
Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienste erleben trotz ihres hohen gesellschaftlichen Ansehens zunehmend Gewalt und Anfeindungen, deren Ursachen vielfältig sind und die Politik sowie Gesellschaft zum wirksamen Schutz des medizinischen Personals fordern. - Symbolfoto: O|N/ Henrik Schmitt
REGION
Systemrelevante Rolle des Gesundheitswesens
Gewalt gegen medizinisches Personal: Wachsendes gesellschaftliches Problem
22.12.25 - Ärztinnen und Ärzte, Rettungsdienste sowie Pflege- und weiteres Gesundheitspersonal haben eine übergeordnete Aufgabe: den Schutz von Menschen und die Bewahrung ihrer Gesundheit. Beschäftigte im Gesundheitswesen genießen daher in der Bevölkerung ein hohes Ansehen. Regelmäßig zählen Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte, neben Feuerwehrleuten, zu den Berufsgruppen mit dem höchsten gesellschaftlichen Vertrauen in Deutschland. Dieses Ansehen resultiert aus der unmittelbaren Arbeit am Menschen und der Verantwortung für andere. Spätestens seit der Corona-Pandemie gelten diese Berufe zudem als systemrelevant.

O|N-Arzt Adrian Böhm. Archivfoto: O|N
Zunehmende Gewalt und Anfeindungen im Berufsalltag
Gleichzeitig gehören Gewalt und Anfeindungen für medizinisches Personal zunehmend zur beruflichen Realität. Im Jahr 2023 wurden bundesweit 173 Pflegekräfte sowie 33 Ärztinnen und Ärzte Opfer gewalttätiger Übergriffe. Besonders in Ballungszentren stellt Gewalt gegen Klinikpersonal ein relevantes Problem dar. Bis Mitte November 2025 sind der Landesärztekammer Hessen mehr als 470 Übergriffe gemeldet worden, die von übler Nachrede bis hin zu körperlicher Gewalt reichen. Diese Zahlen erfassen jedoch ausschließlich angezeigte Straftaten, daher ist von einer deutlich höheren Dunkelziffer auszugehen.

Im Jahr 2023 wurden bundesweit 173 Pflegekräfte sowie 33 Ärztinnen und Ärzte Opfer ...Grafik: O|N

Die Ursachen für Gewalt gegen Krankenhauspersonal sind vielfältig. Neben psychischen ...

Eine Grafik der Polizei Ende April. Archivfoto: O|N/Rene Kunze
Vielschichtige Ursachen für Übergriffe im medizinischen Umfeld
Die Ursachen für Gewalt gegen Krankenhauspersonal sind vielfältig. Neben psychischen Ausnahmezuständen spielen lange Wartezeiten oder vermutete Behandlungsfehler eine Rolle. Auch Suchterkrankungen, Sprachbarrieren sowie Konflikte mit Angehörigen tragen zu Eskalationen bei. Besonders häufig treten Übergriffe in Notaufnahmen und psychiatrischen Einrichtungen auf. Aber auch Allgemeinmediziner berichten seit Beginn der systematischen Erhebung im Jahr 2019 von einer Zunahme entsprechender Vorfälle.
Im Verlauf ihres Berufslebens macht nahezu jede im Gesundheitswesen tätige Person Erfahrungen mit verbaler und teilweise auch körperlicher Gewalt. Aussagekräftige bundesweite Daten zur langfristigen Entwicklung fehlen jedoch. Eine Befragung aus dem Jahr 2015 unter 1.400 Hausärztinnen und Hausärzten ergab, dass 90 Prozent im Laufe ihres Berufslebens mit aggressivem Verhalten von Patientinnen und Patienten konfrontiert waren. Schwere Übergriffe erlebte rund ein Viertel der Befragten. In den meisten Fällen spielten auch hier Alkohol, Drogen oder psychische Erkrankungen eine wesentliche Rolle. Auch Rettungskräfte berichten von einem zunehmend raueren Ton im beruflichen Alltag.

Die Landesärztekammer Hessen bietet inzwischen Fortbildungen zum Umgang mit Aggressionen ...
Präventionsansätze und Deeskalationsstrategien im Gesundheitswesen
Die Landesärztekammer Hessen bietet inzwischen Fortbildungen zum Umgang mit Aggressionen und Gewalt im Praxis- und Klinikalltag an. Solche Maßnahmen können helfen, kritische Situationen frühzeitig zu erkennen und zu deeskalieren. Häufig befinden sich Patientinnen und Patienten in akuten körperlichen oder psychischen Ausnahmesituationen. Prävention erfordert jedoch auch eine klare gesellschaftliche Haltung: Gewalt gegen medizinisches Fachpersonal darf nicht toleriert werden. Beschäftigte im Gesundheitswesen stehen rund um die Uhr für die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zur Verfügung.
Wie die Oberhessische Zeitung berichtete, gab ein Bereitschaftsarzt an, aus Gründen der eigenen Sicherheit Messer und Pfefferspray mitzuführen. Ein solches Vorgehen ist kritisch zu bewerten. Ärztinnen, Notfallsanitäter und Pflegefachkräfte müssen ein Vertrauensverhältnis schaffen und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, um eine tragfähige Beziehung zu Patientinnen und Patienten aufzubauen. Eine Bewaffnung medizinischen Personals, wie in diesem Einzelfall geschildert, sollte daher unbedingt vermieden werden. Politik und Gesellschaft sind gefordert, medizinisches Personal wirksam zu schützen und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. (Adrian Böhm) +++