13.10.26 - "Der Mensch braucht einen Gedenkort. Wenn wir uns aktuelle Traueranzeigen in den Zeitungen ansehen, fällt auf, dass da immer öfter von stillem Abschied die Rede ist, dass man darum bittet, von Trauerbekundungen am Grab abzusehen und dergleichen. Das finde ich, wie auch die meisten meiner Kollegen, hochproblematisch, weil damit ein wichtiger Teil des Gedenkens verloren geht." (Dr. Thomas Sitte, Palliativmediziner und Vorstand der Deutschen PalliativStiftung)
Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, mit ihren Gefühlen umzugehen und Trost zu finden? Wir haben Dr. Thomas Sitte gefragt, wie er im Rahmen seiner Arbeit im Palliativbereich Menschen am Ende ihres Lebens erlebt und was den Angehörigen Halt geben kann.

Die Deutsche PalliativStiftung berät, vermittelt Hilfen, klärt auf. Aber als Arzt ...
Dr. Sitte, Sie sind im Vorstand der Deutschen PalliativStiftung. Bitte erzählen Sie kurz, was die Stiftung macht.
Dr. Thomas Sitte: Wir beraten, wir klären auf, und zum Teil begleiten wir auch. Man kann sich mit allen Fragen, angefangen vor der Diagnose, bis über den Tod hinaus, an uns wenden. Wir vermitteln Hilfen. Anfragen bekommen wir derzeit deutschlandweit, bisweilen aus anderen Ländern. Unabhängig von der Stiftung bin ich als Palliativmediziner in der Versorgung tätig, wie viele von den Stiftungsräten. Die Stiftung leistet Aufklärungsarbeit und organisiert Veranstaltungen. Wir haben in der Vergangenheit viel zur Ausarbeitung des Hospiz- und Palliativgesetzes beitragen können. Die Vorsorgemappen wurden von uns entwickelt und werden vertrieben, und unser Magazin 'Schöner leben' schlägt mit einer Auflage von aktuell 35.000 ein wie eine Bombe. Wir arbeiten an einem Thema, das sehr, sehr wichtig ist und in Zukunft immer wichtiger werden wird. Außerdem übernehmen wir gerade einen Kongress. Die 'Leben und Tod' ist die deutsche Leitmesse auf diesem Gebiet. Wir sind gebeten worden, die Trägerschaft zu übernehmen.
Im August haben Sie die Palliativclowns Hanna Münch und Katrin Jantz für einen Vortragsabend nach Fulda geholt. War das eine einmalige Sache?
Dr. Thomas Sitte: Die beiden sind als Begleitclowns für Menschen in sehr schwierigen Lebenssituationen da. Sie gehen auf Intensivstationen, Palliativstationen, in Hospize und Seniorenheime. Ich habe sie beim Palliativkongress im März 2026 kennengelernt und war so begeistert, dass ich sie gleich nach Fulda eingeladen habe. Die Veranstaltung im August ist super angekommen. Die beiden bieten auch Workshops an. Wir wollen sie für feste Workshops in die Räume der Deutschen PalliativStiftung hier in Fulda holen. Die Räume sind durch die Lage am Bahnhof aus ganz Deutschland sehr gut zu erreichen und perfekt geeignet. Da steht eine Bühne, wir können für bis zu 90 Menschen bestuhlen. Das Lachen und der Humor haben eine kathartische Wirkung, das befreit. Gerade in Extremsituationen brauchen wir Humor. Nach der Veranstaltung im August kamen viele Anfragen – die erste Fortbildung ist quasi schon ausgebucht.

Der Vortrag der Palliativclowns im August kam sehr gut an.

Bisher gibt es in Osthessen kein vergleichbares Angebot.

Deshalb arbeitet die Deutsche PalliativStiftung aktuell daran, die beiden Begleitclowns ...
Sie hatten gebeten, dass wir uns hier an der Rochuskapelle bei Kämmerzell treffen, mit Blick auf den Friedhof im Tal. Warum ausgerechnet hier?
Dr. Thomas Sitte: Trauer und Gedenken verorten wir auf dem Friedhof. Ein Friedhof ist immer auch ein Kraftort. Aber kann das auch bei Online-Gedenkstätten so sein? Ich glaube ja. Ein Pfarrer hat mal gesagt: 'Der Segen geht auch übers Internet' – wenn wir also dem Papst beim 'Urbi et Orbi' vor dem Fernseher, über den Streamingdienst oder am Radio lauschen, ist das wie live dabei sein. Also sollte das doch mit dem O|N Trauerportal als Ort des Gedenkens und Kraftort genauso sein. Aber eigentlich ging es mir hier eher um den Rochus.

