Markus Pflanz - Fotos: Marius Auth

FULDA OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch (29)

Markus Pflanz: 408 Kilometer sind es vom Hof aus bis nach Sint Truiden

19.11.22 - Er trägt Osthessen in die Fußball-Welt, und einen besseren Botschafter könnte die Region gar nicht haben. Seit zweieinhalb Jahren ist Markus Pflanz als Trainer in der Jupiler Pro League, der höchsten Liga Belgiens, tätig. Jetzt nahm sich der "Langenschwärzer"- binnen weniger Tage seiner Stippvisite in seiner Heimat, Zeit für das OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch. Die Themen sind vielfältig: Drei Tage Urlaub in Amsterdam, Unterschiede zwischen deutschem und belgischem Fußball, die Arbeit bei seinem einstigen Klub Oostende und seinem aktuellen Sint Truiden, die Herzensangelenheit Fußball in Osthessen und  
manches mehr.

Im O|N-Sportgespräch lassen wir immer Menschen aus verschiedenen Sportarten der Region zu Wort kommen. Wir erzählen die Geschichte hinter der Geschichte. Heute folgt Teil 29 der Serie.


O|N: Du kommst frisch aus einem Kurzurlaub mit deiner Ehefrau Nicole. Ihr wart in Amsterdam?

Markus Pflanz: Ja, von dieser Zeit haben wir nicht so viel zusammen. Die berühmten Wasserstraßen, die Grachten, sind schon sehenswert. Es war schon eine zwar kurze, aber schöne Zeit.

Am Sonntag beginnt die ominöse WM in Katar. Welche Gefühle begleiten dich - fußballerisch und menschlich?

Pflanz: Ich hoffe auf ein sehr, sehr gutes Abschneiden unserer Nationalmannschaft. Wie bei jedem Turnier. Die deutsche Gruppe in der Vorrunde ist sehr spannend. Ich freue mich auf die WM ...

... und die andere Seite, die hässlichen Begleiterscheinungen?

Pflanz: Das hat man bei der Vergabe vor zwölf Jahren gewusst. Da ist das Kind in den Brunnen gefallen. In Dänemark, Schweden, England oder Deutschland werden die Vorkommnisse wie Menschenrechte etc. eher wahrgenommen - in allen anderen Ländern nicht so. Wir reden immer von Toleranz - jetzt wurde die WM dorthin vergeben, also muss man sich auch an die Regeln halten. Auch die Vergabe nach Brasilien oder Südafrika war nicht korrekt, was Stadien und Nachhaltigkeit betrifft. Wenn ich eine WM vergebe, darf ich sie nicht in Drittländer vergeben, denn da geht es immer um Menschenrechte.

Sint Truidens Keeper Daniel Schmidt spielt für Japan, den ersten Gegner der deutschen Mannschaft am kommenden Mittwoch. Wie ist die Mentalität der Spieler? Und wo schaust du das Spiel?

Pflanz: Daiki Hashioka ist noch auf Abruf, der Ex-Dortmunder Shinji Kagawa hat es nicht geschafft, weil er sich in Japan am Knöchel operieren lassen musste. Unserer anderer Shinji - nämlich Okazaki - hat es nicht mehr geschafft. Japanische Spieler sind für jeden Trainer ein Traum. Sie sind leicht zu händeln und lassen ihr Herz auf dem Platz. Die Japaner sind absolute Teamplayer. Ich schaue das Spiel an unserem Trainingsgelände. Wir haben ja am Mittwoch schon wieder Trainingsauftakt. Weil wir vor Weihnachten wieder die Serie in der Jupiler Pro League aufnehmen.

... und wie steht's ums Japans Chancen?

Pflanz: Es ist schwierig, eine Prognose abzugeben. Dadurch, dass viele Japaner in Europa spielen und sehr diszipliniert sind, werde es für Deutschland kein leichtes Spiel. Ich drücke Deutschland die Daumen - und unserem Torwart, damit er ein fehlerloses Spiel macht. Daniel Schmidt ist in Illinois in den USA geboren, als Ein- oder Zweijähriger nach Japan übergesiedelt und hat einen deutschen Ur-Großvater.

Ihr habt mit Sint Truiden schon am Samstag die Vorrunde beendet. Mit einer 0:1-Heimniederlage gegen Cercle Brügge. Wie hat sich das angefühlt?

Pflanz: Eine Niederlage zum Schluss fühlt sich immer sechlecht an, weil du das Gefühl mit in die Pause nimmst. Die Art und Weise war unglücklich. Was zählt, ist das Endergebnis. Der Profi guckt auf die Punkte, der Amateur auf die Tabelle.

Stichwort Punkte und Tabelle. St. Truiden beschloss die Vorrunde mit 23 Punkten auf Rang zehn. Du bist jetzt ein halbes Jahr dort. Wie fällt ein erstes Fazit aus?

