Der stattliche dreigeschossige Bau in der von-Schildeck-Straße 12 - früher Rabbinat, heute denkmalpflegerisch restauriert - Fotos: gw

Einer kleine Feierstunde mit Ansprachen vor dem Gebäude ...

03.11.04 - Fulda

"Zeichen wider das Vergessen" - Gedenktafel an Rabbiner-Haus

Eine besondere Gedenktafel ist heute an einem besonderen Gebäude in Fulda enthüllt worden: in der von-Schildeck-Straße 12 wurde von der Unternehmensgruppe Kropp aus Großenlüder der stattliche dreigeschossige Putzbau in dreijähriger Arbeit saniert, restauriert und umgebaut. Dort, wo nun bereits Unternehmen eingezogen sind und ihren Geschäften nachgehen, war einst das geistige Zentrum der jüdischen Bürger in der Region Fulda - das ehemalige jüdische Rabbinat. Zu dem heutigen Termin im Gedenk- und Trauermonat November waren neben den Bauherren viele Fuldaer Kommunalpolitiker, Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Fulda, Vertreter der Kirche und interessierte Bürger gekommen.

Der Text der Tafel

"Ehemaliges Wohnhaus des Provinzial-Rabbiners Dr. Michael Cahn (1849-1920) und seines Sohnes, Dr. Leo Cahn (1889-1958). Das Haus wurde 1902/1903 nach den Plänen des Architekten Karl Wegener errichtet.

Die Familie Cahn musste nach der Reichspogromnacht 1938, als Tyrannei und Rechtlosigkeit regierten, aus Deutschland fliehen und gelangte über England schließlich nach Israel.

Das Haus wurde später als Wohn- und Geschäftshaus genutzt und schließlich in den Jahren 2001-2004 denkmalpflegerisch von der Unternehmensgruppe Kropp restauriert. Fulda im Herbst 2004"

Zu Beginn der unprätentiösen und nachdenklichen Feierstunde begrüßte der Hauseigentümer Willi Kropp die Gäste, darunter die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Fulda, Linde Weiland und die Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Hiltrud Strupp. Der Bauunternehmer sagte, spätestens seit den beeindruckenden Werken von Michael Mott - oder den Abhandlungen von Erwin Sturm - oder seit der umfangreichen Dokumentation der Fuldaer Baudenkmäler wüssten die Menschen der Region, dass auch Häuser und Gebäude in unserer Stadt eine ganz besondere Geschichte haben können. Eines der Gebäude innerhalb des Stadtgebietes Fulda mit einer solchen, besonderen Geschichte stehe hier, in der von-Schildeck-Strasse 12 - das Haus des ehemaligen Provinzial-Rabbiners Dr. Cahn und seiner Familie, die das Haus Anfang des 20. Jahrhunderts errichten ließen.

Die Gedenktafel, die heute enthüllt werde, weise zum einen in die Geschichte der Stadt Fulda zurück, zum anderen beleuchte sie auch die Historie der jüdischen Mitbürger Fuldas. Familie Cahn sei ohne Zweifel eine der imposantesten wie berühmtesten jüdischen Familien in Fulda gewesen. Bis zu ihrer Emigration, "oder vielleicht sollten wir besser von Flucht sprechen", habe diese Familie das jüdische Leben maßgeblich gestaltet. 1938, als Willkür und Tyrannei in Deutschland herrschten, mussten sie ihr Heim, dieses Haus, ihre Heimat für immer verlassen.

Als Bauherr der Geschichte eines Gebäudes bewusst sein

"Wenn man als Bauunternehmer ein Haus mit einer solchen Geschichte restauriert, sollte und muss man sich diesen Geschehnissen bewusst sein", betonte der Unternehmer. Man sollte dankbar sein, dass wir alle in anderen Zeiten leben dürfen. Und man sollte das, was in dem eigenen begrenzten Rahmen möglich ist, daran setzen, dass ein solches Unrecht nicht wieder vorkommen kann. "Ich freue mich von daher sehr, mit dieser - wenn auch optisch - kleinen Tafel ein dennoch deutliches Zeichen gegen und wider das Vergessen setzen zu dürfen" schloß Willi Kropp. Danach enthüllte er gemeinsam mit Oberbürgermeister Gerhard Möller und Linde Weiland die Tafel.