Der Blick von der Kapelle aus ins Tal zeigt nicht nur Kämmerzell, sondern auch den Friedhof. ...
Bitte erzählen Sie, was es mit dem Rochus auf sich hat.
Dr. Thomas Sitte: Als vor grob 400 Jahren die große Pestwelle über Europa kam, haben die Kämmerzeller ein Gelübde abgelegt: Wenn die Pest sie verschont, würden sie dem Rochus eine Kapelle bauen. Die Pest ist tatsächlich auf der anderen Seite der Fulda stehengeblieben und kam nicht nach Kämmerzell. Deshalb haben die Kämmerzeller die Rochuskapelle gebaut und haben vor 402 Jahren eine Wallfahrt zur Kapelle herauf etabliert. Die Wallfahrt ist mit der Reliquie des Rochus und dem Segen gegen Infektionskrankheiten verbunden. Während der Corona-Jahre sind meine Frau und ich jeden Abend hierher zum Rochus gekommen. Aktuell ist meine Frau im Krankenhaus, auf der Intensivstation. Ich habe hier gerade eine Kerze für sie hingestellt. Man kann das jetzt glauben oder nicht – Kerzen anzünden hilft. Denken und beten hilft, an den Anderen denken hilft. Allein das Wissen, dass jemand in Gedanken bei mir ist, hilft.

Die Ortswahl hatte bei diesem Interview ernste Hintergründe.

"Eine Kerze anzünden – das hilft immer", ist Dr. Sitte überzeugt.

An jemanden zu denken oder zu wissen, dass jemand in Gedanken bei einem ist, kann in schweren ...
Sie haben den Ort also als Kraftort für Sie selbst und für Ihre Frau ausgewählt. Spielen Kraftorte für Ihre Arbeit im Vorstand der Deutschen PalliativStiftung auch eine Rolle?
Dr. Thomas Sitte: Ja. Wir haben hier in Fulda auf dem Frauenberg eine kleine Grabanlage, und wir erwerben gerade eine größere Grabanlage auf dem neuen Friedhof in Fulda. Die Grabstellen werden für einen niedrigen vierstelligen Betrag für 40 Jahre verkauft. Aber es geht uns hier nicht um das Geld, wir sind eine Stiftung. Wenn sich das jemand nicht leisten kann, dann geht das auch für weniger Geld oder ohne Geld. Das Leben geht deutlich über den Tod hinaus, zumindest für die, die weiterleben. Der Mensch braucht einen Gedenkort. Wenn wir uns aktuelle Traueranzeigen in den Zeitungen ansehen, fällt auf, dass da immer öfter von stillem Abschied die Rede ist, dass man darum bittet, von Trauerbekundungen am Grab abzusehen, und dergleichen. Das finde ich, wie auch die meisten meiner Kollegen, hochproblematisch, weil damit ein wichtiger Teil des Gedenkens verloren geht.
Das heißt, physische Orte des Gedenkens sind wichtig für die Trauerarbeit?
Dr. Thomas Sitte: Wir brauchen einen Ort, an dem wir trauern können, an dem wir gedenken können. Anonyme Bestattungen im Friedwald sind zwar auch eine Möglichkeit – aber wer geht da hin? Wir brauchen Gräber, die wir besuchen können. Die Ergänzung der bereits vorhandenen Möglichkeiten und Trauerorte durch das Onlineangebot des O|N Trauerportals ist also wirklich zu begrüßen.

Trauer braucht einen Ort, an dem man sie leben darf.

Wenn das Grab nicht besucht werden kann, ist ein digitaler Gedenkort hilfreich. ...

