Helga Overweg, Claudia Wagner-Kempf, Monika Beisheim, Irene Kreissl, Waltraud Viehmann, Andrea Gunkler und Wernhild Bär (von links) gewähren Einblicke in das Zeitpanorama des 20. Jahrhunderts - Foto: Gudrun Schmidl

BAD HERSFELDJedes Leben ist es wert, darüber zu schreibe

Acht Jahre Arbeit - "Fährtensucherinnen" lesen morgen in der Dippelmühle

02.12.16 - Autobiografisches Schreiben ist nicht den berühmten oder „wichtigen“ Personen vorbehalten – ganz im Gegenteil! Jedes Leben ist es wert, darüber zu schreiben. Irene Kreissl, Helga Overweg, Wernhild Bär, Waltraud Viehmann, Monika Beisheim, Andrea Gunkler und Claudia Wagner-Kempf halten nach acht Jahren des Schreibens, Überarbeitens und Konzipierens ihr erstes gemeinsames Buch „Fährtensucherinnen“ in den Händen. Am Samstag, 03.12.2016, werden sie es im Rahmen einer Lesung ab 15:00 Uhr im Mehrgenerationenhaus Dippelmühle in Bad Hersfeld einer interessierten Zuhörerschaft vorstellen. Der Eintritt ist frei.

Hier, im Mehrgenerationenhaus Dippelmühle in Bad Hersfeld, etablierten sich nach der Fertigstellung ab 2008 zahlreiche Gruppen, darunter eine Schreibwerkstatt, initiiert von Waltraud Viehmann. Auch wenn die TeilnehmerInnen wechselten, von Anfang an gab es regelmäßig montags 14-tägige Treffen und eine jährlich stattfindende Lesung in der Dippelmühle zu unterschiedlichen Themen. Waltraud Viehmann brachte ihre langjährigen Erfahrungen im „Kreativen Schreiben“ aus verschiedenen Schreibgruppen ein. Claudia Wagner-Kempf ergänzte nach einer Weiterbildung mit Impulsen aus der Biografie-Arbeit.

Die genannten sieben Frauen waren es, die sich schließlich unter ihrer Anleitung zu einer festen Gruppe „Biografisches Schreiben“ zusammenschlossen. Irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, einen Schritt weiter zu gehen, denn ihre Geschichten stehen für fast ein Jahrhundert Zeitgeschichte. So entstand die Idee, diese in einem Buch zu veröffentlichen. Auf dem Weg bis zur Literarisierung ließen sie sich professionell beraten und begleiten von der Schreibpädagogin und Verlegerin Kirsten Alers. Bereits geschriebene Texte wurden teilweise verworfen, immer und immer wieder an Formulierungen gefeilt und der rote Faden herausgearbeitet. Anfängliche Zweifel, ob das Buch Leser finden wird oder ob sie als Autorinnen überhaupt gut genug sind, waren beim erstmöglichen Anblick des Buchcovers vergessen.

„Sich schreibend erinnern: an die eigene Herkunft, die Orte der Kindheit, das erste Mal, an die Liebe oder an die Wendepunkte im Leben; Zugänge zum Wesentlichen aufspüren, das Eigene erkennen und sichtbar machen; sich bewusst werden, wie Zeitgeschehen prägte – all das intendierten die Schreibübungen; manche alte Wunde riss wieder auf, manche Träne floss“, erläutert Claudia Wagner-Kempf in ihren einleitenden Worten und fügt an: „Die Motivation der Teilnehmenden zum biografischen Schreiben war sehr unterschiedlich: Ein Teil der Gruppe wollte Lebenserinnerungen aufschreiben, alle wichtigen Lebensstationen noch einmal durchgehen oder auf poetische Weise in intensive Lebensmomente hinein spüren. Andere waren auf der Suche nach der eigenen Identität, wieder Andere einfach gespannt auf neue Schreiberfahrungen“.

Claudia Wagner-Kempf als treibende Kraft ist gleichzeitig die Jüngste der Gruppe. Die 46-Jährige beleuchtet in ihrem Kapitel das Kind-Sein in der Welt der Erwachsenen, um Übergestülptes aus dem Weg zu räumen und das Eigene zur Entfaltung zu bringen. Auch Andrea Gunkler tauchte tief in ihre Kindheitserinnerungen ein, die während des Schreibprozesses immer intensiver wurden. Sie nennt den Grund: „Beim Schreiben denkt man aktiv“. Sich auf solche Erlebnisse einzulassen, war für sie selbst ein wichtiger Prozess. Irene Kreissl, die im Jahr 1925 in Fulda geboren wurde, erzählt von Lichtblicken und dunklen Stunden ihrer Jugendzeit, die durch den Krieg geprägt war. Helga Overweg, mit 79 Jahren die Zweitälteste der kreativen Runde, widmete sich ihrer Familiengeschichte über mehrere Generationen und ist sich sicher, dass ihre Kinder bereit sind, die Wahrheit zu ertragen.

Für die Autorinnen war es entlastend, sich klarzumachen, dass es die alleingültige Wahrheit nicht gibt. Wahrheiten verändern sich. So bedeutet autobiografisches Schreiben immer eine Gratwanderung zwischen mehreren Wahrheiten. Und dennoch gibt es eine Wahrheit, die am wichtigsten ist: die momentane Wahrheit, die erzählt werden will, die das eigene Herz und das der Leser am tiefsten berührt. „Fährtensucherinnen“ ist ein Buch für Frauen, die sich in einzelnen Episoden wiederfinden werden. Die sieben Autorinnen gewähren einen tiefen Blick in ihre Seele, wenn sie vom Überwinden der innerdeutschen Grenze, vom Leben am Fluss, vom Frösche-Küssen, von Bombennächten und Hungerjahren, von Familienfreuden oder der Sprachlosigkeit der Mutter erzählen. Ihre Geschichten spiegeln Gesellschaftliches, gehen weit über das Private hinaus und ermöglichen es Lesenden, eigenes Biografisches zu befragen.

Die Frauen aus Bad Hersfeld und Umgebung wollten von Anfang an spürbar und sichtbar, aber niemals peinlich werden. Immer wieder reflektierend, wie noch lebende Personen das Geschriebene aufnehmen oder wie diese mit der Vergangenheit ihrer Angehörigen klarkommen, beeinflussten das eigene Werk. „So kann ich das nicht stehen lassen“, entschied Andrea Gunkler im letzten Moment vor dem Buchdruck, denn „die Leute leben alle noch“. Das Buch „Fährtensucherinnen“ (Hg. Claudia Wagner-Kempf) aus dem Verlag Wortwechsel kann nach der Lesung und bei den Autorinnen privat erworben oder im Buchhandel bestellt werden. (Gudrun Schmidl) +++




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