Der Historiker und Sprachwissenschaftler Dr. Stefan Arend, der Geschäftsführer der Mediana-Unternehmensgruppe ist und sich bei dem Neubau des Pflegestiftes am Martin-Luther-Platz für die Erhaltung und Rückgabe aufgefundener jüdischer Grabsteine engagiert hatte, dankte in seiner Ansprache zunächst der Kommune, dem Oberbürgermeister, dem Stadtarchiv, den Kommunalpolitikern und dem Bauunternehmer Willi Kropp. Arend schilderte anschaulich die Geschichte des Hauses "von Schildeckstraße 12" und seiner Bewohner.

Durch persönliche Begegnungen vor Jahren - etwa mit dem 98-jährigen ehemaligen Bewohner Ernst von Kleist oder Michael Cahn, dem Sohn des letzten Oberrabiners - sei sein Interesse geweckt und die Grundlage für Nachforschungen gelegt worden: zur Familie Cahn, Ernst von Kleist, der Reichspogromnacht und Nationalsozialismus in Fulda sowie Erinnerung und Auseinandersetzung mit diesen Themen. Als die Firma Kropp das Haus übernommen habe, sei dieses Interesse noch gewachsen.

Zentrum des geistigen jüdischen Lebens in Fulda

Alle Fragen seien am heutigen Tage nicht zu beantworten - er hoffe da auf die "Fuldaer Stadtgeschichte", die auch mit manchem Vorurteil wie manch liebgewordener Mär aufräumen solle. Doch soviel stehe fest: Das Haus entstand 1902 und 1903, geplant vom Architekten Karl Wegener, der auch andere bedeutende Gebäude wie etwa die ehemalige "Polizeiwache" Sturmiusstraße geschaffen habe. Im Obergeschoss, an einem vorspringenden Gebäudeteil, wurde nach jüdischer Tradition ein unbearbeiteter Stein eingesetzt. Denn das Gebäude - schräg gegenüber der jüdischen Volksschule, die heute das jüdische Kulturzentrum und Gemeindehaus ist - war das jüdische Rabbinat. Zum Zentrum des geistigen, jüdischen Lebens in Fulda machten das Haus Dr. Michael Cahn, der in Fulda 1920 starb, und sein Sohn Dr. Leo (Jehuda) Cahn, der 1889 in Fulda geboren wurde und 1958 in Israel starb. Neben der Familie Cahn lebten in der "Schildeckstraße 12": Kaufmann Katzenstein, Kaufmann Feldheim, Lehrer Möller, Kaufmann Nußbaum, Witwe Freirich, Bankier Bacharach, Familie Gottlieb und Bezirkszollkommissar Ernst von Kleist.

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden über den gesamten Tag Scheiben in jüdischen Geschäften, Wohnungen und Häusern eingeworfen und die jüdischen Bürger Fuldas in Angst und Schrecken versetzt. "Doch nicht alle Menschen haben weggesehen", sagte Arend. Die - im Stadtarchiv erhaltenen - Polizeiprotokolle zeigten, dass es Anrufe besorgter Bürger gab, die ein Eingreifen der Polizei gegen die Täter forderten - eine Frau Fährmann aus der Schildeckstraße 7 habe sogar zweimal gemeldet, "die Judenschule wird verwüstet".

Nachgeborene können sich nicht von Geschichte freimachen

Arend erinnerte an die Rede des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985, in der er gesagt habe: Schuld und Unschuld ist nicht kollektiv, sondern individuell. Die Generation der zur Nazizeit Erwachsenen und Heranwachsenden müsse prüfen, welche individuelle Schuld getragen werde. "Uns, die Nachgeborenen, sprach er frei von einer Schuld. Aber wir sollen uns des Erbes bewusst sein. Wir müssen um die Geschichte wissen und wir können uns nicht davon freimachen", erklärte der Historiker.

