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- Bild: Dorit Gutowski

- Bilder (3): Max Colin Heydenreich

05.04.06 - PORTRÄT

Mutter, Ehefrau, Chefärztin - Dr. Carolin TONUS, eine Frau mit Herz und Biss

FULDA: Wenn Frauen in einer Männerdomäne Erfolg haben, dann sind sie burschikos, gefühlsarm, maskulin. Sie sind nicht anziehend, adrett und charmant, sondern kämpfen mit der Männerwelt auf gleichem Niveau. Soweit zu den plakativen Vorurteilen. Dass Frauen Erfolg haben können, ohne weibliche Attribute verleugnen zu müssen, davon ist Carolin Tonus überzeugt. Sie ist 40, verheiratet, Mutter eines 4-jährigen Sohnes, Chirurgin aus Leidenschaft, mit zahlreichen wissenschaftlichen Preisen gekrönt und seit kurzem Chefärztin am Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda. Warum sie es als Frau und Mutter bis zu dieser Position gebracht hat? Weil sie ehrgeizig, diszipliniert, durchsetzungsfähig, gut organisiert und ganz bewusst weiblich ist.

Carolin Tonus ist eine attraktive Frau. Sie achtet auf ihr Äußeres: ist dezent geschminkt, trägt gerne Rock und die langen, blonden Haare mal hochgesteckt, mal locker zum Zopf zusammengebunden. Ihre Ausstrahlung ist warm, fast mütterlich. Die Bewegungen sind weich fließend. Doch der Blick ist konzentriert und wenn sie spricht, sind ihre Formulierungen präzise. Da gibt es kein Ausweichen oder verbalakrobatisches Umschiffen bei unangenehmen Fragen - keinen Interpretationsspielraum, sondern klare Ansagen. Das ist Bestandteil ihres persönlichen Erfolgsrezeptes. Sie hat den Kampf der Ellenbogen ignoriert und sich mit Fachkompetenz, Forscherdrang, Innovationsgeist und viel konstruktivem Miteinander bis zur Chefarztposition hinaufgearbeitet. Und das in atemberaubender Geschwindigkeit.

Nach sechs Jahren Studium an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main promovierte sie 1991 und arbeitete danach als Assistenzärztin am Klinikum Offenbach und an der BG Unfallklinik Frankfurt. 1998 legte sie die Facharztprüfung „Chirurgie“ ab und bildete sich im Bereich Viszeralchirurgie (Bauchchirurgie) weiter. Im März 2002 habilitierte sich die gebürtige Frankfurterin. Zwei Monate später wurde Tonus Oberärztin im Bereich Onkologische Chirurgie an der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Klinikum Offenbach. Dort arbeitete sie bis zu ihrem Wechsel nach Fulda.

Seit dem 1. März 2006 ist Privatdozentin Dr. med Carolin Tonus Chefärztin für Viszeralchirurgie am hiesigen Herz-Jesu-Krankenhaus. Ein Krankenhaus, dessen Leitbild „Liebe sei Tat“ der Chirurgin aus der Seele spricht. „Mir ist die Menschlichkeit, die Zuwendung zum Patienten ganz besonders wichtig“, sagt sie. Nur das Handwerk zu beherrschen, das sei ihr zu wenig. Deshalb hat sich die Ärztin ganz bewusst für die Bauchchirurgie entschieden und auf Dick- sowie Enddarmkrebs spezialisiert. Warum? „Weil in der Bauchchirurgie nicht nur geschnitten und wieder ausgerichtet wird, sondern weil man hier mit feinerem Faden näht und weil in der Onkologie der menschliche Aspekt besonders ausgeprägt ist.“

