Mit Liedern über toxische Männlichkeit, eine Welt im Taumel und
einigen der strahlendsten Melodien ihrer bisherigen Karriere hat sich Il
Civetto noch einmal gänzlich neu erfunden. Mit Gästen wie Frank Dellé
(Seeed) entstand so »Liebe auf Eis«, das wunderbar berauschende jüngste
Il-Civetto-Album, das zugleich das bislang persönlichste und
eindringlichste der Berliner Pop-Band ist.
Wenn Il Civetto kommen, geht die Sonne auf. Kein Witz, das ist
einfach so. »Wir können uns das auch nicht erklären«, sagt Leon
Keiditsch, »aber in diesem Jahr ist, das immer wieder passiert: dass es
aufhört zu regnen, sobald wir bei einem Festival auf die Bühne gehen.
Vorher Regen, nachher Regen, bei unserem Auftritt scheint die Sonne. Es
ist ein bisschen unheimlich.«
Keiditsch ist Sänger der Berliner Popgruppe Il Civetto, die
tatsächlich eine ganz spezielle Gabe hat: Wenn die Nacht am tiefsten
erscheint, kennen Il Civetto den Lichtschalter. Das gilt nicht nur für
ihre Konzerte, sondern generell für die Musik dieser Band – und erst
recht für ihr neues Album: »Liebe auf Eis« verbindet Licht mit Schatten,
den Vibe einer lauen Sommernacht mit dem Kater danach.
Das Fundament dieser Gruppe war schließlich von Anfang an ihre enorme
Offenheit und musikalische Vielseitigkeit. Lars Löffler-Oppermann
(Saxofon, Klarinette), Leon Bollinger (Schlagzeug & Percussion) und
Keiditsch kannten sich aus der Schule und schmissen bei der Gründung von
Il Civetto ihre diversen Einflüsse zusammen: die Manu-Chao- und
Desert-Blues-Prägung von Bollinger mit dem Klezmer und den Balkan Beats
desstudierten Klarinettisten Löffler-Oppermann und den klassischen
Gesangs-Skills von Keiditsch, der als Kind als Operntalent galt.
Mit Il Civetto haben die Freunde ab 2010 in der Berliner U-Bahn, in
Techno-Clubs und später auf Festivals überall auf der ganzen Welt
gespielt. Die Band hatte bereits zwei Alben veröffentlicht, als sich
2019 die jetzige Besetzung mit Dany Ahmad (Bass) und dem Gitarristen
Robert Kondorosi etabliert, in der sich Il Civetto mit dem Album »Späti
del Sol« (2022) als hybride Popband mit Haltung und deutschen Texten neu
erfunden haben.
Mit »Liebe auf Eis« haben Il Civetto erneut einen gewaltigen
künstlerischen Sprung gemacht. Nachdem Keiditsch im Spätsommer und
Herbst 2022 Ideen, Skizzen, Fragmente zusammengetragen hatte, arbeiteten
die fünf Freunde die neuen Songs ab Januar 2023 in ihrem Berliner
Studio aus.
Aufgenommen haben sie »Liebe auf Eis« dann erneut mit dem Produzenten
Ralf Christian Mayer (Clueso, Cro u.a.), der die Vision dieser Band
schon immer am besten verstanden hat. Während sie den ganzen Frühling
und Sommer immer wieder auf Tour waren, trafen sie sich zwischendurch
mit Mayer zu Sessions im Jazzanova – sowie den legendären Berliner Hansa
Studios, in denen bereits Teile von »Späti del Sol« entstanden waren.
»Beim letzten Mal sind wir dort noch voller Ehrfurcht angekommen,
diesmal haben wir den Raum regelrecht eingenommen und zu unserem Safe
Space gemacht«, sagt Keiditsch. Die Zuversicht warder Tatsache
geschuldet, dass alle Il-Civetto-Mitglieder die Produktion von »Liebe
auf Eis« als ihre bislang intensivste erlebt haben: »Das war eine sehr
inspirierende Zeit, in der wir auch als Band noch mehr zusammengewachsen
sind«, sagt Bollinger. »Robert und Dany haben als Co-Producer intensiv
mit Ralf gearbeitet, wir funktionieren inzwischen
blind zusammen.«
Das hört man: vor dem Hintergrund ihrer gewachsenen Freundschaft ist
»Liebe auf Eis« nicht zuletzt das bislang persönlichste Album der Band
geworden. Immer schon waren Il Civetto musikalisch facettenreich,
aufregend, mitreißend. Nun legen sie ihr Herz auf den Tisch, das macht
diese Musik noch intensiver. »Alles was ich hab« ist etwa ein flirrendes
Duett mit Frank Dellé von Seeed, einem Freund der Band: ein
hüpfend-euphorischer Road-
Song, in dem es darum geht, den Moment zu schätzen.
Der Song rekurriert clever auf The Cures »Boys Don’t Cry« und die
Art, wie Robert Kondorosis Gitarre im Refrain die markante Melodie des
Originals zitiert, kündet von der musikalischen Meisterschaft dieser
Band. Alles auf dem zuletzt veröffentlichten Album ist wahnsinnig dicht
und catchy auf den Punkt gespielt und produziert. Die Rock-Gitarren in
der dritten Single, »Nie wieder Winter« (featuring MoLa), der
elektrisierende Global-Pop von »Blue Hour«, die satten Bläsersätze und
vielstimmigen Gitarren zwischen Rock, Latin, Indie – alles greift
ineinander und ist derart zwingend, dass man den Dancefloor nie wieder
verlassen möchte.
Die Musik ist durchgehend rauschhaft, mitreißend, euphorisch, die
Texte sind es nicht immer. Weil Il Civetto sagen, was gesagt werden
muss: Ein weiterer explizit autobiografischer Song ist das introspektive
»Fragen«, in dem es um Abschied und Verlust geht und darum, wie die
Narben der Kindheit uns für immer prägen. Diese Facetten des Daseins
kamen im Gefühlsspektrum dieser Musik bislang nicht vor, nun machen sie
»Liebe
auf Eis« zum bislang intensivsten Il-Civetto-Album. Das gilt – auf andere Weise – auch für
»Hollywood-Ende« und den gewaltigen Hymnus »Regen in Rom und Paris«, ein Liebeslied im Angesicht der Klimakatastrophe.
»Wir leben in einer Zeit, in der die Welt zunehmend in die falsche
Richtung zu steuern scheint«, sagt Leon Keiditsch. »Aber auch wenn es
noch so hoffnungslos erscheinen mag, sollen Songs wie
›Zukunft im Wind‹ motivieren, dennoch auf die Straße zu gehen und für
eine bessere Zukunft zu kämpfen.« Il Civetto wissen natürlich: Aus dem
Dreck ziehen können wir den Karren nur selbst, auf dieser
düsterdunkelwunderschönen, taumelnden Erde.
»Liebe auf Eis« ist der Soundtrack zum Tanz auf dem Vulkan, am Rand
des Kraters – und den bringt die Band bald wieder auf die Bühnen: Das
Licht wird an diesen Abenden stärker sein als der Schatten. Die Sonne
wird strahlen, es wird jede Menge Liebe im Raum sein. Nach ihrer
erfolgreichen und größten Tour im vergangenen Jahr, folgen im Kommenden
intime und hautnahe Clubkonzerte.