Filigrane Bewegungen, gepaart mit immenser Sprungkraft und Synchronität - das Feuerwerk der Turnkunst wird seinem Namen wieder einmal gerecht. Was gestern Abend in der Fuldaer Esperantohalle geboten wurde, kann hochkarätiger kaum mehr sein. Das "Feuerwerk der Kunst", für viele Fuldaer ein Geheimtipp. Vor einem Jahr gastierte die Gala des "Hessischen Turnverbandes" (HTV) erstmals mit Ihrer Tournee - der rund 15 Artistengruppen angehören - erstmals in der Esperantohalle in Fulda. Diesmal touren unter dem Motto „Hautnah“ die Artisten, Tänzer und Gymnastikerinnen seit Dezember 2007 durch Norddeutschland.
Das Motto „Hautnah“ wird dem Besucher von Beginn in jeder Beziehung spürbar gemacht. Wer bei Einlass noch von einer Kindergruppe dachte, es sei eine Schulklasse, konnte sich vom Gegenteil überzeugen lassen. Schüler, ja das sind sie, aber gestern stand ihre Leidenschaft zum Turnen im Mittelpunkt. Rund 50 Kinder aus der Turngau Fulda – Werra – Rhön stimmten die Zuschauer mit einer Kombination aus allen bekannten Turnelementen zu dem Lied "It´s too late to Apologize" von Timbaland auf die Show ein. Nach der Eröffnung durch Rolf Dieter Beinhoff, Präsident des Hessischen Turnverbandes, sprach Manfred Schaub, Bürgermeister von Baunatal, die Zukunft der Hessischen Turner an. "Es ist bei diesem Nachwuchs auf keinen Fall Too Late“ stellte er fest und eröffnete anschließend die eigentliche Show.
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Neu ist der Einbau eines Tanzes, der inzwischen über die niedersächsischen Grenzen hinaus für Bewegung auf der Bühne und den Tribünen gleichermaßen sorgt, denn die Zuschauer machen mit: der "Turntigertanz". Dabei fungiert der Turntiger als Botschafter des Kinderturnens. Ein spielerischer, ein süßer und ein stimmungsvoller Einstieg, der zeigte, dass es auch für die Kleinsten recht einfach ist, die turnerischen Bewegungen zu erlernen. Allerdings: alles was danach folgte, war für "Normalos" zur Nachahmung wahrlich nicht empfohlen.
Von da an startete die spannende, gefühlvolle und abwechslungsreiche Show. Abgesehen vom scheinbar unbegreiflichen Können der Künstler, ist die Veranstaltung eine Mischung aus Klassik und Glamour. Eine perfekte Inszenierung der Auftritte, die unterschiedlicher nicht sein können, und eine akzentuierte Gestaltung der Pause, lässt den Zuschauer die komplette Zeit über im "Bann der Show" verweilen. Neben klassischen Elementen des Turnens zeigten sie Variationen, Möglichkeiten und Ideen, die Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Zuschauer hinterlies.
Eine weitere Neuheit in der Tournee stellte Rosemie, der weibliche Conferencier dar. Sie begleitet das Publikum und erfreut sich an schallendem Gelächter und brodelndem Applaus. Zu Recht, denn Rosemie überrascht immer wieder durch verborgene Talente, eine aufblühende Beziehung zum Lieblingszuschauer Jürgen und durch ihre Herkunft, dem Schwabenland. Entsprechend dem Titel erlebt Rosemie die Show Hautnah, kommentiert, kokettiert, spielt Alphorn, tanzt Spitze und wagt den hautnahen Kontakt zu manch doch recht komplizierten Turngerät. Sie begeistert mit all ihren komödiantischen Anleihen und setzte ganz neue Akzente im Feuerwerk der Turnkunst.
In der ersten Hälfte erleben die rund 1.500 Besucher Gruppengymnastik der Aomori University (Japan), die durch ihre Biegsamkeit, verspielte Choreografie und absolute Synchronität beeindruckte. Im Spagatschritt tritt Andrey Romanovsky auf die Bühne, der sich dort zusammenklappt und in diesem Zustand (Nase an Knie!!!) durch eine drei Meter hohe Röhre rutschen lässt. Ebenso skurril erscheinen die Bewegungen und Verdrehungen, die Yulia Fadeeva mit Elementen des Tanzes, der Equilibristik und der Gymnastik auf der Bühne darbietet.