Pflanz: Sportlich ist es durchwachsen. Wir hätten deutlich mehr Punkte haben können, wir haben viele enge Spiele verloren oder nur unentschieden gespielt. Nur ein enges haben wir gewonnen - gegen Westerloo. Gut war unser Defensivverhalten, wir haben die zweit- oder drittbeste Abwehr. Auch das Pressing-Verhalten und das Vorwärts-verteidigen fallen darunter. Defizite haben wir im Toreschießen, im Verhalten im letzten Drittel.

Wie lief die Zeit in St. Truiden menschlich und privat für dich?

Pflanz (lacht): Ich bin jetzt zwei Stunden näher an meinem Heimatort. 408 Kilometer sind es vom Hof in Langenschwarz aus.

Im Ernst: Was bleibt zurück? Was bleibt noch?

Pflanz: Ich kann weiterhin meinen Traum verfolgen, Profitrainer in einer europäischen Liga zu sein. Einer Liga, die im Kommen ist und massenhaft Talente besitzt. Was die Zukunft bringt, kann man in diesem Job nicht voraussehen. 

St. Truiden hatte dreimal die Chance in dieser Vorrunde, weiter nach vorn zu rücken in der Tabelle. Könnt ihr bald mal europäisch spielen?

Pflanz: Wir könnten - wenn es optimnal läuft - in die Playoffs 2, die Plätze fünf bis acht, reinrutschen. Wir brauchen einen Stürmer. Und hätten gerne einen Zielstürmer.

St. Truidens Cheftrainer ist Bernd Hollerbach. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?

Pflanz: Die ist okay. Wir tauschen uns immer aus. Ich mache den Matchplan sowie die Trainings-Dokumentation (in Oostende hatten wir dazu eine Drohne) und übernehme einige Teile des Trainings. Unser zweiter Co-Trainer macht auch Pass-Übungen.

Angenommen, jemand würde eure Mannschaft nicht kennen - wie würdest du sie kennzeichnen?

Pflanz: Eine defensiv sehr strukturierte Mannschaft, gegen die es schwierig ist, zu gewinnen. Es ist keine Mannschaft, gegen die man gerne spielt. Die sich allerdings schwertut, Spiele für sich zu entscheiden. 

Hast Du von Stadt oder Umgebung bisher was sehen können?

Pflanz: Von Sint Truiden, das ja mit Fulda vergleichbar ist, habe ich bisher wenig gesehen. 

Was ist anders als in Oostende?

Pfanz (lacht): Es gibt kein Meer und keinen Strand. St. Truiden hat japanische Eigentümer, vorher waren es amerikanisch-chinesische. Aber im Ernst: St. Truiden hat von der Erfahrung her bessere, hochwertigere Spieler im Kader. Mit Okazaki, der schon 36 ist, Kagawa, Leistner oder Bauer.

Und was hat sich für dich geändert?

Pflanz: Wenig. Ich arbeite gerne auf dem Platz. Mit der Mannschaft. Meine Aufgaben sind eher größer geworden. Für meine persönliche Entwicklung war der Schritt positiv. Ich habe wieder mehr Erfahrung im Profifußball gesammelt. 

Wie darf man sich die Arbeit im belgischen Fußball vorstellen?

Pflanz: Schön ist sie. Und gut. Es ist ein relativ ruhiges Arbeiten. Wenn Shinji Kagawa Freizeit hat, kann er in Japan oder auch in Deutschland nicht vor die Tür gehen. In Belgien kann er es.

Wann ist der Termin für deine UEFA-Pro-Lizenz?

Pflanz: Die Unterlagen habe ich eingereicht. Ich hoffe im nächsten Jahr auf eine positive Rückmeldung. In Belgien sind die Zulassungskriterien ein bisschen anders als in Deutschland ...

... Apropos Lizenzen. Dein Interview im Fußball-Fachmagazin Kicker hatte vor geraumer Zeit für Aufsehen und Furore gesorgt. Was hat das - mit Abstand - nach sich gezogen?

Pflanz: In Deutschland sieht man, dass viele Theoretiker an der Spitze die Ausbildung machen - die Praktiker werden außen vor gehalten. In dieser Hinsicht wird es auch kein Umdenken beim DFB geben. Wenn ich ein sportliches Studium abgeschlossen und mehr Erfahrung hab' als jemand, der fünf Jahre in der Regionalliga trainiert hat, das ist ein Unding. Wenn Theoretiker Praktiker ausbilden, dann funktioniert es einfach nicht. 

Die belgischen Vereine - in dieser Saison allen voran Club Brügge und St. Gilloise, in der vergangenen Frankfurts Gruppengegner Royal Antwerpen - haben auf europäischer Bühne gut abgeschnitten. Wo steht der belgische Fußball?

