Schweine werden oft über hunderte Kilometer transportiert - Archivfoto: Hans-Hubertus Braune

REGION Schweinepreise sind im Keller

Es geht um die Wurst: Will der Verbraucher auf "immer nur billig" verzichten?

20.07.20 - Die Corona-Pandemie hat das Thema Fleischproduktion in Deutschland in den Fokus gerückt. Die Schlachtindustrie ist in die Diskussionen geraten, nachdem etwa beim Marktriesen Tönnies viele Mitarbeiter infiziert wurden. Immer größer, schneller und billiger - so will es der Konkurrenzkampf. Das Ziel: Der Verbraucher soll sein Schnitzel, sein Steak oder seine Salami in Massen und zum kleinen Preis auf den Teller serviert bekommen. Die großen Player machen rund 75 Prozent der Produktion aus, die Massenwaren "Schwein" oder "Rind" landen zu Schleuderpreisen in die Läden der Discounterketten.

Gibt es Alternativen zur "Billig muss es sein"- Mentalität? Wenn ja, ist eine Rückkehr in die gute alte Zeit überhaupt möglich? Wir haben mit Diplom-Ingenieur agr. Bernd Weber vom hessischen Bauernverband über die zugespitzte Lage gesprochen. Zunächst seien viele Schweinezuchtbetriebe froh, dass Tönnies an dessen Hauptsitz in Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh, Nordrhein-Westfalen) wieder schlachten dürfe.

Für die Betriebe in Osthessen und dem Main-Kinzig-Kreis mache jedoch vor allem der Preisverfall zu schaffen. "Der enorme Preisdruck für Schweinefleisch tut weh", sagt Weber. Von ursprünglich zwei Euro pro Kilogramm sind die Preise auf 1,47 Euro pro Kilogramm Schweinefleisch gesunken. Die Bauern wurden und werden ihre Schweine nicht mehr los - davon sind in Hessen zumindest die Betriebe in Nordhessen betroffen. Die Produktionskette war unterbrochen, dies spüren zum Beispiel auch die Ferkelzüchter - um nur ein Beispiel zu nennen.

472 Metzgereien schlachten selbst

Dabei ist die Situation in Hessen vergleichsweise gar nicht so schlecht. Gerade im Großraum Fulda. Hier gibt es einen Schlachthof, der gut läuft. Die Landwirte haben also kurze Wege. Der Schlachthof habe durchaus noch freie Kapazitäten und kann mehr produzieren. Derzeit würden 1.000 Schweine geschlachtet, möglich seien 2.000. Auch bei den Rindern ist die Kapazität nicht ausgeschöpft. Allerdings seien die Warenströme kompliziert und könnten nicht "verordnet" werden. Neben Fulda gibt es in Hessen zwei weitere große Schlachthöfe von Bedeutung: In Brensbach im Odenwald sowie der Firma Helwig in Ziegenhain im Schwalm-Eder-Kreis. Was selbst Weber bei der Recherche zur O|N-Anfrage positiv überraschte: In Hessen gibt es außerdem 472 selbst schlachtende Metzgereien.

Die Zahl war vor einigen Jahren jedoch wesentlich höher - etwa in den 1960er Jahren. Doch dann kamen immer mehr Vorschriften, die EU-Zertifizierungen, der Aufwand stieg und wurde für viele kleine Betriebe einfach zu groß. Diese Auflagen machten das Schlachten einfach zu teuer. Viele machten dicht. Kommunale Schlachthöfe seien zudem kaum realisierbar. "Wir können die Wirtschaftlichkeit nicht ausblenden", sagt Weber. Der Kostendruck habe in den vergangenen Jahren viele Betriebe zudem davon abgehalten, in die Schweinehaltung zu investieren. Die Schweinehaltung habe zwischen den Jahren 2008 und 2019 um 26 Prozent abgenommen, bei den Zuchtsauen sind es im gleichen Zeitraum sogar 45 Prozent weniger. Gerade auch im Main-Kinzig-Kreis, welcher ja zum Rhein-Main-Gebiet gehöre, sei die Tierhaltung deutlich zurückgegangen.

Können sich die Verbraucher teures Fleisch leisten?

In den Großbetrieben herrscht der Preiskampf. Es muss viel und kostengünstig produziert werden. Das ist nicht erst seit der Corona-Pandemie so - nur jetzt ist die öffentliche Empörung groß. Viele Verbraucher scheinen umdenken zu wollen - die entscheidende Frage: Wie lange hält dieser Trend an? Vor allem im Speckgürtel Rhein-Main-Gebiet können sich viele Menschen das gute Fleisch leisten. Doch wie sieht es mit der breiten Masse aus? - Vielleicht ist weniger billig produzierte Wurst und Fleisch pro Tag, dafür aber regional vom Landwirt aus der Nachbarschaft, eine machbare Variante?

Die Landwirte würden einer Dezentralisierung des Marktes sicher positiv gegenüberstehen, sagt der Pressesprecher des Bauernverbandes. Vor allem die Hofläden und lokalen Metzgereien spüren die steigende Nachfrage. "Der Trend ist da" bestätigt Weber. Wichtig sei eine Verzahnung der Wirtschaftsketten. In der Rhön klappe dies prima. Die Gastronomie arbeite dort Hand in Hand mit den Höfen der Region im Biosphärenreservat. Regionale Produkte werden anerkannt und haben einen höheren Stellenwert. "Am Ende muss es sich rechnen", sagt Weber. Bisher seien die Gewinnmargen überschaubar. Die Landwirte brauchen Sicherheit und Mut - letztlich habe es der Verbraucher selbst in der Hand, wie sich die Produktion von Fleisch und Wurst in Deutschland entwickelt. Dabei ist es sicher auch fraglich, wie sehr sich die Großkonzerne und deren Befürworter von den Verbrauchern hierzulande beeinflußen oder einfach ins Ausland abwandern. (Hans-Hubertus Braune) +++


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