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Grimme-Preisträger Jan BÖHMERMANN sorgt im Kreuz für feuchte Augen
17.05.14 - Wer ihn live erlebt hat, betrachtet die Welt unter Umständen künftig etwas öfter mit einem Augenzwinken. Er ist kein bunter Paradiesvogel, kein Grimassen ziehender Clown – für viele Kritiker ist Jan Böhmermann vielmehr das „ewige Talent" im jungen deutschen Rundfunk. Auf der Bühne ist er, so auch am Freitagabend im Kulturzentrum Kreuz, eine Art Prophet im grauen Anzug, der mit seinem Programm humoristische Schmerzgrenzen neu definiert und seine Zuschauer über praktisch alles lachen machen kann. „Der neue deutsche Humor" ist es, den er ihnen präsentiert und der trifft überall: Oberhalb und unterhalb der Gürtellinie.
Humor sieht Böhmermann ohnehin in der Natur der Deutschen. „Wir Deutschen sind ein ironisches Volk", erklärt er seinem Publikum, „der zweite Weltkrieg, zum Beispiel, war komplett ironisch gemeint." Ganz nach den Worten Woody Allens macht der gebürtige Bremer Tragödie mit zeitlichem und räumlichen Abstand zur Komödie. Nationalsozialimus und Krisen in entfernten Ländern werden durch Distanz zum Gag gemacht - Kein Humor für schwache Nerven und moralische Zeigefinger.
Der talentierte Medienprofi und seine zweifelhaften Komplimente
Aber Jan Böhmermann kann eben auch viel mehr, als nur „flapsige, billige Untenrum-Witze", wie er es selbst nennt. Vor allem regionale Besonderheiten haben es ihm angetan. Mit seinem favorisierten Bundesland, dem Saarland, hat er bereits in seinen Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einen Landstrich zum Wunderling erklärt und auch Osthessen scheint es ihm angetan zu haben. „Bist du betrunken, oder kommst du aus Bad Hersfeld?", fragt er einen Zuschauer nach dessen Zwischenruf. Aus seiner Zeit beim Hessischen Rundfunk, während der er 2004 die Morgenshow pop&weck moderierte, kennt er die Region und ihre Bewohner nämlich ganz gut.
Seinen männlichen Zuschauern bringt der charmant-bissige Entertainer so beispielsweise ein Kompliment für ihren Körperbau. „Das ist die tolle osthessisch-provinzielle Körperstruktur", sagt er und erkennt an, dass man damit den Pflug, wenn die Technik ausfällt, eben auch mal von Hand über das Feld ziehen kann. Nun ja, immerhin sei das Publikum in Fulda intelligenter als das vom Vorabend. Ein zweifelhaftes Kompliment, doch die Kreuz-Besucher wischen sich lachend die Tränen aus den Augen.
Die Musik scheint Jan Böhmermanns große und garnicht so heimliche Liebe zu sein. Wer seine Sendungen im Rundfunk verfolgt, weiß, dass seine besondere Leidenschaft dabei den Musicals Starlight Express und Cats gilt. Dass er diese auswendig zu kennen scheint, zeigt er auch seinen rund 240 Fuldaer Gästen im fast ausverkauften Kreuz. Nach der Pause eröffnet er die zweite Hälfte mit dem Titelsong des Bochumer Rollschuhmusicals. Dann ist Jan Böhmermann eben doch ganz kurz ein kleiner Junge in einem etwas zu großen Anzug und „singt 100 heterosexuelle Fuldaer schwul und 100 schwule Fuldaer heterosexuell".
Sein Bühnenprogramm „Schlimmer als Jan Böhmermann" ist durchaus multimedial. Immer wieder wird das Geschehen auf der Bühne durch Videoeinspielungen seiner Sidekicks unterstützt. William Cohn im geringelten Strickpulli, hält das Publikum gleich zu Beginn an, den Künstler angemessen - auf eins und drei klatschend – eben wie es sich für einen anständigen Deutschen gehört, zu empfangen. Musiker und Entertainer Olli Schulz meldet sich mehrfach zu Wort: Mit Kritik für die angeblich mittelmäßige Stimmung und einem Mutmach-Lied für den gekränkt-spielenden Künstler Böhmermann.
"Prism is a dancer" - Böhmermann stalkt sein Publikum
Multimedial heißt hier aber auch, dass die Publikumsaktivitäten im Internet einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Wer im Internet aktiv ist, steht schließlich auch in der Öffentlichkeit. Diesen kleinen moralischen Denkanstoß gibt Böhmermann dann, wenn er vor der Show Facebook- und Twitter-Posts der Besucher zur Veranstaltung sammelt, teils in der Show an die Wand projiziert und die gemeinschaftliche Diskussion anstimmt. Pia aus Reihe zwei müsste als geouteter Süchtling des Comedy-Duos Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf demnach eigentlich des Saals verwiesen werden – da gibt Böhmermann den Eitlen.
Zwar dürften fleißigen Rezipienten des 33-Jährigen Grimmepreisträgers einige Gags und Showelemente bereits aus seinen Sendungen Lateline oder dem ZDF NeoMagazin bekannt gewesen sein, dem Amüsement und langanhaltenden Applaus tat dies am Freitag jedoch keinen Abbruch. Auch mir tut noch lange nach dem Abend im Kreuz das Gesicht vom Lachen weh. Journalist, Satiriker, Entertainer und Produzent – die unterschiedlichen Seiten des Medienprofis Böhmermann haben im zweistündigen Programm überzeugt. (Sabrina Ilona Teufel)+++

Multimedial ging es bei seinem Bühnenprogramm zu: Immer wieder setzte der 33-Jährige Videoleinwand ...