Man glaubt ihr aufs Wort, dass sie einen guten Draht zu ihren Patienten hat. Auch, dass es ihr manchmal schwer fällt abzuschalten, dass ihr Einzelschicksale zu Herzen gehen und dass sie spätabends – wenn ihr Sohn längst schläft – noch einmal die eigenen vier Wände verlässt, um nach ihren Patienten auf der Intensivstation zu schauen. „Es ist ein Geben und Nehmen, aber wenn ich sehe, was ich von den Patienten zurückbekomme, dann bin ich zutiefst davon überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein“, sagt sie. Das klingt nach einer selbstlosen Bilderbuch-Ärztin. Zumindest nach einer Medizinerin, die ihren Beruf als Berufung empfindet. „Ja“, sagt sie, „es ist mein Traumberuf.“ Obwohl niemand in ihrer Familie medizinisch vorbelastet sei, habe sie schon als 5-Jährige leidenschaftlich gern Teddybären „verarztet“. Heute sagt sie aus tiefer Überzeugung: „Ich würde nie etwas anderes machen wollen.“

Überzeugt ist sie auch davon, dass Frauen in einer Männerdomäne bestehen können. Ihr sei dies gelungen, weil sie neben ihrer Warmherzigkeit, dem erklärten Harmoniebedürfnis und aller Kompromissbereitschaft auch eine sehr ausgeprägte rationale Seite habe. Carolin Tonus weiß, was sie will. Und sie will vor allem keine Zeit verlieren. Die Chirurgin setzt sich „im Interesse der Patienten“ durch und kann offensichtlich ganz gut damit leben, im Kollegenkreis ab und an weniger beliebt zu sein. Denn mit Eitelkeiten und Statusdenken habe sie sowieso nicht viel am Hut. Das unterscheidet sie von manch profilneurotischem Halbgott in Weiß. Apropos Willensstärke: Die Chefarztposition am Herz-Jesu-Krankenhaus hat sie nur unter der Voraussetzung angetreten, dass dort ein interdisziplinäres Darmzentrum eingerichtet wird. Mitte März wurde diese Spezialstation eröffnet.

Die erfahrene Medizinerin schätzt am Herz-Jesu-Krankenhaus das schöne Ambiente, die schnellen Entscheidungen und die kurzen Wege. Letztere gleich im doppelten Sinn, denn die 40-Jährige hat mit ihrer Familie unterhalb des Frauenberg-Klosters, nur wenige Meter vom Krankenhaus entfernt, ein neues Zuhause gefunden. Darüber freut sich der 4-jährige Sohn ganz besonders. Wer kann schon der Mami ins Büro winken und wenn es dunkel ist, sogar geheime Lichtzeichen mit der Taschenlampe machen?

Trotz des anstrengenden Jobs ist Carolin Tonus auch Mutter und Ehefrau. Ihre eigenen Hobbys, wie Skat spielen, zu den Offenbacher Kickers gehen oder Angeln, kommen im Moment zu kurz. Ihr tägliches Freizeitvergnügen: mit einem kleinen Mann Lego-Türme bauen oder Tip-Kick spielen. Die Ärztin gesteht: „Im Privatleben brauche ich Banalitäten und kleine Disziplinlosigkeiten wie Kuchen und Schokoriegel oder faul auf der Couch liegen als Ausgleich zu meiner Arbeit.“ Ihr Mann, der selbst Chirurg ist und täglich von Fulda nach Offenbach zur Arbeit pendelt, und ihr Sohn seien ihr „soziales Auffangbecken“. In ihrer Familie schöpft sie die Kraft, die sie für den anstrengenden Job braucht.

Mutter, Ehefrau, Chefärztin – das funktioniert nur mit Netz und doppeltem Boden (Kindergarten + Kinderfrau) sowie einem verständnisvollen Partner an der Seite, sagt die Medizinerin. Und es funktioniert sicher auch, weil bei ihr die Grenze zwischen Hobby und Beruf fließend ist, die Ziele klar definiert sind und sich Zufriedenheit wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht. Unter diesen Voraussetzungen dürfte der nächste Karriereschritt der Frau Dr. Tonus nur noch eine Frage der Zeit sein. Denn wer die Abseits-Regel kennt, reizen kann, weiß wie man Köder auslegt und noch dazu über fundiertes Fachwissen und Erfahrung verfügt, der dürfte - auch als Frau - jede weitere Herausforderung mit Bravour meistern. (Dorit Gutowski) +++



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