26.10.26 - Ihr Sohn hat Autismus, erhielt bei einer Ergotherapeutin nicht die gewünschte Unterstützung - nun engagiert sie sich selbst für Kinder mit Autismus. Sabrina von Ketelhodt ist die Geschäftsführerin der DiG Jugendhilfe und der DiG Konfetti - einer Firma, die das Thema Autismus angeht. "Unsere Aufgabe ist es, die Kinder in das alltägliche Leben zu integrieren", macht sie klar.
Als Tochterunternehmen der DiG Jugendhilfe Fulda, die sich für allgemeine Jugendhilfe stark macht, liegt das Hauptaugenmerk darauf, Menschen zu helfen. Wie von Ketelhodt sagt, ist Autismus in der letzten Zeit medial interessanter geworden. Kein Wunder also, dass nach den Standorten in Itzehoe (Schleswig-Holstein), Elmshorn (Schleswig-Holstein) und Siegen (Nordrhein-Westfalen) nun auch Fulda mit dem Standort in der Marktstraße am 1. Oktober folgte. OSTHESSEN|NEWS war vor Ort und durfte sich von den Räumlichkeiten, von der Art zu arbeiten und den persönlichen Geschichten selbst überzeugen.

Seit dem 1. Oktober hat das Unternehmen in der Fuldaer Marktstraße seinen deutschlandweiten ...

Sabrina von Ketelhodt ist die Geschäftsführerin der DiG Jugendhilfe Fulda und der ...

Autismus hat ganz verschiedene Formen.
Doch wie kam es zur DiG Konfetti? "In Schleswig-Holstein gab es einen alteingesessenen Träger, 'Konfetti im Dialog'. Ich habe dann einen Anruf bekommen, dass diese insolvent sind, und die Frage, ob wir Mitarbeiter übernehmen können", berichtet die Geschäftsführerin. Doch anstatt nur den Mitarbeitern eine Perspektive zu geben, hat sie gleich die ganze Firma übernommen und wieder erfolgreich aufgebaut. Dadurch hat sie einen Ort geschaffen, der sich vollkommen mit Autismus beschäftigt. "Konfetti hat damit zu tun, was im Kopf der Autisten alles passiert", erklärt sie den Namen. DiG steht dabei für Dienstleistungen im Gesundheitswesen.
Sabrina von Ketelhodt über ihre Erfahrungen
Dabei kam sie nicht zufällig zum Autismus-Thema. "Mein Sohn ist High-Functional-Autist. Das hat sich praktisch seit Stunde eins gezeigt. Er hat die ersten drei Monate ununterbrochen geschrien. Das konnten wir in dem Moment gar nicht einordnen", so die dreifache Mutter. Auch das Tragen nah an ihr habe er immer abgelehnt. "Bis heute geht Nähe nur, wenn er das möchte."

Entgegen aller Vorurteile wollen Autisten nämlich gar nicht allein sein, deshalb ...
Bei dem heute elfjährigen Jungen hat ein Programm wie DiG Konfetti aber gefehlt. "Er sollte dann in den gleichen Kindergarten wie seine Schwester, ist da aber nur auf Tischen, Bänken und Stühlen herumgesprungen. Die haben uns dann gesagt, er wäre noch nicht kindergartenreif. Neben verschiedenen Ärzten landeten wir schließlich sogar bei einer Ergotherapeutin, die uns davon überzeugen wollte, dass ein Festhalten gegen seinen Willen eine erfolgversprechende Therapieform sei. Dies kam für uns nicht in Frage und so haben wir uns selbst auf den Weg nach einer Erklärung für sein Verhalten gemacht. Erst mit Schuleintritt erhielten wir dann von einem Psychiater die Diagnose Autismus."
"Leider gibt es immer Menschen, die einem die Diagnose absprechen wollen und das auf die Erziehung schieben", schildert von Ketelhodt. Dabei sei die Diagnose nicht zwingend für die Eltern eine Herausforderung: "Diese bringt oft Gewissheit. Das Umfeld erkennt das dann jedoch häufig nicht an. Mein Sohn hatte die Angewohnheit, überall draufzuklettern und sich runterfallen zu lassen, weil er lange kein Gefahrenbewusstsein hatte. Auch im engsten Familienumfeld meinten Menschen, das Verhalten sei für einen Jungen doch ganz normal. Um das zu verhindern, wollen wir hier in Fulda beispielsweise mit Schulen netzwerken und sie an das Thema ranführen." Entgegen aller Vorurteile wollen Autisten nämlich häufig zum Beispiel gar nicht alleine sein, deshalb sei eine solche Sensibilisierung so entscheidend.

