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Fuldas Bischof Algermissen am 1. Weihnachtsfeiertag während seiner Predigt - Foto: Julius Böhm

FULDA IM WORTLAUT

"Kein Kompromiss bei Sterbehilfe" - Weihnachtspredigt von Bischof Algermissen

25.12.17 - Lesen Sie hier die Predigt von Bischof Heinz Josef Algermissen aus dem Pontifikalamt am ersten Weihnachtsfeiertag komplett und im Wortlaut:


Evangelium: Joh 1,1-5.9-14

Von all dem Vertrauten und Liebenswerten der Hl. Nacht ist im Evangelium des Weihnachtstages nicht die Rede. Wir hören nichts von den Hirten, nichts von singenden Engeln, auch nichts von Maria, Josef und dem neugeborenen Kind in der Krippe.
Es scheint, als wolle uns das Johannes-Evangelium in eine andere Welt entführen. Nüchtern und eindringlich heißt es da:
„Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott.
Und Gott war das Wort…
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt…“ (Joh 1,1+14).

Und dennoch spricht auch das heutige Evangelium von nichts anderem als vom Weihnachtsgeschehen in der Hl. Nacht, nur dass das Mysterium philosophisch tiefer zur Sprache gebracht wird.
Die Verfasser aller Evangelien verfolgen dasselbe Ziel, nämlich die Verkündigung der großen Freude (vgl. Lk 2,10), die uns der ewige Gott durch sein Kommen in Raum und Zeit beschert.
Sie tasten sich freilich von verschiedenen Seiten an die frohe Botschaft heran: Lukas und ähnlich Matthäus erzählen die irdische Geschichte und öffnen von daher den Weg in Gottes verborgenes Handeln. Johannes indes zeigt, wie dieses Geheimnis hineinreicht bis ins Fleisch und Blut der Menschen.

Gerade dadurch, dass er die vertrauten Begebenheiten der Geburt Jesu Christi in den Bereich des Geheimnisses entrückt, ist seine Perspektive geeignet, unsere Augen zu öffnen für die Tiefe dessen, was in der Hl. Nacht geschehen ist. Das heutige Evangelium spricht von dem Licht, das in der Finsternis leuchtet. Und dennoch hat die Welt es nicht aufgenommen. Diese Ablehnung hat sich seitdem nicht geändert.

Von daher können wir verstehen, warum das Johannes-Evangelium seit alter Zeit in den Zenit der Weihnachtsliturgie gehört. Denn es enthält den entscheidenden Satz, der nicht nur den eigentlichen Inhalt des heutigen Festes angibt, sondern auch den tiefsten Grund unserer Freude enthält:
„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).
Hier sind wir am Zentrum des Festes. Denn an Weihnachten feiern wir nicht einfach den Geburtstag irgendeines großen Mannes der Weltgeschichte, wie es deren viele gab. Nein, dieses Fest bezeichnet einen „Quantensprung“ der Weltgeschichte, weil Jesus Christus als Heiland und Retter einzig und mit keinem anderen zu vergleichen ist, weder etwa mit Buddha noch mit Mohammed.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
In einem Stall, am Rande der damals bekannten Welt, den rauen Winden menschlicher Gleichgültigkeit und Verachtung ausgesetzt, beginnt das Drama göttlicher Ohnmacht, vollzieht sich der Transitus Gottes von oben nach unten. Und das alles „propter nos homines“, wie wir es im Credo bekennen, d. h. „für uns Menschen“, um des Menschen willen.

Im Johannes-Evangelium erfahren wir: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab“ (Joh 3,16). Das ist kein frommer Spruch, sondern harte Wirklichkeit. „Verbum caro factum est“: Das Wort der Liebe Gottes ist ein Faktum geworden.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, das Schweigen Gottes, das den Glauben vieler erschüttert und unsere Fragen herausfordert, ist im fleischgewordenen Wort im Grunde beantwortet: Seitdem können wir um einen Gott wissen, der Anteil nimmt am Leben seiner Menschen, an deren Freude und Hoffnung, deren Angst, Sorgen und Tränen.
Das Kind in der Krippe wird dann zum romantischen und sentimentalen Kitsch, wenn wir nicht gleichzeitig den mit sehen, der in der Bergpredigt das neue Gesetz Gottes ausgerufen hat, der als Hingerichteter auf Golgotha im Schrei der Gottverlassenheit sein Leben aushauchte und am Ostermorgen als Auferstandener die Grabkammer dieser Welt aufbrach.

