

Jede Geschichte hat ihre Herkunft
30.03.25 - Als Alex Haley seine Familiensaga "Roots" 1976 veröffentlichte, hätte wohl niemand vorhersagen können, welche Erfolgsgeschichte sie werden und was dieses Buch alles auslösen würde. Haley (1921-1992) erzählt in diesem Roman die Geschichte seiner eigenen Familie über acht Generationen.
Pionierarbeit lange vor Black Lives Matter
1976 waren die USA eigentlich mit einem ganz anderen Thema beschäftigt – ihrer 200-Jahr-Feier. In das rauschende Festjahr platzte ein Buch, das sich mit einem der düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte beschäftigte. Nach eigenen Angaben recherchierte Haley 12 Jahre für sein Buch. Bald nach Erscheinen von "Roots" wurde Haley mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet, der Roman wurde in 37 Sprachen übersetzt und 1977 als TV-Serie verfilmt. 2016 gab es eine zweite Verfilmung des Romans als TV-Serie. Beide Serien erreichten nicht nur in den USA hohe Einschaltquoten.Wahr oder erfunden? Haley hat selbst immer gesagt, dass er ‚facts and fiction‘ in seinem Roman verschmolzen habe. Gespräche mit älteren Verwandten und intensive Kontakte zur schwarz-nationalen Bewegung hätten ihn angeregt, sich mit den Ursprüngen seiner eigenen Familie zu beschäftigen. 1978 musste er sich mit Plagiatsvorfällen auseinandersetzen. In einem Gerichtsverfahren wurde er zu einem außergerichtlichen Vergleich verurteilt und musste 650.000 Dollar an Harold Courtlander zahlen, weil er Teile seines Romans aus dessen "The African" entnommen hatte. Haley behauptete immer, dies sei unabsichtlich geschehen.
Wie auch immer man diese Kratzer an seinem Image einstuft, Haleys unvergängliche Leistung ist es, die Sklaverei ins kulturelle und kollektive Gedächtnis seiner Nation geholt zu haben. "Roots" ist bis heute eines der wichtigsten Werke über die Sklaverei in den USA und über die schmerzliche Identitätssuche der afro-amerikanischen Bevölkerung. Seit "Roots" gab es hier keinen blinden Fleck mehr, sondern eine schwärende Wunde, mit der man sich auseinandersetzen musste. "Roots" war eine Pionierarbeit – der Hinweis sei erlaubt, dass Buch und Serie fast zeitgleich mit der amerikanischen Serie "Holocaust" (1979) erschienen, die bezogen auf ein anderes Menschheitsverbrechen ebenso bahnbrechend wirkte.
Kunta Kinte – der Vater der amerikanischen Sklaven
Etwa die Hälfte des Buchs widmet sich Kunta Kinte, der 1750 als Sohn des Mandinka-Kriegers Omoro und seiner Frau Binta im gambischen Juffure geboren wird. Liebevoll erzählt Haley von der Ausbildung des Jungen im Stamm, die immer dem Lebensalter angepasst ist – die Mandika zählen Lebensjahre in ‚Regen‘. Diese Jugendjahre erzählt Haley mit großer Detailkenntnis und ohne jegliche Romantisierung. Kunta Kinte ist Afrikaner, frei und stolz, seiner Familie und Sippe und den Gebräuchen seines Volkes verbunden.Als Kunta Kinte gerade zum Mann geworden ist, fällt er weißen Menschenjägern zum Opfer – die ihren Menschenhandel aber ohne die Hilfe anderer Afrikaner nicht so erfolgreich hätten aufziehen können. Ein bitterer Hinweis auf die vielschichtige Geschichte der Sklaverei. Kunta Kinte wird verschifft und auf eine Plantage verkauft. Immer wieder versucht er zu fliehen und wird dafür grausam bestraft. Irgendwann gibt er auf, wird sesshaft und heiratet. Was er aber nie vergisst, ist seine Herkunft – den Stolz auf die Ahnen und den afrikanischen Stammvater gibt er an die nächste Generation weiter, und die dann wieder an die darauffolgende Generation.
Haley gelingen starke Porträts – allen voran das von Kunta Kinte, aber auch das seines Enkels Chicken George, in dessen Lebensgeschichte er eine komplette Kapitalismuskritik mit hineinpackt. Deutlich schwächer sind seine Frauenfiguren. Ob Binta, die Mutter Kunta Kintes oder seine Tochter Kizzy, hier bleibt Haley relativ schablonenhaft. Die Frauen sind nur Begleiterinnen der Männer, machtlos, ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und ohne Mitspracherecht am eigenen Schicksal. Dabei ist dieses oft noch furchtbarer als das der Männer – der Willkür von Plantagenbesitzen und Aufsehern sind sie schutzlos ausgeliefert, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung.

