Karsten Schmal (links) mit Ingmar Jung (rechts) - Fotos: O|N / Nils Otterbein

WARTENBERG Hessischer Bauerntag im Wartenberg-Oval

Nachwuchs und Zukunftssicherheit im Blick - Regionalität im Fokus

23.05.26 - Die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft stehen der Landwirtschaftsbranche ins Gesicht geschrieben. Doch auch von den globalen Krisen, einem immer größeren Bürokratieaufwand oder einem immer schwierigeren Einnahme-Ausgaben-Verhältnis lassen sich immer mehr junge Nachwuchslandwirte nicht unterkriegen.

Nach der Begrüßung von Karsten Schmal als Vorsitzendem des Hessischen Bauernverbands, richtete Frank Hohmaier (Erster Beigeordneter der Gemeinde Wartenberg) das Grußwort der Veranstaltung an die vielen Gäste aus Landwirtschaft und Politik. Er stellte klar, dass die Landwirtschaft im Vogelsberg mehr als nur ein Wirtschaftsfaktor sei und deswegen die Verlässlichkeit an erster Stelle stehen müsse, insbesondere in Bezug auf faire Preise.

Zuwachs an Nachwuchs und "Bock auf Landwirtschaft"

Johannes Hamenstädt, Vorsitzender der Hessischen Landjugend (links) bei der Überreichung ...

Johannes Hamenstädt als Vorsitzender der Hessischen Landjugend stellte insbesondere die Attraktivität der Landwirtschaft für junge Menschen heraus: "Wir verzeichnen einen Zuwachs von acht Prozent an Berufsschülern mit einem landwirtschaftlichen Fokus, auch an zukünftigen Landwirtinnen", so der Vorsitzende der Hessischen Landjugend. Er beobachtet neben der Attraktivität der "grünen Berufe" jedoch etliche Mängel in der Branche, wie zum Beispiel die fehlenden Investitionen gegen den Lehrkräftemangel für diese Berufsgattung in Hessen. Die Nachbarbundesländer gingen hier mit gutem Beispiel voran, "um wieder Bock auf eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu bekommen", stellte Hamenstädt klar. Als Zeichen für einen Neuanfang überreichte er Ingmar Jung (Hessischer Minister für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat) einen Backstein, um den Reformbedarf zu symbolisieren.

Regionalität im Fokus

Neben dem Thema des Nachwuchses und der Zukunftsfähigkeit stand vor allem die Regionalität im Fokus, was Volker Lein als Vorsitzender des Kreisbauernverbands betonte. Die Interessen der lokalen Landwirtschaft sollten wieder im Wert steigen und in den Vordergrund gerückt werden. Außerdem solle "der Naturschutz wieder mehr aus Sicht der Landwirte gedacht werden", fasste Lein zusammen. Laut Ingmar Jung, Hessens Landwirtschaftsminister, sollten wieder echte, regionale Lebensmittel in den Mittelpunkt gestellt werden: "Die Menschen wollen wissen, wo was herkommt. Deshalb brauchen wir mehr "Lebensmittelpatriotismus", damit die Verbraucher zu guten hessischen Produkten greifen können", so Jung. Auch im Sinne der Lohnpolitik für saisonale Arbeitskräfte brauche es Ausnahmen im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit. "Wir schaffen gerade ein Bürokratiemonster mit überbordenden Kosten", stellte der Minister fest. Gerade deswegen sei der Bauerntag eine tolle Veranstaltung, bei der man viele Pragmatiker treffe.

Neubauten und Modernisierungen immer schwieriger stemmbar

Einige Rückmeldungen sowie Diskussionen aus der regionalen, aber auch überregionalen Landwirtschaft wurden von HBV-Präsident Karsten Schmal geäußert. Den Hessischen Bauernverband sehe er als Dialogpartner und Mahner zugleich. "Nicht nur unser Anteil der Selbstversorgung, z. B. für Milch und Gemüse, ist zuletzt deutlich gesunken. Das größte Problem sind die immens gestiegenen Kosten für Neubauten und Modernisierung, bei höchstens gleichbleibenden Einnahmen", stellte der HBV-Präsident fest. Auch er sehe vor allem unnötige Bürokratieaufwendungen: "Auch als überzeugter Europäer habe ich das Gefühl, dass die Daumenschrauben aus Brüssel eher noch weiter angezogen werden - vor allem bei den Vorgaben für die Tierversorgung, die bei uns die strengsten weltweit sind." Bei der globalen Versorgung sehen die landwirtschaftlichen Betriebe vor allem bei der Verfügbarkeit von Düngemitteln große Probleme.