Das Fest der Menschwerdung Gottes schenkt unserer Existenz Sinn, Halt und Stütze. Es nimmt unsere Fragen ernst und beantwortet, woher der Mensch ist und wo er zuhause ist: aus Gott und in Gott. Diese Beheimatung ist die Bedingung seiner Würde.

Wo aber Gott aus dem Blick gerät, werden wir entwurzelt. Wo er nicht mehr vorkommt, werden wir heimatlos.
Die tiefste Entwurzelung unserer Tage ist für mich die Trennung des Menschen von Gott, das menschliche Leben „etsi deus non daretur“, als ob es Gott nicht gäbe.
Wo die Gabe des Lebens nicht mehr als Geschenk des Schöpfers verstanden wird, sind Würde und Wert des Menschen vor seiner Geburt, in Krankheit und Alter in Gefahr. Da müssen wir achtgeben, dass die Lobby für aktive Sterbehilfe nicht am Ende siegt und wir Zustände wie in den Niederlanden oder in Belgien bekommen.

Es liegt in der inneren Logik dessen, was wir am Fest der Menschwerdung Gottes feiern, dass für die Kirche embryonale Stammzellforschung, aber auch Präimplantationsdiagnostik moralisch verwerflich sind, da sie alle mit der Tötung bzw. Selektion von Embryonen verbunden sind. Der Zweck kann aber nie die Mittel heiligen. Wenn das Gebot, Kranke zu heilen, mit dem Gebot, Unschuldige nicht zu töten, kollidiert, hat immer das Tötungsverbot den Vorrang. Keine Therapie, und sei sie noch so phantastisch, kann es rechtfertigen, einen Menschen im vorgeburtlichen Zustand zu töten. Da wird es mit der Kirche niemals die Spur eines Kompromisses geben. Jetzt nicht und auch nicht in Zukunft.

Wo sich unsere Einstellung zum Leben etwa auf die Formel der Religionskritik verkürzt, wird der Mensch entwurzelt. Sie behauptet nach Ludwig Feuerbach, Bewusstsein und Erkenntnis Gottes seien eigentlich Selbsterkenntnis des Menschen.
Weihnachten dagegen klärt uns auf: So viel Wert Gott in dieser Welt bekommt, so viel Wert hat der Mensch in all seinen Lebensumständen. Wohingegen Gott nicht mehr vorkommen darf, wo das Kreuz aus dem Blick kommen soll, schrumpft der Mensch zu einer Mumie.
Anders und unter dem Eindruck des Weihnachtswunders gesagt: Erst der Blick in die Krippe und zum Kreuz hin zeigt, wer der Mensch wirklich ist. Diesem Realismus wird die Zukunft gehören, da bin ich mir ganz sicher!

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Gott, der mit uns etwas zu tun haben möchte, uns nicht abgeschrieben hat, wagte den weihnachtlichen Transitus aus der Transzendenz in unsere Nähe, aus der Allmacht in die Ohnmacht. Und nach dem Lukas-Evangelium (2,15f) haben die Hirten darauf eine plausible Antwort gegeben, indem sie sich aufgemacht haben, gegangen sind, das Wunder zu suchen und zu schauen.
Nun wartet der Herr auf unsere Antwort, darauf, dass wir uns aufmachen: „Transeamus usque ad Bethlehem!“ – „Kommt, lasst uns nach Bethlehem gehen“, damit es uns wie Schuppen von den Augen fällt und wir alle einstimmen können aus ganzem Herzen: „O Freude über Freude…“. Amen. +++


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