Als zusätzliche Möglichkeit des Gedenkens begrüßt Dr. Sitte das O|N Trauerportal. ...
Sie sagen also, dass man im virtuellen Raum einen geografischen, physisch vorhandenen Raum ersetzen kann?
Dr. Thomas Sitte: Ob es ein voller Ersatz ist? Das glaube ich nicht, zumindest ist es das nicht für jeden. Es ist nicht genau das Gleiche, aber es ist ein sehr guter Ersatz, wenn der physische Ort nicht zugänglich ist. Ältere Menschen, insbesondere mit einer Gehbehinderung, haben nicht immer die Möglichkeit, einen Friedhof oder einen Friedwald zu besuchen. Das Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist niedrigschwellig, mit einem Klick ist man da, jederzeit und von überall aus. Insofern ist es eine Ergänzung zum Grab auf dem Friedhof, eine zusätzliche Möglichkeit des Gedenkens.
Wo sehen Sie den vielleicht größten Nutzen des O|N Trauerportals? Gibt es da einen Punkt, von dem Sie sagen "das kann nur so das Portal im Onlinebereich in dieser Form leisten"?
Dr. Thomas Sitte: Das kann ich vielleicht am ehesten mit einer Geschichte verdeutlichen. Es gab vor einigen Jahren einen Todesfall in der Bekanntschaft. Der Verstorbene war beliebt und gefeiert – bis er pleite war und gemieden wurde. Die Trauerfeier war herzreißend und gut besucht. Der Pfarrer fragte irgendwann, wo die ganzen Menschen zu Lebzeiten gewesen waren. Er sagte, dass alle, die noch einmal etwas Persönliches zu dem Verstorbenen sagen wollen, das jetzt tun könnten. Es sind einige Menschen aufgestanden und haben sich entschuldigt. Das fand ich großartig, denn das hat den Überlebenden geholfen. Genau dafür kann man das O|N Trauerportal nutzen. Jeder kann ganz einfach eine Kerze anzünden und ein paar Abschiedsworte dalassen. Es geht nicht darum, zu schreiben: 'RIP, Du warst ein toller Mensch', sondern um befreiende Abschiedsworte, die persönlicher sind. Man muss dabei niemandem in die Augen schauen, das senkt die Hemmschwelle erheblich. Wir kennen das ja alle: Wenn jemand gestorben ist, wird es still. Nachbarn, Bekannte – die Menschen sprechen nicht, wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Da schafft das O|N Trauerportal eine Möglichkeit, wieder ins Gespräch zu kommen, wo es im Alltag eben nicht so einfach geht.

Wie geht man mit Menschen um, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben? ...

Er wünscht sich, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, dass Aussprachen ...

So wie Lachen und Humor befreien können, kann ein nettes Wort heilen.
Warum halten Sie das für so wichtig?
Dr. Thomas Sitte: Das ist so etwas wie Psycho-Hygiene. Wir brauchen Riten. Und gerade beim Sterben und beim Abschied sind diese Riten unglaublich wichtig. Aussegnung, Beisetzung, Trauerfeier, Trauerjahr – das alles hilft. Insbesondere beim Verlust eines Partners oder Lebensgefährten ist es wichtig, ein Jahr ohne diesen Menschen durchzustehen, das zu erleben, um den Abschied zu verarbeiten. Mit dem O|N Trauerportal kann zumindest ein Teil der Trauerkultur in eine neue Form überführt werden. Die Gedenkseite im O|N Trauerportal ist wie Trauerpost, die Seite kann genau diese Funktion erfüllen.
Vielen Dank für das interessante und offene Gespräch, Dr. Sitte! Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de (mbw) +++

Botschafter des O|N Trauerportals - weitere Artikel
FULDA - 02.10.2026
Neugier führt in Ausbildung
"Ich wollte wissen, wie Trauerfeiern außerhalb von Religion funktionieren."
FULDA - 29.09.2026
Neugier führt in Ausbildung
"Ich wollte wissen, wie Trauerfeiern außerhalb von Religion funktionieren."
BAD HERSFELD - 18.09.2026
Den Tod im Leben verankern
"Wir nehmen uns Möglichkeiten des Abschieds, wenn wir den Tod outsourcen."
BAD HERSFELD - 15.09.2026
Den Tod im Leben verankern
"Wir nehmen uns Möglichkeiten des Abschieds, wenn wir den Tod outsourcen."
FULDA - 04.09.2026
Unser Handeln ist das, was bleibt
In der Trauer von der Liebe der Gemeinschaft getragen sein
FULDA - 01.09.2026
Unser Handeln ist das, was bleibt
In der Trauer von der Liebe der Gemeinschaft getragen sein
FULDA - 21.08.2026
Bestattungskultur im Wandel
Trauer braucht einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen
FULDA - 18.08.2026
Bestattungskultur im Wandel
Trauer braucht einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen
FULDA - 07.08.2026
Die Gemeinschaft trägt
"Es geht weiter. Ohne Tod. Ohne Krankheit." – Hoffnung in der Trauer
FULDA - 04.08.2026
Die Gemeinschaft trägt
"Es geht weiter. Ohne Tod. Ohne Krankheit." – Hoffnung in der Trauer
FULDA - 31.07.2026
In der Trauer nicht alleine
"Es ist nicht wichtig, welche Medien wir nutzen. Es geht um den Menschen."
FULDA - 28.07.2026
In der Trauer nicht alleine
"Es ist nicht wichtig, welche Medien wir nutzen. Es geht um den Menschen."
FULDA - 03.07.2026
In der Trauer nicht allein
"Das Anzünden einer Kerze geht über Konfessionen hinaus."
FULDA - 30.06.2026
In der Trauer nicht allein
"Das Anzünden einer Kerze geht über Konfessionen hinaus"
↓↓ alle 14 Artikel anzeigen ↓↓