01.08.03 - BREITENBACH/H.
Wie das Verlangen eines Mondsüchtigen nach der Sonne - so beschreibt Kalle Becker seine Idee, 1990 auf Burg Herzberg ein bombastisches Open-Air-Festival auf die Beine zu stellen. Am Anfang war nur dieser Gedanke, in Zeiten seelenloser Publikumsabzocker und deren gigantischer Massenangebote eine Alternative zu schaffen. Ein ziemlich wahnwitziges Unterfangen, das wusste der Initiator selbst. Zehn Jahre später treffen sich im Juli immerhin 30 bis 40.000 Menschen unterhalb der Burg unweit von Breitenbach im Kreis Hersfeld-Rotenburg, um friedlich Live-Musik zu hören. Und ausgerechnet jetzt soll Schluss sein?
Kalle hat angekündigt, das nächste wird ultimativ auch das letzte Mal sein. Fühlt er sich mittlerweile zu alt? Gerade hat er - gemeinsam mit Queen Mum - Geburtstag gehabt,- allerdings erst den siebenundvierzigsten.Schon 1969 war Burg Herzberg Treffpunkt für deutsche Beatbands. "Ungewöhnliche Klänge waberten da zu Tal", erinnert die Festivalzeitung an die Anfänge. Ein Jahr später zog deutscher Krautrock auf dem Herzberg schon weitere Kreise. 1971 dann ein verregneter Juli und damit ein Megareinfall. Obendrein sollte bei einem Konzert ein Zuschauer von der hohen Burgmauer abgestürzt sein. "Dabei war es bloß eiKalle hat angekündigt, das nächste wird ultimativ auch das letzte Mal sein.
Fühlt er sich mittlerweile zu alt? Gerade hat er - n Hund", weist Kalle das böse Gerücht zurück. Aber das Festival war zunächst gestorben. "Damals in Berlin" hat der gelernte Industriekaufmann Kalle Becker Soziologie studiert, Häuser besetzt und die alternativen Lebenskonzepte gründlich verinnerlicht. Sein Doktorvater "verriet die Scene", als er seine intimen Kenntnisse über die Hausbesetzer als eigene Forschungsarbeit veröffentlichte. Kalle kehrte 1981 desillusioniert in die Rhön zurück. Nach einer Buchhändlerlehre in Israel verkaufte er im Fuldaer Laden "Marleen" gebrauchte Schallplatten. (Inzwischen gar eine Kette,- gleichnamige Läden gibt es in Bad Hersfeld, Korbach, Gotha, Gera und Weimar.)
Im September 1991 war es dann soweit. Bei herbstlicher Kühle und "vor einer erlesenen Schar von Besuchern" erscholl nach Jahren wieder Rock, Jazz und Blues auf der Burg. Neben bekannten regionalen Bands sorgte Champion Jack Dupree für den Erfolg des Wochenendes. Typisch für das HerzbergfestivaL war von Beginn an der alternative Anspruch: Nicht der verhasste Konsumterror, sondern "Music, Love & Peace" bestimmte die Festivalatmosphäre. "Der Besucher in seiner unermesslichen Schönheit soll hier im Mittelpunkt stehen", hieß das Postulat. Alle zwischen 1968 und ´75 angesagten Gruppen sollten auf dem Herzberg spielen. Guru Guru, Humble Pie, Louisiana Red, Chicken Shack, Wolf Maahn, Amon Düül 2, John Mayall, Caravan und Eric Burdon, um nur einige der prominenten Akteure auf dem Herzberg zu nennen.
Darüber hinaus gab und gibt es auch einen politischen Anspruch der Macher, sich dezidiert gegen das Establishment zu äußern. So ging es 1996 gegen die Castortransporte, -im letzten Jahr protestierte das "Movement of the Hippies" gegen den Krieg auf dem Balkan,- die Aktion hieß medienwirksam "Wir zeigen diesem Krieg den Arsch". Der Erfolg steigerte sich jährlich, aber Pannen blieben nicht aus. Einmal provozierte der freie Haschischverkauf und dessen Auswirkungen die Umgebung, ein anderes Mal mussten wegen Regen und Besuchermangel 2000 Bratwürste im Schlamm "beerdigt" werden. Ein Mädchen verschwand während eines Konzerts spurlos und wurde von der Bild-Zeitung in Riesenschlagzeilen vermisst gemeldet. Tatsächlich hatte sie sich nur mit einem Festivalfreund nach Griechenland verabschiedet.
Auch mit den Burgherren derer von Dörnberg gab es Ärger. Den Zwillingen Frederick und Adrian von Dörnberg gehören die Liegenschaften rund um die Burg, Hans Eppo verwaltet die Burgstiftung und ist den Hippies wohlgesonnen. Adrian habe ihn vor drei Jahren im Kampfanzug mit der Flinte bedroht, erzählt Kalle, denn die Festivalfreaks hatten ihre Notdurft in den umliegenden Wäldern des Adeligen verrichtet.Überhaupt seien viele im Publikum leider ziemliche Schweine, beklagt der Festivalinitiator. Auf 960 Tonnen Restmüll seien die Organisatoren 1994 sitzen geblieben. Deshalb gibt es seitdem in Kooperation mit der Fachhochschule Fulda ein ausgeklügeltes Mülltrennungskonzept. Mit dem Eintritt erwirbt der Musikfan einen gelben und blauen Müllsack, für den gefüllten Sack bekommt er 2 Mark Pfand zurück. Es scheint zu funktionieren.
In diesem Juli waren 30.000 friedliche Jung- und Althippies auf dem inzwischen von einem Landwirt angemieteten Gelände unterhalb der Burg. Steppenwolf und Big Brother & the Holding Company mit einer stimmlichen Reinkarnation von Janis Joplin wirkten magnetisch. "Wir haben ja bereits alle Altersheime leergemacht und die Musiker zurück auf die Bühne geholt", begründet Kalle seine Ankündigung, Schluss zu machen. Der Wiederbelebung der Szene sind Grenzen gesetzt. Aber es wird dennoch weitergehen, verspricht er. In anderer Form, aber genauso schön und chaotisch. "Wer keinen Mut zu träumen hat, kann auch nicht kämpfen", heißt schließlich das Herzbergfestival-Motto. +++