HBV-Präsident Karsten Schmal mit den Raps- und Milchbotschafterinnen.

Zusätzlich zu den gestiegenen Kosten stelle sich zunehmend die Frage nach der Verfügbarkeit von Düngemitteln mit Blick auf die globale Situation. In Hessen sieht der Präsident jedoch die Bereitschaft und Entschlossenheit, das Land nach vorne zu bringen, da er in anderen Teilen der Bundesrepublik eine teils große Zerrissenheit feststellt. "Wir in Hessen sind ein Vorbild in Sachen Einigkeit", stellte Schmal klar. "Die kommenden Jahre werden prägend sein mit einem Strukturwandel vieler Betriebe, aber auch durch das zunehmende Ausscheiden der Boomer-Jahrgänge."

Landwirtschaft "nichts für schwache Nerven"

Katharina Leyschulte sprach als Frau vom Fach über ihre tägliche Arbeit als Landwirtin. ...

Eine Podiumsdiskussion machte den offiziellen Teil rund.

Auch die hessische Rapsbotschafterin Ida Oefner und Milchkönigin Hanna Theis kamen zu Wort und machten Werbung für einen Dialog anstatt Landwirte vorzuverurteilen. "Landwirtschaft ist eben nicht selbstverständlich. Mit Zusammenhalt und Verlässlichkeit hat der Stand eine Zukunft", so die beiden Botschafterinnen. Als Landwirtin aus der täglichen Praxis sprach außerdem Katharina Leyschulte, die einen großen Familienbetrieb mit unter anderem 120 Milchkühen und 170 Hektar Land in Nordrhein-Westfalen leitet.

Sie stellte klar, dass die oft beschriebene ländliche Idylle, viel Verantwortung und Druck bedeute: "Tiere halten sich nicht an Feiertage und Wochenenden und auch eine notwendige Notschlachtung ist nichts für schwache Nerven", so die 32-Jährige, die mit vier Generationen auf dem Hof lebt. Sie ist unzufrieden mit dem Umgang ihrer Branche. "Oft werden wir gesellschaftlich als Störfaktor, wie als "lärmmachende und kritische Infrastruktur" behandelt. Plötzlich ist jeder ein Experte, egal ob Influencer oder Nachbarn", stellte sie fest. Auch an politischen Daumenschrauben übte Leyschulte Kritik: "Ein Landwirt ist im Koalitionsvertrag ein faszinierendes Wesen, das selbstverständlich klimaneutral und im Sinne des Tierwohls agiert – und dann natürlich noch gewinnbringend wirtschaftet."

Interessen der Junglandwirte im Fokus

Im Sinne der Hauptthemen der Nachwuchs und der Zukunftsfähigkeit lud der Hessische Bauernverband unter Moderation der Pressesprecherin Marie-Clair von Spee zu einer Podiumsdiskussion über das Thema "Landwirtschaft mit Perspektive: Betriebe zukunftsfähig aufstellen." Hierzu wurden junge Vertreter der Landwirtschaft eingeladen, um über die Herausforderungen der aktuellen Zeit zu referieren, darunter auch Johannes Hamenstädt und Katharina Leyschulte aus dem offiziellen Teil. Für die musikalische Untermalung vor und nach dem offiziellen Teil sorgte der Musikzug Sachsenhausen mit Blasmusik.

Letztlich entstand das Bild eines Bauerntages, der zwischen Mahnungen und gegenseitigem Verständnis steht. Im Mittelpunkt der Forderungen der Landwirtschaft stehen vor allem mehr Planungssicherheit, ein Abbau bürokratischer Hürden sowie eine verlässliche Zukunftsperspektive für die nächsten Jahre – andernfalls könnte sich der Strukturwandel zu globalen Abhängigkeiten weiter beschleunigen. (Nils Otterbein) +++


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