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Fußball-Titan Oliver KAHN: "Richtig gewinnen, aber vor allem richtig verlieren"
15.04.16 - Oliver Kahn war einer der erfolgreichsten Fußballer, die der Erdball je gesehen hat: acht Deutsche Meisterschaften, sechs DFB-Pokalsiege, drei Auszeichnungen zum Welttorhüter und 2001 der große Triumph im Championsleague-Finale in Mailand. "Doch auch ich habe harte, richtig harte Niederlagen und Rückschläge einstecken müssen", sagt der 46-Jährige beim R+S Zukunftsforum in Fulda. Er berichtete am Donnerstagabend als Gastredner, dass vor allem der richtige Umgang mit Niederlagen - in Wirtschaft und im Spitzensport - der Schlüssel zum schlussendlichen Erfolg sei. Er habe es schließlich vorgemacht.
"Jeder erinnert sich an das Championsleague-Finale 1999. Wir hatten schon eine Hand am Pott und haben es dann fertiggebracht, innerhalb von zwei der drei Minuten Nachspielzeit, alles zu verlieren", erinnert er sich. Ole Gunnar Solskjær von Manchester United überwand damals in der 90.+3 Spielminute den Titan - der sichergeglaubte Titel futsch. "Ich habe noch nie so eine Letargie wie nach dem Schlusspfiff gesehen - ich habe selbst nur ins Leere geschaut. Man spürt negative Gefühle: Wut, Angst, Scham, aber wie geht man mit alledem um?"
Die vier A's, um Niederlagen zu nutzen
Damit zu leben sei nur der erste Schritt, die Niederlage in neue Energie zu verwandeln, sei das Ziel. "Ich nenne es die vier A's: analysieren, akzeptieren, abhaken und antreten. Antreten mit neuer Stärke, Motivation und Entschlossenheit." Um die Jahrtausendwende brauchte der FC Bayern nur zwei Jahre, um wieder ins Finale um den größten europäischen Vereinspokal zu kommen. "Damals in Mailand gegen den FC Valencia, aber das eigentlich Besondere fand drei Tage vorher in Hamburg statt: Letzter Spieltag in der Bundesliga, ein Remis hätte uns zum Titel gereicht und nach 80 Minuten stand es auch 0:0."
Schalke 04 machte damals seine Hausaufgaben und siegte gegen Unterhaching mit 5:3, als Hamburgs Sergej Barbarez mit dem Schlusspfiff das 1:0 für Hamburg machte. "Wieder diese Letargie, Sammy Kouffur lag auf dem Rasen. Ich frage Schiedsrichter Markus Merk nach der Nachspielzeit: vier Minuten. 'Leute, vier Minuten. Lasst uns dazulernen, uns weiterentwickeln' habe ich den Kollegen zugerufen und wie es ausgegangen ist, wissen die meisten." Bayern traf mit der letzten Aktion durch einen fragwürdigen indirekten Freistoß zum 1:1, wurde Deutscher Meister und später auch Championsleague-Sieger.
"So sieht es auch mit der heutigen Bayern-Mannschaft aus. Das 'Finale-Dahoam' gegen Chelsea ging verloren und ein Jahr später hat es geklappt. Die deutsche Nationalmannschaft scheiterte 2010 und 2012 bei WM und EM knapp - 2014 wurden wir Weltmeister. Das sind alles keine Zufälle. Das sind Prozesse, die es nach Rückschlägen zu durchlaufen gilt. Ich weiß nicht, ob wir damals in Hamburg den Willen gehabt hätten, wenn wir nicht die Erfahrung der Niederlage gehabt hätten." Die Parallelen zwischen Spitzensport und Wirtschaft seien da verblüffend. "Wer Spitzenleistungen bringen will und sich immer aufs neue toppen möchte, muss auch damit umgehen können, wenn der Plan nach hinten los geht."
"Selbstzufriedenheit der größte Feind"
Doch auch der richtige Umgang mit Erfolg sei entscheidend. "Ich kam vom kleinen Karlsruher SC nach München, wo jedes Jahr große Leistungen gebracht wurden. Aber jedes Jahr standen Uli Hoeneß und Co. wieder da und wollten die Ziele noch höher stecken. Die Fähigkeit, Spaß und Freude am Erreichten zu haben, ist sicher erlaubt, aber Zufriedenheit darf nicht in Sattheit übergehen. 'Selbstzufriedenheit ist der größte Feind' hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gesagt. Demut, Achtung und Bescheidenheit sind die Zauberworte."
Der Trainer, also die Führungskraft im Unternehmen, sei nicht mehr der reine Anweiser, sondern vielmehr ein Potenzialfinder. "Wer hätte gedacht, dass Philipp Lahm, den man als weltklasse Außenläufer kennt, auch im Mittelfeld bärenstark spielt? Er selbst wahrscheinlich nicht. Pep Guardiola wurde für verrückt erklärt, hatte es aber erkannt. Dabei kann man auch nicht jeden Spieler, jeden Mitarbeiter, gleich behandeln. Da gilt es die Ehre der Individualität zu wahren: Es gibt Individualisten, es gibt Leitwölfe aber auch Kollektivspieler - so wie in jedem Unternehmen."
Nach seinem Vortrag nahm sich der Titan noch einige Minuten für Fragen aus dem Publikum Zeit: Er habe zum Beispiel nie so recht gewusst, warum er mit allerhand Obst und Gemüse vor dem Anpfiff beworfen wurde. "Vielleicht dachten sie, ich hätte einen Obst- und Gemüsehandel, keine Ahnung. Am Ende hab' ich es schon vermisst, wenn keine Bananen geflogen sind." Auch zur laufenden Championsleague-Saison äußerte er sich: "Ich wöllte nicht auf Atletico Madrid treffen. Sie haben vor zwei Jahren das Finale erreicht und gegen den Stadtrivalen Real verloren. Ich möchte beinahe auf sie wetten - man stelle sich einmal vor, wie motiviert der FC Bayern wäre, wenn man im Vorjahr gegen 1860 verloren hätte..." (Julius Böhm) +++