10.09.26 - Widerlegbare Fake-News im Netz, Anschläge auf technische Infrastruktur, aber auch der Drohnen-Anschlag auf den Flughafen Halle-Leipzig zeigen eindringlich: Die Gefahren für die Gesellschaft wachsen rasant. Da verwunderte es kaum, dass der große Veranstaltungssaal des Fuldaer Kanzlerpalais mit rund 70 Gästen gut gefüllt war.
Unter dem Titel "Hybride Kriegsführung und soziale Medien – Digitale Desinformation verstehen und bekämpfen" ging es um die Lage im digitalen Raum und um konkrete Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen. Zu dem Vortragsabend hatte ein Netzwerk verschiedener Partner eingeladen: der Kreisverband Osthessen der Reservisten, die Fuldaer Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und die Katholische Akademie des Bistums Fulda. Auch Gäste des Deutschen Journalistenverbands (DJV) nahmen teilweise weite Anfahrtswege in Kauf, um mehr über die aktuellen Entwicklungen im Netz zu erfahren. Referent des Abends war Major d. R. Fabian Neumann.
Nicht blind vertrauen
Gleich zu Beginn machte Neumann deutlich: Die Medien werden zunehmend mit Informationsmüll überflutet – ganz im Sinne der umstrittenen Strategie "Flooding the zone with shit" des US-Amerikaners Steve Bannon. Sein Rat an die Nutzer sozialer Medien war deshalb eindeutig: Nicht spontan teilen, sondern zunächst prüfen, einordnen und erst dann handeln. Fake-News sollten gemeldet und ihnen widersprochen werden. Noch besser sei es, seriöse Informationen weiterzugeben.
Zum Einstieg präsentierte Neumann das Beispiel eines Parteikandidaten, dem in einem Beitrag vorgeworfen wurde, seine Großmutter ermordet zu haben. Mit solchen "ernsten Vorwürfen" werde gezielt versucht, Politiker zu diskreditieren. Fake-News zielten zudem darauf ab, gesellschaftliche Konflikte und Spannungen auszunutzen oder zu verstärken und "aus einem gefälschten Inhalt eine ganze Kampagne zu machen".
Vor diesem Hintergrund müsse sich jeder Nutzer sozialer Medien fragen: Ist der einzelne Post tatsächlich wahr? Wer verbreitet ihn? Und welche Wirkung soll damit erzielt werden? Nicht jeder auffälligen Information dürfe blind vertraut werden, empfahl der Referent. Welche Folgen eine Falschmeldung haben kann, erläuterte Neumann am Beispiel des Meteorologen Jörg Kachelmann: "Selbst wenn die Behauptung widerlegt worden ist, bleibt manches hängen." Soziale Medien erwiesen sich damit als Verstärker.
Gefahr durch Künstliche Intelligenz
Auch die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) verschärfe die Problematik. Sie ermögliche es, Inhalte und Reichweiten von Nachrichten deutlich zu vergrößern, ohne dass dafür entsprechend mehr Aufwand erforderlich sei. Insbesondere bei sogenannten Fake-Videos sei inzwischen eine völlig neue Qualität erreicht.
Anhand von Videos über eine angeblich von Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigte Reduzierung des Mindestlohns sowie über einen vermeintlichen iranischen Angriff auf die israelische Stadt Tel Aviv zeigte Neumann, wie KI "synthetische Nachrichtenereignisse erzeugen" könne – und wie glaubwürdig diese auf Nutzer wirken könnten.
Neue Gefahrenqualität
Wann wird Information zur Waffe? Mit dieser Frage leitete Neumann zum Thema hybride Kriegsführung über. Gemeint ist die gezielte Kombination militärischer und nicht militärischer Instrumente. Diese habe inzwischen eine neue Dimension erreicht. Innenminister Alexander Dobrindt hatte im Zusammenhang mit dem Drohnen-Angriff am 4. August 2026 auf den Flughafen Halle-Leipzig von einer "neuen Gefahrenqualität und einem hybriden Anschlagsszenario" gesprochen.
Auch aus militärischer Sicht habe sich das klassische Gefechtsfeld inzwischen erweitert: Zu Land, See, Luft, Weltraum und Cyberraum sei der Informationsraum hinzugekommen. "Wir müssen dies sehr ernst nehmen", warnte Neumann. Denn wer Wahrnehmungen beeinflusse, könne auch Entscheidungen beeinflussen. Umso wichtiger sei es, die Wahrheit einer Nachricht beispielsweise durch Faktenchecks zu überprüfen und sie anhand seriöser Quellen aus Journalismus oder Behörden richtig einzuordnen. Wissen müsse sich von Vermutungen abgrenzen. Plausibel sei nicht gleich wahr. Entscheidend seien die Belege.
Ziel: Wehrhafte Demokratie verteidigen
Neben technischen Maßnahmen gegen Fake-News seien vor allem Bildung, Medienkompetenz und strategische Kommunikation notwendig, um die Gesellschaft resilient zu machen. Ziel müsse es sein, die wehrhafte Demokratie zu verteidigen und zu verhindern, dass die Manipulation von Informationen ihre Handlungsfähigkeit zerstört.
Für die gastgebenden Reservisten begrüßte zuvor der 1. stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe Osthessen, Erwin Stock, die zahlreichen Interessierten. GSP-Sektionsleiter Michael Schwab freute sich gemeinsam mit Stock über die gelungene Kooperation der verschiedenen Verbände und Institutionen. Mit Blick auf das Thema des Abends sprach Schwab von einer ernsten aktuellen Lage. Eine Zahl verdeutliche die Dimension: Laut einer Bitkom-Studie sind etwa neun von zehn Deutschen – rund 90 Prozent – bereits auf Fake-News oder Desinformation im Netz gestoßen, insbesondere in den sozialen Medien.
Durch die rasante Verbreitung sogenannter KI-generierter Deepfakes verschärfe sich das Problem kontinuierlich. Für Nutzer werde es dadurch immer schwieriger, verifizierte, also überprüfte Fakten von Manipulationen zu unterscheiden. Ein qualifizierter Journalismus, für den Schwab ausdrücklich die Lanze brach, sei deshalb wichtiger denn je.
Akademiedirektor Gunter Geiger, der die Veranstaltung moderierte, griff in seinem Schlusswort die große Zahl der Gäste in Uniform auf. Gerade Soldaten und Reservisten komme im Kontext des Themas eine besondere Verantwortung zu. Angesichts der weltweit bestehenden Kriege, der Bedrohungen und der hybriden Kriegsführung in Deutschland und Europa sei es nur folgerichtig, dass der "Staatsbürger in Uniform" sichtbar dabei sei und mitdiskutiere. (js/pm)+++