbst bei der SG Niederaula/Hattenbach Fußball

Gemeinsame Freude ist die schönste Freude


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