

Verbindliches Primärarztsystem als Zukunft für Deutschland?
01.04.25 - In der Bundesrepublik Deutschland gilt die sogenannte "freie Arztwahl". Diese besagt, dass Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sich ihren behandelnden Arzt frei aussuchen können, solange dieser an der vertragsärztlichen Versorgung teilnimmt. Dieses Prinzip ist eine Besonderheit, denn in vielen anderen Ländern der Europäischen Union kann man sich den Arzt nicht selbst aussuchen.
Nun macht ein Vorschlag der zukünftigen schwarz-roten Bundesregierung die Runde, der für Aufsehen sorgt: Die freie Arztwahl im deutschen Gesundheitswesen soll abgeschafft oder zumindest stark eingeschränkt werden. Der Grund für dieses Vorgehen liegt auf der Hand: Das System ist zu teuer.
Die neue Bundesregierung will Arztbesuche besser steuern, um Kosten zu senken und Wartezeiten auf Facharzttermine zu verringern. In einem Papier der Parteien CDU, CSU und SPD heißt es dazu: "Zur besseren und zielgerichteten Versorgung der Patientinnen und Patienten sowie für eine schnellere Terminvergabe führen wir ein verbindliches Primärarztsystem bei freier Arztwahl durch Haus- und Kinderärzte ein." Ausgenommen werden sollen laut dem Papier Besuche beim Augenarzt und beim Gynäkologen.
Konkret sollen in Zukunft die Hausärzte über die Notwendigkeit eines Facharztbesuchs entscheiden und eine entsprechende Überweisung ausstellen. Wer ohne diese zum Facharzt geht, muss nach dem Willen der Bundesärztekammer in Zukunft mit einer Strafgebühr rechnen. In Deutschland gibt es bereits ein ähnliches Konzept: die sogenannte hausarztzentrierte Versorgung. Dabei ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner, und eine ambulante fachärztliche Behandlung für den Versicherten ist nur nach Überweisung möglich.
Prinzipiell ist es ein nicht von der Hand zu weisender Fakt, dass das deutsche Gesundheitssystem zurzeit teuer und ineffektiv ist. Besonders der ambulante Sektor steht seit Jahren unter Druck. Eine Gesetzesinitiative, die eine bessere Steuerung ermöglicht und Kosten reduziert, ist daher grundsätzlich sinnvoll. Allerdings muss die Ausgestaltung durchdacht werden. An der knappen Personalsituation wird der Vorstoß der neuen Regierung nämlich ebenso wenig ändern wie an der immer älter werdenden Bevölkerung.
In Zeiten von Hausarztmangel noch mehr Aufgaben auf diese als zukünftige Primärärzte abzuwälzen, wird problematisch sein. Daher ist die Bundesregierung vor der Umsetzung der neuen Pläne dringend angehalten, mit den Beteiligten im System zu sprechen und sich außerdem Ratschläge und Eindrücke von Experten aus dem Ausland einzuholen, die die Vor- und Nachteile eines verbindlichen Primärarztsystems kennen. Nur so kann eine tatsächliche Verbesserung erzielt werden. Denn im Interesse aller Versicherten ist es, ein kosteneffizientes und funktionierendes Gesundheitssystem zu haben. (Adrian Böhm) +++