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Die Weiteröder Stripper bewahren Dialekt und Brauchtum - Archivfotos(4): Gudrun Schmidl

BEBRA Dialekte vom Aussterben bedroht

Weiteröder Stripper bewahren Mundart "fer de jonge Liet" und die Ewigkeit

07.02.20 - Dialekt sprechen steht für Vielfalt, Authenzität und Identität, setzt eine sprachliche homogene Gemeinschaft voraus, die Herkunft und Heimat miteinander teilen und zu ihren Wurzeln stehen. Dialekte gelten nach wie vor und aktuell mehr denn je als wichtiges kulturelles Erbe, verlieren dennoch an Bedeutung und sind vom Aussterben bedroht. So sprießen die Vereine zum Schutz der Dialekte nur so aus dem Boden.

Warum heißen die Weiteröder "Stripper"? ...

Bereits seit 2011 sieht sich die von Andreas Nölke ins Leben gerufene Weiteröder Mundartgruppe in der Verantwortung, ihre Heimatsprache und das Brauchtum von Weiterode zu erhalten und vor allem weiterzugeben. Am letzten Donnerstag eines jeden Monats um 19.30 Uhr treffen sich bis zu 15 Frauen und Männer in den Räumen von Ellis Saal, genießen dabei das Zusammensein und das Schwätzen über Gott und die „Liet“ auf „Widdererer Platt“. So auch beim ersten Treffen im neuen Jahr.

Daniela Herrmann, Hilde Hofmeister, Hiltrud Prentzel, ...Fotos (3): Gudrun Schmidl

Als „Mutter“ der Weiteröder Mundartgruppe fungiert von Anfang an Hildegard Thon, das „Spekdoagelmensch üssem Rohrwäg“. Aus ihrer Feder stammt der Text zu der Melodie „Wir sind die Sänger vom finstern Walde“, das wunderbar den selbst auferlegten Auftrag der Gruppe beschreibt: „Mä sinn de Stripper vunn Widderore, mä schwatzen so – wie uns des Müll gewossen ess. Bei uns werd vääl gelachd und rechdech Sposs gemachd un sech vazahlt wie´s frieher so gewasen ess. Damed´s erhaalen bliet, fer unse jonge Liet – damed´s in 50 Joahrn noch enner wess“. Die Weiteröder singen überhaupt sehr gern. An diesem Abend stimmen sie ein Lied für Werner Herwig an, der Geburtstag hatte und eine Runde Süßes und Süffiges ausgegeben hat.

Nahezu alle Mitglieder der Mundartgruppe sind zumindest zweisprachig, viele dreisprachig – sie sprechen wahlweise Hochdeutsch, Mundart oder ein Gemisch von Hochdeutsch und Mundart, das sich immer mehr ausbreitet und von Sprachwissenschaftlern „Neuhessisch“ genannt wird. Sprachlich gesehen teilt sich Hessen in vier Teile: Nord-, Ost-, Zentral- und Südhessen beziehungsweise Rhein-Franken. Ein einheitliches „Hessisch“ gibt es nicht. Die Widdererer sind sprachlich Osthessen zuzuschreiben.

Das Dialektsterben schritt die vergangenen hundert Jahre rapide voran, woran neben vielen anderen Faktoren auch die Schulpflicht mit Hochdeutsch als Unterrichtssprache ihren Anteil hat. Natürlich haben Mitglieder der Mundartgruppe auch schon Schulen im Einzugsgebiet von Weiterode besucht, um den Schülerinnen und Schülern das „Widdererer Platt“ nahe zu bringen. „Das war lustig, aber nicht nachhaltig“, gesteht Hildegard Thon.

Nachhaltiger ist da für viele weitere Generationen das von der Mundartgruppe herausgebrachte „Weiteröder Mundart-Buch gegen das Vergessen“, das von Anbeginn federführend von Hildegard Thon und den „Plattschwätzern“ geplant wurde. Zu der Entstehung eines Wörterbuches über die Sprache der Weiteröder gehörte auch die Erstellung eines Systems für die Lautschrift. Vorhandene Geschichten, alte Bräuche, Fotos, Eigennamen von Personen und Örtlichkeiten, Berufsbezeichnungen und vieles mehr aus Weiterode wurden akribisch zusammen getragen und zum Großteil auf die beigefügte CD gesprochen. Ein wertvoller Schatz für die Ewigkeit.

Foto: Wilfried Apel

Hildegard Thon begeistert seit 1985 mit ihrem „Kirmesdorfklatsch“ und bringt das Kirmeszelt zum Beben. Gekonnt hechelt sie die wichtigen und witzigen Ereignisse des zurückliegenden Jahres mit spitzer Zunge durch, anfangs zusammen mit „Schulzen Walter“ und seit 1991 zwei Jahrzehnte Seite an Seite mit Brunhilde Jost. Seit 2011 wirbelt Hildegard Thon mit ihren vier Jungs David Gollmer, Tobias Heckroth, Johannes Koch und Sven Stutzmann über die Bühne. Unverzichtbar bei der Weiteröder Mundartgruppe ist „Heisen Karl“, das fast blinde, im Geiste junggebliebene 92-jährige Weiteröder Urgestein. Bereits vier Mal seit 2013 stand er gemeinsam mit seinen Mitstreitern beim „Widdererer Mundart-Spekdoagel“ auf der Bühne in Ellis Saal.

Hildegard Thon gibt den Ton an ...

Karl Heise (Heisen Karl) auf der ...

Die Mundartgruppe ist eine von drei autarken Gruppen des Kulturvereins Ellis Saal. Ute Holstein, die für die Programmgestaltung zuständig ist, hat von Anfang an das Potential der Mundartgruppe erkannt und diese ermutigt, öffentlich aufzutreten. Inzwischen ein Pflichttermin für alle, die Mundart lieben und Spaß und beste Unterhaltung schätzen. Im Mai kommenden Jahres ist der fünfte Auftritt geplant.

Wenn es nach der Mundartgruppe geht, stehen sie gern gemeinsam mit weiteren an Mundart interessierten Personen jeden Alters auf der Bühne und heißen alle willkommen, die sich ohne große Öffentlichkeit der Gruppe anschließen, um das „Widdererer Platt“ und das Brauchtum zu erhalten. Daniela Herrmann und Britta Hott sind derzeit die Jüngsten in der geselligen Runde, hören gern die Mundart und begeistern sich für die Geschichten von früher, die besonders Ilse Ernst und Ewald Koch auf Lager haben. Auch wer das „Widdererer Platt“ nicht spricht, kann dem gut folgen und sich köstlich amüsieren. Fazit: An den Weiterödern liegt es nicht, wenn der Dialekt ausstirbt. (Gudrun Schmidl) +++


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