08.07.26 - Landgraf Donatus von Hessen ist einerseits traurig über den Verlust von 30 Kunstobjekten im Schätzwert von rund einer halben Million Euro aus dem Bestand der Sammlung der Kulturstiftung, andererseits überwiegt für ihn die Tatsache, dass sich seine Familie damit ihrer historischen Verantwortung gestellt hat. Anlässlich einer Möbelausstellung auf Schloss Fasanerie war im Jahr 2019 der Verdacht aufgekommen, einige der Objekte könnten aus ehemals jüdischem Besitz stammen. Deshalb veranlasste der Vorstand der Kulturstiftung des Hauses Hessen eine umfangreiche Untersuchung aller Kunstgegenstände auf deren Herkunft. Diese so genannte Provenienzforschung ist nach drei Jahren jetzt abgeschlossen, so dass deren Ergebnisse am Dienstag auf Schloss Fasenerie der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnten.

Bei der Pressekonferenz in Schloss Fasanerie Alle Fotos: Martin Engel

Donatus Landgraf von Hessen ist froh, sich der historischen Verantwortung gestellt ...

Auch das Gemälde "Hafenszene mit großem Segelschiff" von Jan van de Cappelle wurde ...
Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt lief vom 1. Oktober 2022 bis zum 30. September 2025. Erklärtes Ziel des Forschungsprojekts war es, Kunst- und Kulturgut aus dem Sammlungsbestand der Kulturstiftung des Hauses Hessen erstmals einer systematischen Überprüfung auf mögliche NS-verfolgungsbedingte Entzugskontexte im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 zu unterziehen. Im Fokus standen Erwerbungen Philipp Prinz von Hessens, Donatus' Großvaters, und dessen Zwillingsbruders Wolfgang Prinz von Hessen. Die Verantwortlichen betonten, dass dies eines der wenigen Beispiele ist, in denen eine große Privatsammlung freiwillig auf NS-verfolgungs bedingt entzogenes Kulturgut überprüft wurde. Die Forschungsergebnisse bestätigen die zu Projektbeginn formulierte Annahme, dass beim Ausbau der Sammlung während der Zeit des Nationalsozialismus problematische Erwerbungskontexte eine Rolle spielten.

Rechts der Kunsthistoriker Sven Pabstmann, der seine Forschungsergebnisse vorstellte ...

Das Schränkchen aus der Werkstatt von David Roentgen stammt aus der Kunstsammlung ...

Auch die Herkules-Skulptur wird zurückgegeben
Auftrag an Kunsthistoriker, die Herkunft zu erforschen
Mit der Forschung beauftragt wurde der Kunsthistoriker Sven Pabstmann, der insgesamt 200 Sammlungsobjekte auf Herkunftshinweise untersuchte und ihren jeweiligen Provenienzstatus bewertete. Damit wurde die ursprünglich vorgesehene Zahl von etwa 160 zu überprüfenden Gegenständen deutlich überschritten. Die höhere Zahl untersuchter Objekte ergab sich vor allem aus der Auswertung zahlreicher Auktionskataloge, vor allem der Kunsthandlung Hugo Helbing in Frankfurt am Main. Der von Sven Pabstmann erarbeitete Abschlussbericht umfasst knapp 600 Seiten.

Links: Chinesische Vase mit "Modeldekor", China, Jingdezhen, Qing -Dynastie 1662 ...

Philipp Prinz von Hessen bei der Einweihung des Landgrafenmuseums 1935. ...Foto: © Kulturstiftung des Hauses Hessen
Durch die Provenienzrecherchen konnte eine Reihe von Erwerbungen aus der Zeit des Nationalsozialismus im heutigen Museumsbestand identifiziert werden. So wurde es möglich, bislang unbekannte oder nicht erkannte Erwerbungszusammenhänge zu klären und konkrete Vorprovenienzen zu rekonstruieren. Über die zu Projektbeginn bekannten elf vermutlich als belastet einzustufenden Objekte aus den Sammlungen Rudolf von Goldschmidt-Rothschild und Ottmar Strauss hinaus konnten 19 weitere Gegenstände aus dem Besitz von vier weiteren, bislang weitgehend unbekannten jüdischen beziehungsweise als jüdisch verfolgten Vorbesitzern identifiziert werden. Bei ihnen ließ sich ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nachweisen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen.

Museumsdirektor von Schloss Fasanerie Dr. Markus Miller
Nach aktuellem Forschungsstand sind insgesamt 30 Objekte aus dem früheren Besitz von sechs jüdischen Vorbesitzern belastet und wurden oder werden den Erben der rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Bei mindestens sechs weiteren Objekten bestehen gewichtige Verdachtsmomente. Sie wurden daher als bedenklich bewertet und bedürfen weiterer vertiefender Provenienzrecherchen.

Dieses Bild ist nicht belastet
Mit den Nachfahren des Kölner Sammlers Ottmar Strauss sowie den Nachfahren der Familie Goldschmidt-Rothschild hat das Haus Hessen in den vergangenen Monaten Rückgabeverhandlungen geführt und sie erfolgreich abgeschlossen. Mit den von den Erben beauftragten Anwaltskanzleien wurden drei Restitutionsvereinbarungen geschlossen, auf deren Grundlage das Museum Schloss Fasanerie in diesem Sommer insgesamt 24 Objekte an die Berechtigten zurückgeben wird.
Landgraf Donatus: "Ergebnis von großer persönlicher Bedeutung"
"Die Ergebnisse des Projekts sind für mich auch persönlich von großer Bedeutung, da sich die Untersuchungen mit Erwerbungen Philipp Prinz von Hessens befasst haben. Umso wichtiger war es uns, die Geschichte unserer Sammlung wissenschaftlich aufzuarbeiten und dort, wo sich NS-verfolgungsbedingte Entzugskontexte nachweisen ließen, gemeinsam mit den Nachfahren der früheren Eigentümer faire und einvernehmliche Lösungen zu finden. Ich freue mich sehr, dass dies in mehreren Fällen gelungen ist", sagt Donatus Landgraf von Hessen (Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung des Hauses Hessen).
Weitere sechs chinesische Porzellane mit belasteter Provenienz werden in der Lost-Art-Datenbank veröffentlicht. Sollten sich Anspruchsberechtigte melden, ist die Kulturstiftung des Hauses Hessen auch in diesen Fällen zu einer Rückgabe der Objekte bereit. "Mit dieser Vielzahl neuer Erkenntnisse zu den Objektbiografien und vor allem zu den ganz unterschiedlichen Schicksalen der als Juden verfolgten Sammler und ihrer Kunstsammlungen in der NS-Zeit habe ich zu Beginn des Projekts nicht gerechnet. Die Ergebnisse zeigen einmal mehr, welchen wichtigen Beitrag Provenienzforschung leisten kann. Ich bin überzeugt, dass die vorgelegten Erkenntnisse über das Museum Schloss Fasanerie hinaus wichtige Anhaltspunkte für künftige Recherchen auch an anderen Häusern liefern werden", so der Projektbearbeiter Sven Pabstmann.
Museumsdirektor Dr. Markus Miller betont: "Unser besonderer Dank gilt dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das dieses Projekt über drei Jahre hinweg maßgeblich finanziell gefördert und damit überhaupt erst ermöglicht hat. Die Förderung hat es uns erlaubt, die Sammlung wissenschaftlich fundiert zu untersuchen und wichtige neue Erkenntnisse über ihre Erwerbungsgeschichte zu gewinnen."
Weitere Informationen gibt es hier. (ci/pm)+++ 