Ein wichtiger Schlüssel seien die Spezialinteressen vieler Kinder im Autismusspektrum ...

Andrea Menningen-Knöllinger, Autismuspädagogin und Leiterin der Praxis für ...

Das Team setzt so auch auf Schulungen.
Vertrauen und eine Beziehung aufbauen ist das A und O
Wie die Geschäftsführerin erklärt, arbeitet die DiG Konfetti nach einem Ansatz, der konsequent auf Stärken und Ressourcen setzt: "Eltern bekommen von uns einen umfangreichen Fragebogen - mit der Bitte, das Positive ihres Kindes herauszustellen." Dieser Perspektivwechsel helfe, "weil wir uns nicht auf das Negative konzentrieren, sondern auf das Potenzial." Ein wichtiger Schlüssel seien die Spezialinteressen vieler Kinder im Autismusspektrum: "Der Klassiker sind häufig Dinos - dann ist klar, dass in der ersten Stunde natürlich irgendwie Dinos dabei sind."

"Die Grundlagen sind: Erst einmal die eigenen Gefühle einsortieren und damit arbeiten." ...
Dann geht es in die Beziehungsarbeit. "Am Anfang wollen wir gar nicht so viel von dem Kind. Wir schauen, wo es steht, was es interessiert, und gehen in den Austausch." Ein zentraler Baustein ist dabei die Arbeit mit Bildern und Visualisierung, denn viele Kinder könnten schwer wahrnehmen, was ihr Gegenüber möchte. "Die eigenen Gefühle einsortieren und damit arbeiten sind die Grundlagen." Auch Eltern erhalten Material, damit die Kinder ihre Gefühle überall ausdrücken können. Gleichzeitig arbeitet das Team auch mit den Eltern, um sie dabei zu begleiten.

Wir versuchen, Menschen mit Autismus das Leben in unserer Gesellschaft so leicht wie ...
Während ihrer Arbeit schafft DiG Konfetti immer Handlungsalternativen. Das Team setzt so auch auf Schulungen. "Wir versuchen, Menschen mit Autismus das Leben in unserer Gesellschaft so leicht wie möglich zu gestalten. Trotzdem muss man ihre Besonderheiten akzeptieren. Wir versuchen, das Umfeld und die Umwelt so zu strukturieren, dass Autisten möglichst einfach darin leben können", erklärt Andrea Menningen-Knöllinger, Autismuspädagogin und Leiterin der Praxis für Beratung und Coaching Kompetenz Autismus in Vallendar (Rheinland-Pfalz). Sie ist eine von mehreren externen Trainern, die das Team von Konfetti in regelmäßigen Weiterbildungen auf den neuesten Stand der Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum bringt. Dabei gehen sie nach drei Punkten vor: Autismus verstehen, die Wahrnehmung der Autisten verstehen und die schließliche Handlung.

Dabei gehen sie nach drei Punkten vor: Autismus verstehen, die Wahrnehmung der Autisten ...
"Wir wollen zwei Jahre intensiv mit den Kindern arbeiten"
Dass DiG Konfetti in Fulda nun einen eigenen Standort hat, ist für die dreifache Mutter ein wichtiger Schritt - auch, weil die Forschung zum Autismus stetig wächst und immer besser versteht, wie das Gehirn von Autisten arbeitet. In Fulda setzt das Team deshalb von Beginn an auf klare Strukturen: "Wir wollen zwei Jahre intensiv mit den Kindern arbeiten, ergebnisorientiert und mit echtem Beziehungsaufbau. Wir wollen vielen Kindern helfen und nicht herumwursteln."

Jetzt gibt es in Fulda eine Anlaufstelle für Kinder mit Autismus - einen Ort, bei dem ...
Jetzt gibt es in Fulda eine Anlaufstelle für Kinder mit Autismus - einen Ort, bei dem Betroffene und Angehörige ihre Unterstützung bekommen. Dabei steht für die Geschäftsführerin vor allem im Fokus: "Wir wollen ein Netzwerk für Kinder und Jugendliche bilden und ihnen ihr Leben erleichtern."
(Mia Schmitt) +++ 