Auf der Flucht vor der Politik: Immer mehr deutsche Ärzte gehen ins Ausland - Foto: picture alliance / Zoonar | Robert Kneschke

REGION Ärzte schlagen Alarm Teil 2

"Irgendwann befinden wir uns nicht mehr in einem freien Land"

25.09.21 - Ob Politik, Pharmaunternehmen oder Ärzte, in einem Punkt sind sich alle einig: Dem deutschen Gesundheitswesen steht ein massiver Umbruch bevor. Immer mehr Mediziner warnen vor dieser Entwicklung. OSTHESSEN|NEWS hat mit zwei von ihnen gesprochen.

Ob "gläserner Patient", ausländische Ärzte, Daumenschrauben für Mediziner oder Medikamentenengpässe: Unsere Gesprächspartner haben ihrem Ärger ordentlich Luft gemacht.

Beide Ärzte (ein Facharzt, eine Allgemeinmedizinerin), möchten unerkannt bleiben. "Von uns wird erwartet, dass wir stets altruistisch und leidensfähig sind. Stimmen gegen die Politik werden nicht gerne vernommen und wir schweigen, weil wir viel zu verlieren haben", erklärt der Facharzt.

Heute: Teil 2

"Osteuropäische Ärzte sind einfach billiger"

Während, aus Kostengründen, immer mehr Ärzte aus dem Ausland (vorzugsweise aus Osteuropa) in die Krankenhäuser und Versorgungszentren kämen, bei denen manchmal gar nicht richtig hingeschaut würde, wanderten deutsche Ärzte nach England, Skandinavien oder nach Amerika aus. "Die Schweiz bildet gar keine Mediziner mehr aus, weil sie so viele aus Deutschland bekommen." Für Banker würden hierzulande horrende Boni gezahlt, um diese "Fachkräfte" an das Land zu binden, gleichzeitig vertreibe man die eigenen großen Köpfe der Medizin mutwillig. Auch für die Patienten seien diese Entwicklungen eine riesige Katastrophe. In der Folge gibt es immer weniger niedergelassene Fachärzte."

Der Kranke wird zur Nummer

In einem Krankenhaus benötige man alleine zwei Fachärzte, um die Arbeit eines Niedergelassenen zu kompensierten. "Ein angestellter Arzt ist halt, wenn überhaupt, nur 38,5 Stunden in der Woche da, in dieser Zeit machen er auch den ganzen Bürokratiekram. Dann setzt er sich vor den Computer und schaut, wie gut er das kann und trinkt einen Kaffee dabei. Wenn die Zeit um ist und kein Patient angesehen wurde, dann ist das eben so. Der Angestellte geht einfach Heim. Dann ist er mal krank, geht in Reha, baut Überstunden ab und fährt in den Urlaub." Eine Bindung an Patienten sei damit gar nicht mehr möglich, dementsprechend würden Kranke wie Nummern behandelt, meint er. Eine medizinische Versorgung, wie wir sie bisher kennen, würde man künftig nicht mehr bekommen.

"Ich habe nie gedacht, dass die Politik es irgendwann so weit treiben würden. Aber die Illusionen sind mir mittlerweile genommen. Ich bin sicher, wir sind noch nicht am Ende angekommen. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich bis 68 mache. Wenn die Daumenschrauben irgendwann so weit angezogen werden, dass man es nicht mehr aushalten kann, muss man vielleicht doch was anderes machen – oder auch noch weggehen."

Immer wieder höre er bereits jetzt von Kollegen, die mit Anfang 60 aufhörten, obwohl sie, ohne den politischen Druck, gerne noch weitergemacht hätten. Aus denselben Gründen käme wenig Nachwuchs hinterher.

"Irgendwann wachen wir auf und leben nicht mehr in einem freien Land"

Über die Handlungen der Regierung kann er wenig Gutes sagen: "Die wissen genau, dass sie alles nicht zu schnell machen dürfen, sonst gäbe es Widerstand. Krisen werden beispielsweise gerne für neue Regeln und Gesetze genutzt, denn dann sind die Menschen abgelenkt. Es gibt viele Dinge, die wir gar nicht wollen und irgendwann wachen wir auf und leben nicht mehr in einem freien Land." 

Lebensnotwendige Medikamente nicht lieferbar

Die Allgemeinmedizinerin bestätigt die getroffenen Aussagen des Facharztes nahezu vollständig. Hinzu verweist sie auf ein weiteres Problem. "Wenn ich ein Arzneimittel verschreiben möchte, bekomme ich häufig die Mitteilung, dass es nicht verfügbar ist." Medikamentenengpässe (sie haben sich seit dem Jahr 2000 verzwanzigfacht) gehörten mittlerweile an die Tagesordnung. "Manchmal kann nur eine spezielle Firma nicht liefern, dann weicht man eben auf eine andere aus. Es kommt aber immer wieder vor, dass Wirkstoffe gar nicht zu bekommen sind." Das sei katastrophal, denn häufig beträfe es mittlerweile auch Produkte, die für Kranke lebensnotwenig seien. "Traurig, aber wahr: am besten ist es, wenn man die wichtigsten Sachen, etwa auch ein Antibiotikum, zuhause hat."

"Der Sparkurs der Regierung bringt uns in Bedrängnis"

Auch für dieses Problem macht sie die Politik verantwortlich. "Das war früher nicht so, aber irgendwann hat sich die Regierung aufgrund ihres Sparkurses dazu entschlossen, fast alles aus dem Ausland zu beziehen." Deutsche Firmen, die medizinische Produkte hergestellt hätten, seien infolgedessen abgewandert oder hätten dichtgemacht. "Jetzt kommen fast alle Wirkstoffe aus China oder Indien und wir sind vollkommen von deren Wohlwollen abhängig."

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass die Entscheidung der Politik ein fataler Fehler gewesen sei. "Da stehen in Fernost einige wenige riesige Produktionsbetriebe, wenn nur eine davon kurzzeitig ausfällt, gehen wir hier leer aus." Eine falsche Preispolitik der Bundesrepublik und weitere Faktoren machten den sowieso angespannten Markt für uns noch schwieriger. "Ganz zu schweigen davon, dass, auch wenn immer anderes behauptet wird, die Qualitätsstandards in Deutschland ganz andere sind als etwa in China oder Indien."

Die erfahrene Medizinerin hofft, dass wenigstens im europäischen Raum schnellstmöglich gehandelt wird und Produktionsstätten aufgebaut werden. "Wenn das nicht geschieht, sehe ich für unsere medizinische Zukunft schwarz." (mr) +++

 

 

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