Das idyllische Vogelsberg-Städtchen Schotten war von Freitag bis Sonntag fest in den Händen tausender Rennsportfans und Motorradfahrer aus ganz Europa. Zur 20. Ausgabe des Int. VFV/ADAC Schottenring Classic Grand Prix „knabberte“ der Motorsportclub (MSC) Rund um Schotten erstmals an der „Schallmauer“ von 20.000 Zuschauern. „So viele Zuschauer hatten wir noch nie“, bestätigte MSC-Chef Wolfgang Wagner. „Schotten is the best!“ schwärmten unisono die mehrfachen Ex-Weltmeister Jim Redman und Phil Read. Sie zeigten sich schon am Freitagabend bei der Fahrervorstellung am historischen Rathaus und im Fahrerlager als Stars zum Anfassen und nahmen sich Zeit für Autogramme und „Benzingespräche“ mit den Fans.
Auch die übrigen Weltmeister wie Dieter Braun (stürzte spektakulär mit „Highsider“ nach einem Kolbenklemmer, blieb aber unverletzt), Jan de Vries und Rod Gould sowie ein rundes Dutzend Fahrer mit Grand-Prix-Siegen und Top-Ten-Ergebnissen bei WM-Läufen zeigten auf ihren Originalrennmaschinen, dass sie nichts von ihrem Können verlernt haben vor der „WM-reifen. Der Stadtkurs mit seinen Bodenwellen und einem „blind“ anzufahrenden steilen Bergaufstück gilt als durchaus anspruchsvoll. Die schnelle Umgehungsstraßen-Gerade war in jeder Runde Schauplatz von Windschattenduellen und Ausbremsmanövern vor der Kurvenkombination an der Post, die Grand-Prix-Sieger Jos Schurgers aus den Niederlanden für „WM-reif“ hält!
Insgesamt 420 Fahrer und Beifahrer aus halb Europa präsentierten ein rollendes Motorradmuseum mit der Zweiradspitzentechnik von 1905 bis 1985. Neben den prominent besetzten Showläufen ist der Int. VFV/ADAC Schottenring Classic Grand Prix vom Prestige, der Kulisse und Atmosphäre her tatsächlich der „Große Preis“ unter den Wertungsläufen zur Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft (DHM). In elf Klassen, in jeweils zwei Durchgängen, mussten die Fahrer möglichst gleichmäßige Rundenzeiten absolvieren. Abweichungen werden mit Strafpunkten geahndet.
In den Meisterschaftsläufen und in den Showläufen zeigten viele Routiniers und Ex-Champions, dass sie das Fahren im Grenzbereich nicht verlernt haben und ernteten für Windschattenduellen und Ausbremsmanöver viel Applaus von den fachkundigen Zuschauern. Eine Schrecksekunde erlebten die Organisatoren und der zweifache Weltmeister Dieter Braun noch kurz vor Ende am späten Sonntagnachmittag, als an Brauns Yamaha der Motor blockierte und der in Schotten stets gefeierte Star unmittelbar an Start-Ziel 100 Meter über den Asphalt schlitterte. Alle Resultate im Internet abrufbar unter: www.schottenring.de
Chef lenkt, Azubi turnt
Lokalmatador Bernd Albert aus Laubach musste auf seinen Stamm-„Schmiermaxen“ für seine beiden Seitenwagengespanne verzichten. Aber wozu ist man „Chef“ und hat Angestellte?! Albert offerierte seinem „Azubi“ Andreas Grünwald (Laubach-Münster) den Job. Grünwald nahm an und debütierte auf dem als widerlicher „Hauruck“-Kurs bekannten Oschersleben. Nun bestand der Azubi darauf, auch in Schotten „im Boot zu turnen“! Grünwald verglich die beiden Strecken: „Schotten ist wesentlich anstrengender! Die Kurven fliegen viel schneller auf einen zu als in Oschersleben.“
„Taxifahren ist so geil!“
Eine besondere Spezialität der Schottenring Classic Grand Prix sind die so genannten „Taxifahrten“. Gegen einen finanziellen Obolus, der von VFV und MSC Rund um Schotten an gemeinnützige Institutionen weitergegeben wird, dürfen Zuschauer in einem Seitenwagen-Beiboot Rennfeeling erleben. Sylvia Failenschmied aus der Nähe von Reutlingen: „Das ist so geil“!
Junggebliebene Streckenposten
„Mit 66 Jahren fängt das Leben an“, sagte sich Günter Kaspar (Hungen) und heuerte gemeinsam mit Karl-Heinz Dorfeld (67, Gießen) erstmals als Streckenposten beim 20. Int. VFV/ADAC Schottenring Classic Grand Prix an. Die beiden Mitglieder des MSC Horlofftal assistierten dem Chefposten Harold Brunch vom MSC Rund um Schotten entlang der Start-/Zielgeraden. Die Clubs der Nachbarschaft helfen bei einem Großereignis wie diesem aus.
Schotten = Monaco ohne Hafen und Tunnel
Schotten hat eine ganze Menge gemeinsam mit Monaco – es fehlt halt der Hafen. (Vielleicht sollte man den Kurs Richtung Stausee verlängern. Aber wo kriegen wir einen Tunnel her…). Beides sind die prestigeträchtigsten Veranstaltungen ihrer Meisterschaften. Frappierend ist die Ähnlichkeit der Streckenführung zwischen dem Stadtkurs in Mittelhessen und dem an der Cote d’Azur. Hochkarätig sind die Starterfelder bis hin zu den Weltmeistern, die in London-Hampstead geboren sind: Motorrad-Weltmeister Jim Redman ebenso wie Formel-1-Weltmeister Graham Hill. Überall sieht man Leute auf dem Balkon, die den Rennen zuschauen oder unter freiem Himmel in einer berühmten Rechtskurve vor Start und Ziel ihre Currywurst verspeisen. Schottens Rascasse! Naja, vielleicht gibt es in der doch etwas anderes als Currywurst zu essen…
„Die Stimme“ und der Schatzmeister
Günter Bopp aus Schotten ist seit Jahren „die Stimme“ des Int. ADAC/VFV Schottenring Classic Grand Prix. Selbst Fachjournalisten staunen über „Boppis“ historisches Detailwissen und Anekdotenreichtum. Dieses Jahr erhielt der Streckensprecher mit Timo Neumann aus Rudingshain einen „Assistenten“, der sich besonders um die Sonderläufe der Grand-Prix-Stars des Yamaha-Classic-Racing-Team kümmerte. Neumann ist trotz seiner 24 Jahre bereits Schatzmeister beim MSC Rund um Schotten e.V. im ADAC.+++