25.08.26 - Egal ob Mensch, Elf oder Drache, ob Landsknecht, Händler oder Ritter - wenn in der Brüder-Grimm-Stadt Steinau an der Straße (im Main-Kinzig-Kreis) die Tore zum Mittelaltermarkt geöffnet werden, zieht es Jahr für Jahr zahlreiche Besucher und Mittelalterfreunde aus ganz Deutschland in die historische Altstadt. Ihr gemeinsames Ziel: für ein Wochenende den Alltag hinter sich zu lassen und auf eine Reise in längst vergangene Zeiten zu gehen. OSTHESSEN|NEWS war dabei, wenn auch ohne Kettenhemd und Pike.
Das Mittelalterspektakel wurde im Jahr 2010 von der Trimburger Ritterschaft, einem Freundeskreis für gelebtes Mittelalter, ins Leben gerufen. Seitdem erfreut sich der Markt bei Gästen und Teilnehmern wachsender Beliebtheit. Einen ganz besonderen Anteil daran hat die außergewöhnliche Kulisse: Rund um das Schloss und mitten im historischen Herzen von Steinau fügen sich Marktstände, Tavernen, Handwerker, Musiker und allerlei mittelalterliche Gestalten beinahe nahtlos in das Stadtbild ein. So entsteht für ein Wochenende der Eindruck, als sei das Mittelalter tatsächlich wieder zum Leben erwacht.
"Im Prinzip ist es kein reiner Mittelaltermarkt, sondern eine Zeitreise", erklärte Organisator Reinhold Wahler im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. Das historische Spektrum reichte von den Kelten und Hunnen über Merowinger, Karolinger und Wikinger bis ins Hoch- und Spätmittelalter. Landsknechte des 16. Jahrhunderts sowie Musketiere und Pikeniere aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges führten die Reise bis ins 17. Jahrhundert fort.
Das bunte Treiben erstreckte sich an diesem Wochenende über mehrere Bereiche der Altstadt. Gegen einen kleinen Wegzoll durfte man die bewachten Schranken passieren und man erhielt Zugang zu den drei Hauptschauplätzen: der Hof von Schloss Steinau, der Marktplatz "Am Kumpen" vor dem Rathaus, sowie der Amtshof. An allen drei liebevoll umgestalteten Orten erwartete die Besucher zeitgleich ein abwechslungsreiches Programm für große und kleine Mittelalterfans. Gaukler und Zauberer sorgten mit Witz, Geschick und verblüffenden Kunststücken für Staunen und Gelächter - und machten ihr Publikum dabei nur allzu gern selbst zum Teil der Vorstellung. Mittelalterliche Musikgruppen erfüllten die Gassen und Höfe mit kraftvollen Trommeln und Dudelsäcken, luden zum Tanzen ein oder schlugen mit Flöten und Saiteninstrumenten ruhigere Töne an. Historische Tanzgruppen ließen dazu die Tänze vergangener Jahrhunderte wieder lebendig werden. Es passte einfach. Vom Ambiente bis hin zur Musik fühlte man sich wie in einem Mittelalterfilm.
Klirrende Schwerter, Axtwerfen und mehr
Weniger beschaulich ging es zu, als wilde Ritterhorden aufeinander losstürmten. Bei eindrucksvollen Schaukampfdarbietungen klirrten ihre Waffen und die Kämpfer lieferten sich brachiale Gefechte - nicht selten eingebettet in eine humorvolle Geschichte. Zwischen all dem Spektakel luden aber auch zahlreiche Händler zum Schlendern und Stöbern ein. An ihren Ständen fand sich eine vielfältige Auswahl an Waren wie Trinkhörnern und anderen kleinen Schätzen. Gleichzeitig gewährten traditionelle Handwerker einen Einblick in ihre Arbeit. Mit dabei Drechsler, Schmiede, Wollspinner und andere Gewerke, die aus unserem heutigen Alltag weitgehend verschwunden sind.
Besonders Familien mit Kindern füllten die Gassen rund um den Burgkomplex. Nicht verwunderlich, denn für die lohnte sich ein Abstecher in den Hirschgraben am Schloss allemal. Neben Händlern und Handwerkern warteten hier zahlreiche Mitmachangebote auf die jüngeren Besucher. Ein historisches Kettenkarussell mit Handkurbelantrieb, Bogenschießen, Axtwerfen, Malangebote, Kinderschminken und weitere Attraktionen sorgten dafür, dass auch kleine Ritter, Burgfräulein, Elfen und Abenteurer auf ihre Kosten kamen.
Rosinenbrötchen oder Traubensaft wie damals
Natürlich durfte bei einem echten Mittelalterspektakel auch das leibliche Wohl nicht fehlen. Aus Tavernen und von Marktständen zogen die Düfte von Speisen vom Grill und aus dem Steinofen durch die Altstadt. Ob süß oder deftig, eine kleine Stärkung auf die Hand oder eine ausgedehnte Rast - für jeden Geschmack war etwas dabei. Dazu gab es alkoholfreie Erfrischungen ebenso wie den einen oder anderen Trunk "mit Geist" in Tonbechern. Auch wir von O|N konnten ein paar Dinge probieren. Vor allem das Rosinenbrot und der Traubensaft haben es uns angetan.
Und wer noch tiefer in das Leben vergangener Zeiten eintauchen wollte, fand im Hirschgraben sowie auf den Kinzigwiesen vor der Stadtmauer, der sogenannten Mauerwiese, ein großes mittelalterliches Zeltlager. Hier standen zahlreiche Zelte. "Die Lagerleute sind alle sehr herzlich, laden die Besucher ein und erzählen von der jeweiligen Zeit, die sie darstellen", so Wahler. Manche Teilnehmer blieben von Montag bis Montag in Steinau. Die Möglichkeit, eine ganze Woche gemeinsam im Lager zu verbringen, mache die Veranstaltung für viele Gruppen besonders attraktiv. Auch international wächst der Markt weiter: Neben zahlreichen Teilnehmern aus Deutschland waren Stände und Mitwirkende aus Tschechien und Litauen vertreten - und zwar ohne den Alltagsstress, ohne Internet und Handy.
Trotz aller historischen Bezüge stehe für die Organisatoren vor allem die Unterhaltung im Mittelpunkt. "Wir wollen das Mittelalter nicht neu erfinden. Es soll eine stimmige Veranstaltung sein, bei der die Besucher etwas sehen, erleben und sich wohlfühlen", betonte Wahler. Gleichzeitig solle den Gästen auf unterhaltsame Weise vermittelt werden, wie die Menschen in den unterschiedlichen Epochen gelebt haben. Für die kommenden Jahre gibt es bereits weitere Ideen. So könnten künftig auch Darsteller des 18. Jahrhunderts – etwa Preußen, Hessen, Sachsen oder Truppen aus der napoleonischen Zeit – die historische Reise ergänzen. Das Ziel sei eine immer umfassendere Darstellung verschiedener Zeitepochen. (Mathias Schmidt/Edgar Backmann) +++