22.04.26 - Wenn Sekunden zählen, hebt in Fulda regelmäßig ein Hubschrauber ab: "Christoph 28" bringt schnelle medizinische Hilfe aus der Luft – oft über Leben und Tod entscheidend. Doch genau dieses System steht nun unter Druck. Deutsche Luftrettungsorganisationen warnen vor gravierenden Folgen eines aktuellen Gesetzentwurfs zur Stabilisierung der Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung.
In einer gemeinsamen Presseerklärung schlagen die ADAC Luftrettung, DRF Luftrettung und Johanniter Luftrettung Alarm. Sollten die geplanten Sparmaßnahmen des Bundesgesundheitsministeriums in der aktuellen Form umgesetzt werden, drohe der Luftrettung in Deutschland schrittweise die finanzielle Grundlage entzogen zu werden. Die schnelle und professionelle Hilfe aus der Luft sei damit in ihrer Existenz bedroht.

Lebensretter in der Luft: "Christoph 28" startet regelmäßig zu Notfalleinsätzen. ...
"Christoph 28" als unverzichtbarer Lebensretter
Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick nach Fulda: Seit April 1984 ist "Christoph 28" am Klinikum stationiert und wird von der ADAC Luftrettung betrieben. In dieser Zeit wurde der Rettungshubschrauber zu mehr als 42.000 Einsätzen gerufen. Allein aktuell fliegt die Crew rund 1.300 Einsätze pro Jahr in einem Umkreis von etwa 50 Kilometern – unter anderem in den Landkreisen Fulda, Hersfeld-Rotenburg, Vogelsberg, Main-Kinzig sowie bis nach Thüringen und Bayern.

Rund 1.300 Einsätze fliegt die Crew des "Christoph 28" jährlich in der Region. ...

Luftrettungsorganisationen warnen vor drastischen Folgen geplanter Einsparungen. ...
Ob Verkehrsunfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall: Der Auftrag bleibt immer derselbe – schnellstmöglich medizinische Hilfe leisten. An Bord sind dabei stets ein Pilot, ein Notfallsanitäter und ein Notarzt. Genau diese hochqualifizierten Fachkräfte stehen im Zentrum der aktuellen Diskussion.
Kritik an geplanten Einsparungen
Die Luftrettungsorganisationen kritisieren insbesondere die im Gesetzentwurf vorgesehene Orientierung an der sogenannten Grundlohnrate. Diese bilde zwar die allgemeine Lohnentwicklung ab, berücksichtige jedoch nicht die tatsächlichen Kosten einer hochregulierten, sicherheitskritischen und permanent vorzuhaltenden Infrastruktur wie der Luftrettung", heißt es in der Pressemitteilung.
Denn der Betrieb von Rettungshubschraubern ist aufwendig: Neben speziell ausgebildeten Piloten braucht es erfahrenes medizinisches Personal sowie eine permanente Einsatzbereitschaft. Wettbewerbsfähige Vergütungen seien daher unerlässlich, um diese Strukturen langfristig zu sichern.
Ein weiterer Kritikpunkt ist eine geplante zusätzliche Absenkung der Kostensteigerungsmöglichkeiten unterhalb der Grundlohnrate für die Jahre 2027 bis 2029. Bereits die aktuelle Begrenzung sei nicht ausreichend, um die Finanzierung zu sichern. "Eine weitere Minderung mache eine wirtschaftliche Sicherung der Luftrettung unmöglich", wird in der Pressemitteilung deutlich.

"Christoph Gießen" von der Johanniter-Unfall-Hilfe Archivfoto: O|N / Henrik Schmitt

Die Johanniter Luftrettung warnt vor massiven Einschnitten im System. Archivfoto: O|N / Christian P. Stadtfeld

Auch die DRF Luftrettung sieht die Finanzierung langfristig gefährdet. ...Archivfoto: O|N / Hans-Hubertus Braune
Auswirkungen auf Millionen Menschen
Nach Einschätzung der Organisationen stehen die geplanten Einsparungen in keinem Verhältnis zu den möglichen Folgen. In der Praxis entscheide eine funktionierende Luftrettung oft über Leben und Tod. Gleichzeitig habe sie auch volkswirtschaftliche Bedeutung: "Schnelle Versorgungszeiten in der Präklinik führen zu verminderten Folgekosten und oft zu einer schnelleren Wiedereingliederung in das Arbeitsleben."
Zudem sehen die Organisationen einen Widerspruch zu den Zielen der geplanten Reform der Notfallversorgung. Eine leistungsfähige und flächendeckende Luftrettung sei eine zentrale Säule des Systems – und unter den vorgesehenen Bedingungen nicht mehr sicherzustellen.
Gerade vor dem Hintergrund von Veränderungen in der Kliniklandschaft könnte die Bedeutung weiter steigen: Wenn Patientinnen und Patienten häufiger zwischen Kliniken verlegt werden müssen, wächst auch der Bedarf an sogenannten Sekundärtransporten – oft per Hubschrauber.

Der Rettungshubschrauber ist seit 1984 am Klinikum Fulda stationiert. Archivfotos: O|N

Archivfoto: O|N / Henrik Schmitt
Forderung nach Anpassungen
Die drei Organisationen fordern daher dringend Nachbesserungen am Gesetzentwurf. Die besonderen Anforderungen der Luftrettung müssten berücksichtigt werden, um die Versorgung langfristig sicherzustellen. Konkret sprechen sie sich für einen Ausnahmetatbestand aus, der es ermöglicht, auch künftig auf unvorhersehbare Kostensteigerungen – etwa bei Treibstoff – reagieren zu können.

Archivfoto: O|N / Hans-Hubertus Braune
Die zivile Luftrettung in Deutschland wird überwiegend von gemeinnützigen Organisationen getragen. Im vergangenen Jahr wurden allein die drei beteiligten Organisationen zu rund 90.000 Notfalleinsätzen alarmiert.
Für Standorte wie Fulda und Hubschrauber wie "Christoph 28" steht damit viel auf dem Spiel – denn sie sind längst mehr als nur ein Transportmittel: Sie sind ein entscheidender Baustein der Notfallversorgung in der Region. (Constantin von Butler) +++