Pflanz: Da Belgien ein kleines Land ist, steht es nicht so im Fokus der Öffentlichkeit. Auffallend ist, dass der belgische Fußball sehr viele gute Individualisten produziert. Mit unserer Mannschaft würden wir definitiv nicht aus der Bundesliga absteigen. Die Erfolge von St. Gilloise - bei Union Berlin musst du erstmal gewinnen, das Team hat ja den Gruppensieg ziemlich früh klargemacht - kommen nicht von ungefähr. Das Gleiche gilt für Brügge, das ja in der Leverkusen-Gruppe war in der Champions League. Anderlecht ist dazu noch in der Conference League weitergekommen, Gent auch. Nur  Royal Antwerpen ist in der ersten Quali-Runde raus. Die belgische Nationalmannschaft war fünf oder sechs Jahre lang Erste der Weltrangliste. Das alles fühlt sich gut an - auch in der Wertschätzung.

Hast du Unterschiede zwischen belgischem und deutschem Fußball ausgemacht?

Pflanz: Beispiel Nachwuchs. Die Jugendausbildung in Belgien ist viel besser als die in Deutschland. Ich habe ein paar Vergleichsspiele gesehen. Funino wird in Belgien schon jahrelang gespielt. Hier kann jeder mit dem Ball umgehen. Neulich habe ich ein Spiel in Holland gesehen. Da ist oft alles gleich. Wie früher. 4-3-3. Viel Ballbesitz. Aber ins offene Messer laufen sie immer noch. Das Umfeld ist in Deutschland professioneller aufgestellt. Besser strukturiert, Infrastruktur und Plätze sínd besser. Doch Oostende und Sint Truiden sind familiäre Vereine. Wo weniger Infrastrukrur ist, muss das nicht schlecht sein.

Du hattest sie vor Augen, die Chance nach Sheffield in England zu gehen. Eventuell auch, deinem Freund Alex Blessin, der Cheftrainer in Oostende war, nach Turin zu folgen? Trauerst du dem nach?

Pflanz: Wir waren ja fast in England - da kam der Brexit daziwschen. Es bringt nichts, einer verpassten Chance mit träumenden oder tränenden Augen hinterher zu gucken. Fußball ist solch ein kurzfristiges Geschäft - da weißt du nicht, was morgen ist.

Zum Fußball in Osthessen. Verfolgst du den Weg der SG Barockstadt?

Pflanz: Die machen das bis jetzt sehr gut. So viele ungeschlagene Spiele als Aufsteiger ... Jetzt gilt es, das Ganze konstant aufrechtzuerhalten. Übrigens hat unser Ersatztorwart Jo Coppens mal mit Marius Grösch zusammen in Jena in der dritten Liga gespielt. 

Mit Eiterfeld, Aulatal und Künzell hast du drei aktuelle Gruppenligisten trainiert. Bestehen noch Kontakte?

Pflanz: Zu Aulatal habe ich noch guten Kontakt. Bei Oostendes letztem Saisonspiel in Eupen hat mich die SG besucht - zu deren Saisonabschlussfeier war ich eingeladen, und auch dort. Zu Künzell habe ich eher weniger Kontakt. Nach Eiterfeld natürlich zu Volker Hilpert, der in Kiebitzgrund mein erster Trainer war. Wenn man sieht, wer in Eiterfeld spielt, erkennt man schon, wo die hinwollen ...

Bleibt dein Heimatverein Kiebitzgrund ...

Pflanz: Wir sind jetzt seit elf Jahren mit Rothenkirchen zusammen - und nach anfänglichen Sprechchören sind wir zu einem Verein zusammengewachsen. Einschätzung und Entwicklung dort sind absolut realistisch. Die Kreisoberliga ist unsere Heimat geworden. Da gehören wir hin. (wk)


Zur Person

Markus Pflanz ist seit elf Jahren mit Nicole Weber verheiratet; seit 19 Jahren kennen sich beide. Sohn Johannes kickt für die A-Junioren des JFV Burghaun/Haunetal. Pflanz, der am 31. Dezember 47 wird, arbeitete, ehe er nach Oostende wechselte, beim Finanzamt. Als Spieler betätigte sich Pflanz in Kiebitzgrund, drei Jahre beim SV Queck (wurde hier B- und A-Liga-Meister) und nochmals in Kiebitzgrund. Spielertrainer war er in Rudolphshan - "wir waren die erste Mannschaft, die Vierer-Kette gespielt hat", sagt er noch heute stolz. Seine Laufbahn als Trainer ist umfangreicher. Ein Jahr Löschenrod, das Engagement als DFB-Stützpunkttrainer begleitete ihn immer, bis sein Weg nach Belgien führte, ein Jahr Schlitz, die U17 des Hünfelder SV in der Hessenliga, ein Jahr Eiterfeld, Fußballschule beim Bundesligisten FSV Mainz, Ausbilder für B- und C-Lizenzen beim Hessischen Fußballverband - bis diesen Stationen die Engagements in Eiterfeld sowie bei den Gruppenligisten Aulatal und Künzell folgten. Im Sommer 2020 wagte er zusammen mit Alex Blessin den Sprung ins belgische Oostende. Dort blieb er zwei Jahre, war auch einige Wochen Cheftrainer. Bis er vor wenigen Monaten in Sint Truiden landete. +++


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