Grab Alex Haleys in Henning, Tennessee g Wikipedia / Thomas R Machnitzki, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3259065

Grab Alex Haleys in Henning, Tennessee g Wikipedia / Thomas R Machnitzki, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3259065
Alex Haley und Harriet Beecher Stowe
Und was ist mit Harriet Beecher Stowes 1852 erschienenen Roman "Uncle Tom’s Cabin"? Viele Leser/innen dürften dieses Buch in einer verstümmelten Jugendfassung kennengelernt haben oder in der verkitschen deutschen (!) Fernsehfassung. Wer es gelesen hat, wird sich an seine Leseeindrücke erinnern: Wut, Schmerz, Trauer und Mitgefühl. Harriet Beecher Stowe (1811-1896) war somit die erste Schriftstellerin (Männer inkludiert), die auf ein gesellschaftliches Konstrukt hinwies – die Unterdrückung von Klassen durch Kapitalismus und Rassismus. Ja, das Buch ist in weiten Strecken sentimental und überreligiös, ja, die Hauptfigur ist viel zu klischeehaft und unterwürfig. Nichts davon hat die Wirkung des Romans geschmälert. Bis heute hält sich die Geschichte, das Abraham Lincoln bei einer Begegnung mit Harriet Beecher Stowe gesagt habe, sie sei die "kleine Frau, die einen großen Krieg ausgelöst habe".Beide Bücher vermitteln die Botschaft "ein Mensch ist ein Mensch" eindringlicher als jeder moralische Appell. Nach ihrer Lektüre ist es ungleich schwerer, die Menschlichkeit eines anderen Menschen hintenanzustellen und Mitgefühl von der Klasse oder Rasse abhängig zu machen. Man kann und darf beide Romane als Agitationsromane verstehen, die Menschen dazu bewegen wollen, sich für eine gute Sache einzusetzen. In einer Welt, in der Donald Trumps Brutalität gegen sog. ‚Aliens‘ und die Feinseligkeit etwa der AfD gegenüber ‚Migranten‘ immer normaler zu werden scheinen, in einer Welt, in der das ‚wir gegen die‘ genauso wächst wie Rassismus und Antisemitismus, sind beide Bücher Statements der Menschlichkeit und Würde.
Es tut gut, sich daran zu erinnern und sich auf die zentrale Botschaft zu besinnen: Wir. Alle. Sind. Menschen. (Jutta Hamberger) +++
Weiterführende Links
Tagesspiegel-Nachruf auf Alex Haley: https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-autor-der-die-sklaverei-ins-kollektive-gedachtnis-holte-4270135.htmlSpiegel-Bericht über Haleys Roman: https://www.spiegel.de/kultur/mehr-als-traenen-fuer-kunta-kinte-a-77d9b703-0002-0001-0000-000040680637
Chris Haley, der Neffe von Alex Haley, führt mit dem Programm "Legacy of Slavery in Maryland" die Arbeit seines Onkels fort: https://msa.maryland.gov/msa/mdslavery/html/links/ugrrwebsiteoverview.html
Zum Remake der TV-Serie 2016: https://www.filmstarts.de/nachrichten/18511698.html
Die beiden TV-Serien von "Roots" kann man auf Apple TV streamen, sie sind auch als DVD erhältlich.