31.10.26 - Halloween in Frankfurt. Zwischen Kürbissen, Kostümen und herbstlichem Treiben liegt an diesem Samstag eine andere Spannung über der Stadt. Mehrere Tausend Menschen sind bis zum Nachmittag den Aufrufen zu den angekündigten Gen-Z-Protesten gefolgt. Die Polizei ist mit einem umfangreichen Aufgebot präsent. Mittendrin: eine Gruppe junger Menschen aus Osthessen.
Was im Vorfeld als möglicher Protesttag mit Eskalationspotenzial befürchtet wurde, präsentiert sich bis zum Samstagnachmittag als friedliche, wenn auch von einer gewissen Anspannung begleitete Demonstration.

Eindrücke der Gen‑Z-Demonstration in Frankfurt am Main am Samstag, 31. Oktober ...Fotos: Jürgen Böthig
Es ist früher Vormittag, als sich am Bahnhof in Bad Hersfeld fünf junge Menschen treffen. Ihr gemeinsames Ziel: Frankfurt. In Hünfeld und Fulda sollen weitere Freunde zusteigen. Sie kennen sich, sind in einer gemeinsamen Community aktiv und haben sich bewusst dazu entschlossen, diesen Samstag nicht zu Hause zu verbringen.
Zwischen 17 und 26 Jahre sind sie alt. Ihre Beweggründe könnten unterschiedlicher kaum sein. Neugier und Überzeugung, vielleicht ein wenig Abenteuerlust, liegen hier dicht beieinander.
Neugier und Unsicherheit
Lena, angehende Abiturientin, möchte ihren vollständigen Namen nicht online lesen. Alle Namen in diesem Beitrag wurden auf Wunsch der Beteiligten von der Redaktion geändert. Sie wirkt neugierig, sagt aber auch: "Ich weiß nicht, was mich heute erwartet. Die Strukturen der Veranstaltung sind wohl etwas nebulös. Letztlich treibt mich die Neugier, mir ein eigenes Bild zu machen."
Dass sie an diesem Tag bei der Demonstration dabei sein wird, wissen nicht einmal ihre Eltern. Es ist ein bemerkenswertes Detail, das etwas über die Unsicherheit erzählt, mit der sich manche junge Menschen auf diesen Weg machen. Nicht jeder kommt mit einem fertigen politischen Programm im Gepäck.
Fabian, der in Fulda studiert, formuliert seine Motivation konkreter. Ihn beschäftigt das Bild, das von seiner Generation gezeichnet wird. "Wir werden oft als faul und perspektivlos dargestellt. Aber die Einsparungen im Bildungsbereich machen einen Nebenjob während des Studiums nahezu unabdingbar."
Er spricht von einer Doppelbelastung, die Kraft kostet: studieren, arbeiten, den eigenen Lebensunterhalt sichern. Zeit für das eigentliche Studium werde dadurch zu einem knappen Gut. Für ihn ist die Teilnahme an der Demonstration deshalb mehr als ein spontaner Ausflug nach Frankfurt.
12:40 Uhr: Frankfurt empfängt die Demonstrierenden
Am Frankfurter Hauptbahnhof wird schnell deutlich, dass dieser Samstag kein gewöhnlicher ist. Das erhöhte Polizeiaufkommen ist unübersehbar. Einsatzkräfte stehen an den Zugängen, uniformierte Beamtinnen und Beamte sind in den Bahnhofsbereichen präsent. Auch in den U- und S-Bahnstationen gehören Polizeikräfte zum Stadtbild.
Die Gruppe aus Osthessen nimmt die S-Bahn bis zur Hauptwache. Auf der Zeil, Frankfurts großer Einkaufsstraße, fallen bereits einige geschützte Schaufenster einzelner Geschäfte auf. Holzplatten und andere Sicherungen wirken wie vorsorgliche Antworten auf Bilder, die in den vergangenen Tagen und Wochen die öffentliche Diskussion bestimmt haben.
Erinnerungen an Ausschreitungen in Frankreich
Die Erinnerungen an Proteste in Frankreich, bei denen soziale Unzufriedenheit und Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften teilweise in Gewalt umgeschlagen waren, sind auch in Frankfurt präsent. Hessens Innenminister Rman Poseck (CDU) und die Frankfurter Polizei haben einen umfangreichen Einsatz angekündigt.
14 Uhr: Die Ruhe vor dem Sturm?
An der Weseler Werft im Frankfurter Ostend sammeln sich die Demonstrierenden. Gruppen treffen ein, Gesprächskreise bilden sich. Transparente werden zurechtgerückt, Handys gezückt, erste Sprechchöre angestimmt.
Die Stimmung ist zunächst eher erwartungsvoll als kämpferisch. Immer wieder appellieren die Organisatoren an die Teilnehmenden, friedlich zu bleiben und auf Gewalt zu verzichten. Die Aufforderung zur Gewaltlosigkeit wird mehrfach wiederholt.
Um 14:15 Uhr soll die Demonstration "Generation Aufbruch" beginnen. Die Veranstalter haben dafür zwischen 1.000 und 2.000 Menschen angemeldet. Für 14:45 Uhr ist die größere Kundgebung unter dem Motto "Gen Z regelt" vorgesehen. Hier wurden rund 10.000 Teilnehmende angemeldet.
Zahlen, die zunächst einmal Anmeldungen sind. Wie viele Menschen tatsächlich kommen, wird sich erst im Laufe des Tages zeigen. Online hatten sich deutlich mehr als 10.000 Menschen für die Frankfurter Proteste angekündigt. Zwischen digitaler Mobilisierung und tatsächlicher Beteiligung auf der Straße liegt allerdings nicht selten eine beträchtliche Differenz. Es sind dann etwa 8.000 laut Frankfurter Polizei.
