19.10.26 - Jeder macht mal Fehler. Dieses Einzugestehen und öffentlich um Entschuldigung zu bitten, verdient Respekt. Bad Hersfelds Stadtschreiberin Karen Köhler hatte vor einer Woche bei der Feierstunde zum Lullusfest mit ihrer Rede für viel Wirbel gesorgt.
Das Publikum reagierte auf Köhlers Abrechnung mit dem Bösen, mit den Krisen und Kriegen dieser Welt mit Buhrufen und Pfiffen. Die Menschen wollten einen Abend vor ihrem traditionsreichen Volksfest feiern und sich eben von jenen Krisen ablenken.
"Dann komme ich mit diesem Worte-Koloss"
OSTHESSEN|NEWS hatte über die Feierstunde aktuell berichtet und in einem weiteren Artikel kritisch kommentiert. In einem offenen Brief, den die Stadtschreiberin Karen Köhler veröffentlichte, nimmt sie nun Stellung und bedauert die Art ihrer Rede in der Bad Hersfelder Stiftsruine.
O|N veröffentlicht ihren Brief nachfolgend im Wortlaut:
"Liebe Menschen in Bad Hersfeld
Ich bitte Sie um Entschuldigung.
Niemand hat mir aufgetragen, diesen Brief zu schreiben, das möchte ich gleich zu Beginn sagen. Es ist mein eigenes Bedürfnis, weil ich Bad Hersfeld doch so lieb gewonnen habe in den vergangenen Monaten. Was habe ich da mit meiner Lollsrede nur angestellt? Alles, was Sie wollten, war doch bloß, Ihr Fest zu feiern, und dann komme ich mit diesem Worte-Koloss an.
Vollkommen falsche Rede für den Anlass, von der Länge mal ganz abgesehen. Das alles passte überhaupt nicht und vor allem, das ist das Schlimmste an der ganzen Sache, eigentlich wollte ich Ihnen nur ein schönes Lullusfest wünschen. Ich wollte Ihnen sagen, dass man, trotz der Weltlage, die einem Angst machen kann, doch bitte feiern möge! In Verbundenheit und Nächstenliebe.
Und wie toll es ist, dass eine so alte Tradition wie dieses Feuer immer noch besteht. Und dass wir doch alles tun müssen, diese Welt zu beschützen, damit wir auch in Zukunft noch gemeinsam feiern können. Das wollte ich gerne vermitteln. Und das ist nun sowas von schiefgegangen. Bis dahin bin ich gar nicht mehr gekommen.
Normalerweise halte ich keine Reden, ich bin ja keine Politikerin oder Gelehrte. Ich mag es eigentlich auch nicht besonders, öffentlich zu sprechen. Ich halte Reden sonst nur in der Familie, wenn Geburtstage anstehen oder Beerdigungen oder, um mich für Auszeichnungen zu bedanken. Wie im Mai, als mir der Verein für Literaturförderung das privat finanzierte Stipendium der Stadtschreiberin angetragen hat. Als ich gefragt wurde, die Lollsrede zu halten, habe ich zugesagt, weil ich Bad Hersfeld so ins Herz geschlossen habe.
Abgebogen, sowohl in Länge als auch im Schwerpunkt. Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich Ihnen diese unpassende Festrede um die Ohren geschleudert habe. Ich stand da am Pult, vollkommen hilflos in dem Moment, und hab aus lauter Verunsicherung immer weitergelesen, wie so ein blöder ICE, der nicht zwischendrin anhält. Am liebsten würde ich meinen Feuerwehrmann-Vater anrufen und sagen: 'Papa, ich hab aus Versehen ein Feuer gelegt, das außer Kontrolle geraten ist. Bitte hilf mir, wie bekomme ich das wieder gebändigt?"
Leider lebt mein Vater nicht mehr. Vermutlich hätte er so was geantwortet wie: Mit Aufrichtigkeit, mit Herz und Mut. Ich habe einen Fehler gemacht, und es tut mir leid. Und dass Sie stinkig auf mich sind, kann ich nachvollziehen.
Ich bitte Sie um Entschuldigung.
Ihre Karen Köhler", schreibt die Stadtschreiberin in ihrem Offenen Brief abschließend. (Hans-Hubertus Braune) +++