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13.09.12 - Wasserkuppe

Beratungen über Verlust der Nacht und die daraus folgenden Gefahren

Im Groenhoff-Haus auf der Wasserkuppe trafen sich auf Einladung des Biosphärenreservates Rhön interessierte Bürger, Vertreter der regionalen Stromversorger, Naturschützer und Kommunalpolitiker um über den Schutz der Nacht zu beraten. Prof. Dr. Gerhard Eisenbeis aus Mainz informierte über die Gefahren des künstlichen Lichts für die nachtaktive Tierwelt. Im Rahmen der Veranstaltung wurde im Informationszentrum die Photo-Text-Ausstellung „Sternenpark Rhön und Lichtverschmutzung“ eröffnet.

Prof. Dr. Eisenbeis warb in seinem Vortrag eindrücklich für ein neues Bewusstsein beim Umgang mit künstlichem Licht. Schon längst sei nachgewiesen, dass Reptilien, viele Insekten, Fische, Meeresschildkröten und Vögel auf künstliches Licht reagieren. Beim Blick aus dem Weltraum zeigt sich, dass die Zentren des Wohlstandes heute auch die Zentren der nächtlichen Beleuchtung sind. NASA-Aufnahmen belegen, dass die USA, Europa, Teile Brasiliens, das Niltal, Indien, Japan und Südkorea besonders hell erstrahlen. Dem gegenüber herrscht im australischen Outback vollkommene Dunkelheit. So genannte Lichtkegelstudien in Italien haben gezeigt, dass in Rom und Mailand bereits eine neunfach höhere nächtliche Helligkeit herrscht, als dies natürlich wäre. Großstädte werden zusehends zu einem „Meer des Lichts“ mit weithin ausstrahlenden Lichtglocken. 

Menschen, Tiere und Pflanzen haben sich in einer langen Evolution an den Wechsel von Tag und Nacht angepasst. Das Leben auf der Erde verläuft „lichtgesteuert“. Licht wirkt auf viele nachtaktive Tiere anziehend, bewirkt aber auch Veränderung beim Paarungsverhalten und führt teilweise zu Brutplatzverlagerungen. Besonders beeinträchtigt wird das Wanderverhalten der Zugvögel. Ornithologen sprechen bei nächtlich hell erleuchteten Hochhäusern vom so genannten „Towerkill“.  So wurden im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie innerhalb eines Jahres am Hochhaus der Postzentrale in Bonn 1.600 tote Goldhähnchen (Singvogel) gezählt, die vom Licht angelockt an der Fassade verunglückten.

Einen hochentwickelten Lichtsinn haben auch viele Insekten. Sie stellen mit 33.000 Arten in Europa die bedeutendste Tiergruppe dar und nehmen in den Ökosystemen regelmäßig Schlüsselfunktionen ein. Insekten sind Nahrung für andere Tiere, sie sind aber auch Dienstleiter z.B. beim Bestäuben von Pflanzen. Von den 30 Insektenordnungen gelten 13 als lichtempfindlich. Dazu zählen z. B. die Nachtfalter, die Zweiflügler oder auch die Netzflügler. Insbesondere das Licht der Straßenlaternen lockt regelmäßig viele Insekten an. Daher wird seit Jahren nach möglichst insektenfreundlichen Beleuchtungsmodellen geforscht. Dabei gilt die Umrüstung für die Kommunen als Mammutaufgabe. In Deutschland sind schätzungsweise 9 Mio. Straßenleuchten in Betrieb.

Am schlechtesten in diesem Punkt schneiden dabei die Quecksilberdampflampen ab. Gefolgt werden sie von Metallhalogenleuchten und Leuchtstoffröhren. Zunehmend Bedeutung gewinnen Natriumdampfhochdrucklampen sowie LED-Leuchten. Mehrere wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Natriumdampfhochdrucklampen nur noch etwa halb so viele Insekten anlocken wie eine Quecksilberdampflampe. Bei den LED-Leuchten sinkt dieser Wert auf etwa 20 %. Dabei gilt, dass kaltweißes Licht mit hohen Blauanteilen sowie UV-Licht eine besondere Anziehung ausüben. Warmweiße LEDs sind heute die insektenfreundlichste Variante. Dabei ist zu beachten, dass gerade LED-Beleuchtungen trotz Förderprogramm in Straßenlampen durch ihren geringen Energieverbrauch sich bereits nach fünf bis sechs Jahren amortisieren. Umso bedauerlicher ist, dass die LED-Leuchten bislang in den Kommunen kaum Verwendung finden. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass neben der technischen Optimierung der Leuchten stärker als bisher auch über ein generelles oder teilweises Abschalten der Straßenbeleuchtung nachgedacht werden sollte. Hier gilt es, noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, da das subjektive Sicherheitsempfinden eine wichtige Rolle spielt. Gleichwohl zeigen einige Städte in Norddeutschland aber auch einzelne Kommunen in der thüringischen Rhön, dass Straßenbeleuchtungen nachts ganz oder teilweise abgeschaltet werden können.

Martin Kremer vom Biosphärenreservat Rhön machte deutlich, dass die Verminderung der Lichtverschmutzung nicht nur für die Tierwelt von Vorteil wäre, sondern auch einen Beitrag zur Energie- und Kosteneinsparung wäre.

Gerade weil die Rhön z. Zeit noch in vielen Teilen vergleichsweise dunkel ist, bemühen sich die Arbeitsgemeinschaft der Rhöner Landkreise (ARGE Rhön) und das Biosphärenreservat Rhön in Zusammenarbeit mit Dr. Hänel, Astronom und Leiter des Planetariums am Schöllerberg in Osnabrück sowie der Sozial- und Kulturwissenschaftlerin und Hobby-Astronomin Sabine Frank um eine Anerkennung als „Sternenpark Rhön“. Der Leiter der Hessischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservates Rhön, Torsten Raab, sieht dies als Chance, ein Alleinstellungsmerkmal für die Rhön zu schaffen, mit dem die Themen Energie, Naturschutz und Schutz der Nacht sinnvoll miteinander kombiniert werden können. +++

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