Archiv


- Fotos: Patricia Kümpel

30.07.10 - SINNTAL

Bachforellen, Stichlinge, Schmerlen und Äschen - diese Fische, junge und ausgewachsene Tiere tummeln sich jetzt im Bächlein "Schmale Sinn" in Sinntal-Altengronau (Main-Kinzig-Kreis). Bis Mittwochabend 18 Uhr sah das noch ganz anders aus. Viele Fischarten, so zum Beispiel die seltene Äsche, gelten hier faktisch als ausgerottet. Wären die Mitglieder der "Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung heimischer Fischarten" nicht seit nunmehr 8 Jahren intensiv um die Aufrechterhaltung des heimischen Fischbestandes bemüht, wäre der Bach wohl so gut wie leer. Das Problem der Sinntaler Gewässerschützer ist dabei schwarz, groß und gefiedert: der Kormoran, Vogel des Jahres 2010.

Die Konflikte zwischen Vogelschützern, Anglern und Gewässerschützern gibt es seit Jahren. Der Kormoran, ein ausgesprochen kluger Jäger und Fischfresser bedroht Fischbestände in ganz Europa, so argumentieren die Angler. Der ehemals nur in Küstennähe beheimatete Vogel stand bis vor einigen Jahren selbst auf der roten Liste der bedrohten Tierarten. Doch durch Artenschutzmaßnahmen konnte der Bestand gesichert werden, die Vögel breiteten sich vermehrt aus und jagen nun auch in Gebieten, in denen sie zuvor nie heimisch waren.

"Der Kormoran frisst täglich eine halbed Kilo Fisch und verletzt bei seiner Jagd etwa die gleiche Menge mit seinem Hakenschnabel. Ein einzelner Kormoran vernichtet in 5 Jahren etwa 2 Tonnen Fische", erklärte Alfred Schmidt, Koordinator der ARGE im Sinntal. "Wenn man bedenkt, dass hier teilweise bis zu 200 Kormorane auf einer Gewässerlänge von 11, 5 Kilometern jagen, kann man sich die Ausmaße vorstellen." Doch die Erlaubnis zum Abschuss der Tiere ist beschränkt. Lediglich 10 Kormorane dürfen im Landschaftsbereich Sinntal jährlich erlegt werden.

Die Vogelschützer halten den Kormoran nach wie vor für gefährdet, denn nachdem der Bestand zunächst wuchs, verzeichnet der Naturschutzbund Deutschland (NABU) erneut einen tendenziellen Rückgang der Kormorane und erklärte die fischfressende Vogelart zum "Vogel des Jahres 2010."

Fischbestände drastisch gesunken - Fischschützer "kämpfen" seit 8 Jahren

Für die Gewässerschützer dürfte er genau das auch sein - auf eine andere Weise. Die auf einem 1,5 Kilometer langen Stück der "schmalen Sinn" ausgewerteten Proben des Fischbestandes entsprachen bis gestern dem Zustand nach einem Fischsterben. Vor allem Bachforellen und Äschen fallen dem Vogel zum Opfer. Während der Bestand von Bachforellen im Jahr 2008 noch mit 432 angegeben wurde, sank die Zahl im Jahr 2010 auf 176. Noch drastischer ist das Bild bei den Äschen: waren es im 2008 noch 218 Tiere, wurde der Bestand im Juni mit nur noch 13 angegeben.

Seit bereits 8 Jahren versuchen die Fischschützer mit regelmäßigen Besatzmaßnahmen, dem Wiedereinsatz von Fischen in das Gewässer, dem Aussterben der heimischen Fischarten entgegenzuwirken. Gestern Abend entließen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft zusammen mit Fischzüchter Lothar Keidel aus Ehrenberg-Wüstensachensen insgesamt 12.500 Bachforellen und Äschen, darunter Jungtiere verschiedenen Alters, genauso wie ausgewachsene Tiere in die Freiheit und ihr "ursprüngliches" Zuhause.

"Die Nachzucht dieser Tiere ist nicht unproblematisch. Besonderen Wert legen wir dabei auf die Erhaltung der regionalen Arten, weswegen die Nachzucht nur mit Tieren vorgenommen wird, die auch aus diesen Gewässern stammen. Gerade die Äschen sind seltene Fische, deren Aufzucht überhaupt nur wenigen Fischzüchtern gelingt" beschreibt Lothar Keidel die Anstrengungen. Um eine optimale Verteilung und eine "selbstständige" Reproduktion im Gewässer zu ermöglichen, ist der Einsatz von Tieren unterschiedlichsten Alters bedeutend. Nur so kann eine "natürliches" Vorkommen "imitiert" und ein Fortbestand gesichert werden. Zumindest solange, bis die wieder neu eingesetzten Tiere den Kormoranen zum Opfer fallen, meinen die Züchter.

Insgesamt 7.000 Euro kostet diese Maßnahme den Verein, eine Kostenbeteiligung durch das hessische Umwetministerium ist in diesem Jahr zugesagt. "Unser Einsatz in den vergangenen Jahren aus privaten Mitteln beträgt bisher über 20.000 Euro für Wiederansiedlungsprojeke, ohne administrative und manuelle Leistungen", so Alfred Schmidt.

Gegenrede: Fisch- und Vogelschützer sehen unterschiedliche Gründe

Eine langfristige Lösung sieht Schmidt nur in einer drastischen Eindämmung der Zahl der Kormorane durch erhöhte Abschussraten oder Maßnahmen zur Verhinderung des Schlüpfens der Küken, zum Beispiel das Bestreichen der Eier mit Öl, so wie es Dänemark durchgeführt werde.

Matthias Müller vom NABU sieht das Problem grundsätzlich anders. Für ihn ist nicht der Kormoran Schuld am Aussterben bestimmter Fischarten, sondern die Beeinflussung des Verlaufs der natürlichen Gewässer durch den Menschen, zum Beispiel durch Begradigung. Der natürliche Lebensraum der Fische werde zerstört, eine gesunde Population, die das Vorkommen von Kormoranen zu einem Teil ohnehin verkraften würde, könne so nicht gesichert werden. Eine gemeinsam Lösung müsse vor allem diesem Problem entgegenwirken. Bei der Reduzierung der Kormorane sei lediglich der Abschuss einzelner, ausgewählter Jungvögel akzeptabel. (pakü) +++


Fischzüchter Lothar Keidel lieferte 12.500 Äschen und Bachforellen für die Sinn an.

Sowohl junge als auch erwachsene Tiere werden eingesetzt.


Fischzüchter Keidel, Bürgermeister Carsten Ulrich und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Alfred Schmidt




Das Nest eines Kormorans im Baum neben dem Bach.

Über Osthessen News

Kontakt
Impressum
Cookie-Einstellungen anpassen

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Whatsapp
Instagram
TikTok

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön