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- Fotos: Stefanie Strauß

04.03.08 - RHÖN

GPS-Wandern und Mehr: 44. Rhönklub-Kulturtagung - "Vielfalt ist Stärke"

Fast 100 Teilnehmer konnte Jürgen Reinhardt, Hauptkulturwart des Rhönklubs, zur 44. Kulturtagung, die seit drei Jahren auf dem Volkersberg stattfindet, begrüßen. Die Tagung befasste sich mit dem Thema "Wanderkultur". In seiner kurzen Eröffnungsrede ging er auf die lange Tradition der Deutschen Wandervereine ein, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet hatten. Im Jahr 1883 habe es dann in Fulda einen Zusammenschluss der damaligen Clubs gegeben - der Deutsche Wanderverband (so sein heutiger Name) war damit gegründet. In der Bundesrepublik gilt das Wandern als der Volkssport Nummer 1.

Vielfalt ist unsere Stärke

Den Reigen der Referate eröffnete die Geschäftsführerin des Deutschen Wanderverbandes, Ute Dicks. Sie sprach über „die Bedeutung der Wandervereine im modernen Tourismus". Es sprudelte nur so aus ihr heraus, als sie über die vielfältigen Aktivitäten sprach, die von den 56 Wandervereinen und vom Verband angeboten werden. Der Wanderer wünscht sich einen Naturraum, er benötige den ÖPNV als Zugang zur Natur, eine gute Infrastruktur sei notwendig und die Gastronomie müsse regionale Produkte im Angebot haben. Bei der Schaffung der Infrastruktur seien die Touristiker ebenso gefordert wie bei den Freizeiteinrichtungen. Die Mitglieder des Wanderverbandes sind die Fachleute in Sachen Wegekennzeichnung und Wanderführung. Für beide Sparten werden überregional und regional Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt. Der Rhönklub etwa verfüge über 150 geprüfte Wanderführer, die fast alle beim Deutschen Wandertag 2008 zum Einsatz kommen.

Im Jahr 2001 sei das Projekt „Wanderbares Deutschland“ geboren worden. Der Verband habe mit Erik Neumeier einen Wander-Experten gefunden und eingestellt, der dem Projekt zum Durchbruch verholfen habe. Durch dieses Projekt sei die Bedeutung des Deutschen Wanderverbandes für das Wandern deutlich geworden. Aus diesem Projekt sei die Qualitätsoffensive mit den beiden Teilen „Qualitätswanderwege“ und „Qualitätsgastgeber“ entstanden. Schließlich hätten die Wanderer des 21. Jahrhunderts gewisse Ansprüche an Wege und Unterkünfte. Deshalb seien Qualitätskriterien für Wege und Unterkünfte erarbeitet worden. Die Deutschlandkarte, die gezeigt worden ist, war übersät mit bisher geprüften und qualifizierten Wanderwegen. Der Verband stehe für nachhaltige Pflege seiner etwa 200.000 km Wanderwege. Die Wegekennzeichnung sei ein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Wandervereine nun schon seit 1864. Ute Dicks schloss mit den Worten: „Der Deutsche Wanderverband ist eine starke Lobby für das Wandern!“

Neue Wege zu einer alten Kunst

Ulrich Gruber aus Marl, seines Zeichens Journalist und Buchautor, las zu Beginn seines Vortrags eine Passage aus seinem Buch "Vom Wandern". Natürlich hatte er dieses darin beschriebene Wandererlebnis während einer Rhönwanderung. Mucksmäuschenstill war es im Saal, als er vom Sonnenaufgang, von den glitzernden Tautropfen und der Stille auf dem Rössberg las. Mit seinen Ausführungen zum Wandern traf er bei den Zuhörern ins Schwarze. Genau so, wie er es beschrieb, wandern die Mitglieder des Rhönklubs. Es sei das Wesentliche des Wanderns, dass es zeitlos sei. Gewandert seien die Menschen schon immer und sie werden auch in Zukunft wandern. Modetrends kommen und gehen. Das Wandern im ursprünglichen Sinn aber wird bleiben. Die Globalisierung bringe Beschleunigung, Bewegungsarmut und eine Entsinnlichung des Lebens. Alles gehe immer schneller. In wenigen Stunden sei man am anderen Ende der Welt. Termine beherrschen den modernen Menschen.

Die Erfahrung des eigenen Raumes aber schwindet. Der heutuge Mensch gehe am Tag etwa 400 bis 800 Meter zu Fuß. Der Jäger und Sammler habe am Tage etwa 20 km zurückgelegt. Über den Computer könne man sich die herrlichsten Landschaften per Mauschlick "anschauen", aber sie versprühen keinen Duft, es gäbe keine Bewegung und es sind keine begehbaren Räume. Der Redner zitierte den Text des Liedes von Matthias Claudius: „Jeden Morgen geht die Sonne auf in der Wälder wundersamer Runde, und die schöne scheue Schöpferstunde, jeden Morgen nimmt sie ihren Lauf“ Er nannte dieses Lied eine „Ode an die Schöpfung“. Wandern sei ein Medium, um in „Zeit und Raum-Phänomene“ einzutauchen. Beim Wandern kämen alle Sinne zum Einsatz, es sei ein Ersatz für das „Stopp and go!“ unserer modernen Zeit.

Heilsames Wandern

Über seine Liebe zu den Pflanzen sei er zum „Heilsamen Wandern“ gekommen, erläuterte Roland Szabo aus Dietzenbach in seinem Referat. Bis in die menschliche „Urzeit“ gingen seine Gedanken zurück. Der Wechsel vom Vierfüßergang zum aufrecht Gehen sei ein wichtiger Schritt in der Entwicklungsgeschichte gewesen. Durch die „Weitsicht“ beim aufrechten Gehen habe sich unser menschliches Gehirn zu dem entwickelt, was es heute ist. Der Mensch sei das einzige Wesen, das ausdauernd laufen kann. Er sei nicht schneller als ein wildes Tier, aber ausdauernder. In der Tierwelt können Tiere zu Tode gehetzt werden.

Welche menschlichen Organe beim Gehen gutes Training erfahren, zeigte Szabo auf: das Herz-Kreislauf-System, die Venenpumpen, die Gelenke, die Knochen, die Bänder, die Lymphe und auch das Gehirn. Seine Durchblutung werde gefördert und damit die Sauerstoffversorgung erhöht. Aber auch psycho-somatische Wirkung werde beim Wandern erzielt. Probleme ließen sich lösen, Wünsche und Ziele können formuliert werden, die Konzentrationsfähigkeit nehme zu.

Sodann kam er auf die Heilpflanzen am Wanderweg zu sprechen. Die Wirkung vieler Pflanzen sei seit Jahrtausenden bekannt. Die moderne Medizin habe das Wissen um diese Pflanzen zunächst verdrängt. Zur Zeit erlebe die Beschäftigung mit Heilpflanzen jedoch eine Renaissance. In seinem Buch „Wandern – Erkennen – Heilen“ beschreibt der Autor verschiedene Wandertouren, auf denen der Wanderer verschiedene Pflanzen entdecken kann. Das Buch ist reich bebildert. Wandern nannte er ein seelisch-sinnliches Erlebnis, denn beim Wandern werde man eins mit der Landschaft und der Natur.

Modernes Wandern mit GPS

Arno Behlau war dankenswerter Weise für die erkrankte Elisabeth Schrimpf eingesprungen. Er stellte dem interessierten Publikum seine neue Wander-Technik auf dem Handy vor. Geo-caching sei unter jungen Leuten sehr beliebt. Man könne es mit "Schatzsuche“ übersetzen. Dazu müsse man Koordinaten eingeben, um dann den Schatz zu suchen. Dazu benötige man ein bestimmtes Handy. Diese Schatzsuche habe er sich zunutze gemacht und ein Programm für Wanderungen entwickelt. Die Wanderrouten könne man sich vom PC auf das Handy laden und dann verfolgen, wo man sich befindet, wo eine Einkehr möglich ist, wo es eine Sehenswürdigkeit zu bestaunen gibt und so weiter. Seit 2 Jahren arbeite er an diesem Programm in Zusammenarbeit mit dem Fritsch-Landkarten-Verlag. Beim Deutschen Wandertag werde er es den Besuchern vorstellen und auch Stadtführungen damit anbieten. Er habe praktisch die gesamte Rhön digitalisiert. Aufmerksam verfolgten die Teilnehmer seine Ausführungen, wenn es für alle auch "starker Tobak“ war.

Wandern mit einem Einheimischen

Das letzte Referat hielt der junge Redakteur der RHÖNWACHT, Bernd Müller-Strauß aus Hünfeld. Er sei in der Rhön noch kein Einheimischer, denn er sei erst vor kurzem in die Rhön, nach Hünfeld, gekommen. Aber er habe in seiner alten Heimat Bamberg viel Erfahrungen als Stadt- und Wanderführer sammeln können. Er setze voll auf das Genuss-Wandern, denn das gebe den Mitwanderern Spielraum und presse sie nicht in ein festes Korsett. Jede Tour müsse zum Erlebnis werden. Die „Kunden“ wollen mitreden, deshalb müsse der Rahmen locker sein. Das erfordere vom Wanderführer eine gewisse Flexibilität. Nicht das sture „Gehen“ sei gewünscht, sondern ein Wandern mit Abwechslung. Da sich der einheimische Führer in seiner Heimat auskenne, seien Varianten möglich. Eine Wanderung mit einem zugkräftigen Titel sei besser als nur „Tageswanderung“ oder ähnliches. Er schlug zum Beispiel vor "Auf der Suche nach....“ oder "Auf den Spuren von...“ Der Rhönklub hat deshalb alle seine 90 Wanderangebote zum 108. Deutschen Wandertag mit derartigen zugkräftigen Titeln versehen., etwa "Zur Rhöner Glatze“. Wer weiß schon, wo diese liegt? Man müsse in seine Wanderungen etwas Außergewöhnliches einbauen. So könne man Fremden vielleicht einen Satz in Mundart nachsprechen lassen. Das käme immer gut an. Dadurch entstünde sofort ein guter Kontakt zwischen Wanderführer und Mitwanderer.

Am Schluss der 44. Kulturtagung dankte Präsidentin Regina Rinke allen Referenten für ihre informativen Beiträge. Ihr besonderer Dank ging an Jürgen Reinhardt, der nach 10 Jahren als Hauptkulturwart abtritt. Insgesamt 10 derartige Tagungen hatte er organisiert und begleitet. Als kleines Dankeschön überreichte die Präsidentin einen österlichen Geschenkkorb.

Podiumsdiskussion mit Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller

Neben den Vorträgen stand auch eine Podiumsdiskussion im Mittelpunkt der 44. Hauptkulturtagung des Rhönklubs. Roland Szabo (Dietzenbach), Ute Dicks, Geschäftsführerin des Deutschen Wanderverbandes, Rhönklub-Präsidentin Regina Rinke, Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller sowie Ulrich Grober (Marl; v.l.n.r.) thematisierten zahlreiche Facetten des Wanderns unter dem Thema „Wanderer zwischen den Welten - wohin führt unser Weg“. Moderiert vom Redakteur der „Rhönwacht“, Bernd Müller-Strauß, entwickelte sich eine lebendige und breitgefächerte Diskussion rund um Wanderkultur - Kultur des Wanderns mit den unterschiedlichsten Aspekten dieser wie Wanderqualität, Genusswandern, Trendführer Wandern, Herausforderungen des organisierten Wanderns in Vereinen sowie die Bedeutung des 108. Deutschen Wandertages in Fulda und der Rhön für den Rhönklub und die Region; Grund genug für das Auditorium, sich ebenfalls rege zu beteiligen.+++


v.l.n.r.: Roland Szabo (Dietzenbach), Ute Dicks, Geschäftsführerin des Deutschen Wanderverbandes, Rhönklub-Präsidentin Regina Rinke, Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller und Ulrich Grober (Marl).

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