Artem Ghazaryan und Thomas Greifenstein begeistern durch ihre muskulösen Körper nicht nur die Frauen am Turntisch. Sebastian Deeg zeigt dem Zuschauer, wie schnell Rope Skipping von statten geht - wenn die Augen schnell genug sind. Der ehemalige Olympiateilnehmer Sergej Pfeier wagt schwierigste turnerische Elemente auf seinem Lieblingsgerät, dem Seitpferd, ehe Rosemie gemeinsam mit zwei freiwilligen Zuschauern in die Pause geleitet.
Die zweite Hälfte der Show begeistert durch noch atemberaubendere Akrobatik und Turnkünste. Nathalia Uchevatkina und Vladislav Goloborodko als das Stream Echo faszinieren das Publikum mit einem wortwörtlich artistischen Höhepunkt. An der zehn Meter hohen Decke führen sie außergewöhnliche akrobatische Elemente mit Hilfe von Strapaten (oder auch einfache Seilen), die von der Decke herunterhängen, auf. Am allseits bekannten Rhönrad zeigen Frederike Schindler und Florian Krause eine gekonnte Verbindung von Hochleitungssport und Show. Mit einer wunderbar artistisch-akrobatischen Interpretation des Klassikers „Cabaret“ verführen die Jazzgirls. Bestehend aus fünf Ukrainern, teils als Frauen verkleidet, schrauben sie sich in die Höhe und zeigen nur zu deutlich, dass klassische Sportakrobatik auch äußerst amüsante Seiten haben kann.
Ein weiteres Highlight der zweiten Hälfte stellt die Aufführung der Dalian Accrobats dar. Das Motto der jungen Gruppe lautet „Höher, schneller und weiter“ und genau das spiegelt ihr Auftritt wieder. Die Chinesen legen eine furiose, waghalsige und absolut mitreißende Flugshow vom Schleuderbrett aus hin, die das Publikum schlichtweg zum Toben bringt. Ein weiteres Highlight in Punkto Hoch Hinaus bietet das Team AcroAngels, die die unverkennbare Kunst der russischen Akrobatik vorführen. Lea Hinz agiert filigran mit zwei Reifen, ineinander und miteinander verwoben durch ein rotes Tuch. Am Reck begeistert die Troupe Rokashow. Drei Männer und eine Frau in einer perfekt inszenierten geturnten Love-Story an Parallelreckstangen. Handstandakrobatik war Ernest Palchykov vorbehalten - er führte seine Darbietung mit einem an Händen und Füßen befestigtem Tuch vor.
Gefühlvoll sind durchweg die Auftritte der NTB – Showtanzgruppe, die mit jungen, kreativen und neuen Ideen für sie typische Akzente im Zuge der Vorstellung setzt. Die junge Gruppe aus Turnern, Gymnastinnen und Tänzern transportieren Gefühle des Liebens, der Leidenschaft und der Sehnsucht hautnah. Zu ihnen gehört auch das Akkrobatikduo Indigo. Felice Aguilar und Christian Myland erzählen in ihrer Aufführung von einer jungen Liebe, für die es zu spät ist.
Bereits zu Beginn wird deutlich, dass die Show voller Gefühle steckt - geturnte Gefühle. Der eigens für die Tournee komponierte Song „Hautnah“ bleibt vom Eröffnungstanz an im Ohr und begleitete die Zuschauer dank seines Ohrwurmcharakters durch die gesamte Zeit. Dem Niedersächsischen Turnerbund ist der Spagat zwischen Tradition und Moderne mehr als perfekt gelungen. Die Grundidee der Organisatoren, eine Plattform zu finden, auf der turnerische Bewegkunst vor einem großen Publikum geschaffen wird, wird auch diesmal ebenso wenig vergessen, wie der Einbau ganz frischer, neuer Ideen. Es war eine Show, die wahrlich wie im Fluge verging, jede Minute fesselte und Lust auf mehr machte. (IH). +++