Gegen 14.30 Uhr setzt sich der erste Demonstrationszug in Bewegung. Menschen schließen sich an, die Reihen werden länger. Aus einzelnen Rufen werden gemeinsame Sprechchöre. Die Demonstration nimmt Gestalt an.
Zwei Demonstrationen, eine Route und viele Erwartungen
Beide Versammlungen starten an der Weseler Werft und führen über eine weitgehend gemeinsame Strecke durch das Stadtgebiet. Die Zeil gehört ausdrücklich nicht zur vorgesehenen Demonstrationsroute. Dennoch bleibt die Polizei in der Innenstadt sichtbar präsent.
Die Sicherheitsbehörden haben sich auf einen ungewöhnlichen Einsatztag eingestellt. Poseck hatte im Vorfeld vor möglichen gewaltbereiten Gruppen gewarnt. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden könnten mutmaßlich gewaltbereite Extremisten anreisen. Ansonsten besteht die Sorge, dass sich Jugendliche und Heranwachsende ohne erkennbare politische Motivation von den Ereignissen mitreißen lassen und möglicherweise für Störungen sorgen könnten.
Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller hatte den Einsatz als nicht alltäglich bezeichnet. Die Polizei kündigte an, bei Gewalt, Sachbeschädigungen und anderen Rechtsverstößen konsequent einzugreifen. Auch das Halloween-Datum spielt bei den Sicherheitsüberlegungen eine Rolle. Innenminister Poseck hatte vor einer missbräuchlichen Verwendung von Masken zur Vermummung gewarnt.
Bis 16 Uhr bleibt die Lage nach Angaben der Polizei ruhig. Keine besonderen Vorkommnisse, keine gemeldeten größeren Zwischenfälle. Ein Zwischenstand, der angesichts der umfangreichen Sicherheitsvorbereitungen durchaus bemerkenswert ist. Allerdings ist es für eine abschließende Bewertung noch zu früh.
Was diese Generation auf die Straße treibt
Hinter den Sicherheitsabsperrungen stehen junge Menschen mit konkreten Anliegen. Steigende Lebenshaltungskosten, bezahlbarer Wohnraum, faire Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, Bildungsgerechtigkeit und die Ablehnung einer Wehrpflicht gehören zu den Themen, die im Umfeld der Proteste genannt werden.
Die Botschaft der Initiatoren von "Generation Aufbruch" lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Junge Menschen wollen nicht länger nur Gegenstand politischer Debatten sein, sondern selbst zu Wort kommen.
Auch Frankfurts Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) hatte dafür geworben, die Perspektiven junger Menschen ernst zu nehmen.
Allerdings ist die Bewegung nicht unumstritten. Die Hessische Landesschülervertretung hat sich von "Gen Z regelt" distanziert. Kritisiert werden unter anderem die unklaren organisatorischen Strukturen.
Zwischen Protest und Eskalationsangst
Auch der Frankfurter Einzelhandel und das Gastgewerbe verfolgen die Ereignisse aufmerksam. Der Handelsverband Hessen und DEHOGA Hessen hatten an die Demonstrierenden appelliert, zu einem friedlichen Verlauf beizutragen.
Mehr als eine Zugfahrt nach Frankfurt
Für die jungen Menschen aus Osthessen ist dieser Samstag jedenfalls längst mehr als eine Zugfahrt nach Frankfurt. Lena wollte sich ein eigenes Bild machen. Fabian mit seiner Teilnahme auf die Belastungen junger Studierender aufmerksam machen.
16:08 Uhr: Pyrotechnischer Gegenstände stoppen Demonstrationszug kurzzeitig
Auf Höhe des Eisernen Stegs kommt es um 16:08 Uhr zu einer Unterbrechung des Demonstrationszuges. Ein gezündeter pyrotechnischer Gegenstand sorgt dafür, dass der Zug vorübergehend zum Stillstand kommt. Unter den Teilnehmenden entsteht kurzzeitig Unruhe. Anschließend kann sich der Demonstrationszug wieder in Bewegung setzen.
Die Eskalation am Abend
Was am Nachmittag noch weitgehend friedlich begonnen hatte, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einer angespannten und schließlich chaotischen Situation. Immer wieder werden Pyrotechnik und Böller gezündet. Die Polizei reagiert mit einem massiven Aufgebot und setzt im Verlauf der Auseinandersetzungen Wasserwerfer ein.
Die Stimmung kippt zusehends. Aus einer teilweise vermummten Menge sind immer wieder Sprechchöre zu hören. Eine Atmosphäre zwischen Konfrontation, Provokation und offenkundiger Eskalation.
Schließlich zieht die Polizei Konsequenzen: Wegen des unfriedlichen Verlaufs wurde die Versammlung durch die Polizei aufgelöst. Kurz vor 18:30 Uhr ist damit das Ende der Demonstration besiegelt.
Bei den jungen Demo-Teilnehmern aus Osthessen saß der Schock tief. Sie hatten die Demonstration mit einer ganz anderen Erwartung begleitet und zeigten sich geschlossen betroffen von den Entwicklungen. "Das ist unverantwortlich. Das hatte mit unserem Anliegen nichts zu tun", sagte Moritz sichtlich enttäuscht.
Auch Lena wollte vor allem eines: "Ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin."
Was als gemeinsamer Protest junger Menschen begonnen hat, endet für viele mit Ernüchterung. Die Botschaften, für die sie ursprünglich auf die Straße gegangen sind, drohen im Lärm von Böllern, Pyrotechnik und polizeilichen Einsatzmaßnahmen unterzugehen. (Jürgen Böthig) +++
↓↓ alle 5 Artikel anzeigen ↓↓