Die Gedenktafel stehe für ein Stück deutscher Geschichte, einen Ort der Erinnerung innerhalb der Stadt Fulda, ein Stück Erinnerungskultur und als das deutliche Zeichen für die Nachgeborenen "Mit uns nicht!" Er - so Arend - sei der festen Überzeugung, dass die Menschen solche Orte der Erinnerung und eine Erinnerungskultur unbedingt bräuchten. Darin liege Stärke. Und der Spruch "..irgendwann muss doch damit mal Schluss sein" dürfe nicht greifen.

Den Rucksack mit Erbe deutscher Historie nicht abwerfen

Der Fuldaer Oberbürgermeister Gerhard Möller sagte in seiner Ansprache, mit ihm seien eine ganze Reihe Mitglieder der städtischen Körperschaften gekommen. Gemeinsam wolle man damit dem Bauherren Dank sagen, dass an diesem steinernen Zeugen der Vergangenheit mit der Gedenktafel auf ein Stück fuldischer Geschichte hingewiesen werde. Jetzt im November mit seinen speziellen Gedenk- und Trauertagen lebe man "ja in Tagen des Gedenkens und Erinnerns". Die Erinnerung an das dunkle Kapitel Deutschlands sei wie "ein Rucksack", sagte der OB:" Dieses Erbe deutscher Historie dürfen wir nicht abwerfen".

Seit 1 Jahr gebe es "aufwühlende Debatten" in dieser Region und auch in vielen Gremien der Stadt sei "intensiv und leidenschaftlich" eine Frage diskutiert worden: "Wie können wir in Fulda auf die Schrecken der Nazi-Barbarei, aber auch die heldenhaften Taten mancher Menschen aufmerksam machen?" Nach einer Anregung der Grünen-Fraktion im Stadtparlament, der alle anderen zugestimmt hätten, sei ein Ergebnis gewesen, durch verschiedene Stationen auf das jüdische Leben in Fulda öffentlich hinzuweisen.

..aus Unglückseligem kann Produktives entstehen

"Wenn aus einem leidenschaftlich geführten historischen Diskurs ein Stück Geschichte aufgearbeitet wird, wenn wir erinnern und andere aufmerksam machen, übersetzen wir Erinnerung in die Lebendigkeit der Gegenwart", sagte Möller. Und er fügte an: "So sehen wir, wie aus einer unglückseligen Rede etwas Produktives entstehen kann". In den Dank an Bauunternehmung, städtische Gremien und jüdische Gemeinde schloss Möller Dankbarkeit dafür ein, "dass wir uns gemeinsam zu einem Stück Geschichte bekennen dürfen" und betonte: "Es darf nichts vergessen werden".

Mit dieser beeindruckenden Rede - die allerdings zeitweise im nachmittäglichen Straßenlärm vor dem Gebäude unterzugehen drohte - nahm Gerhard Möller einmal mehr deutlich Stellung zum "Fall Martin Hohmann". Ohne Namen zu nennen, sagte der OB damit mehr als viele umfangreiche Stellungnahmen. Nach dem "offiziellen Teil" konnten die Gäste das "neue Innere" des historischen Hauses besichtigen und bei einem Imbiss miteinander ins Gespräch kommen. +++


...folgte die Enthüllung der Gedenktafel: (v.links Willi und Irmgard Kropp, Stefan Arend, Linde Weiland, Gerhard Möller

Viele Menschen nahmen teil: Kommunalpolitiker ebenso wie Mitglieder der heutigen jüdsichen Gemeinde


Dr. Stefan Arend (2. v. rechts) erläuterte die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner

Die Bauzeichnung von 1902 - ein stattlicher Bau mit Portalanbau links und dreiseitigem Erkervorbau - Foto: Stadtachriv Fulda


Vom Josefsheim aus "unter Lebensgefahr fotografiert": das Rabbiner-Haus am 9. November 1938 - Foto: Stadtarchiv Fulda

Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Linde Weiland las ebenso..


..wie viele Gäste - hier ein Franziskanerpater - den Text...

...der neuen Gedenktafel, die im Portalanbau "ein Zeichen wider das Vergessen" ist

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