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Jochen Wieloch blickt durch - Grafik & Fotos: Nicole Wagner

REGION WIELOCHS WIRRE WELT (6)

Baumatisiert - wenn die Nordmanntanne zickt

20.12.13 - Na, haben Sie die Baumfrage in diesem Jahr schon geklärt? Ob groß, klein, buschig oder schlank, mit weichen oder fiesen Nadeln? Wenn nicht, wird es Zeit. Sonst geht es Ihnen so wie vielen anderen Osthessen, die traditionell kurz vor Heilig Abend baumatisiert sind.

Der Christbaumverkäufer hat seinen Stand eigentlich schon geschlossen. Aus Mitleid öffnet er noch einmal sein Areal. Was hier steht, kann Weihnachten nur zum traurigsten Fest des Jahres werden lassen. Eine sündhaft teure Nordmanntanne, die im unteren Bereich an Reiner Calmund erinnert, ab der Mitte aber so spärlich mit Ästen und Nadeln wie Michelle Hunziker mit Kleidern bedeckt ist. Am Stamm und an den Ästen haben sich ob der dünnen Vegetation winzige Beulen gebildet: Gänsehaut. Gegen die Blaufichte ist der Schiefe Turm von Pisa ein architektonisches Meisterwerk. Und die Blautanne ist nicht mehr blau oder grün, sondern braun und trocken wie ein altes Stück Pappe. Ich nehm die Nordmanntanne und die Fichte auf Reserve, man weiß ja nie.

Nach der Baum- kommt jetzt die Ständerfrage. Jedes Jahr derselbe Mist. Die vier wackeligen Metallklammern können einen zarten Besenstiel sicher umgreifen, aber nicht dem wuchtigen Stamm mit dem doppelten Durchmesser eines ausgewachsenen Elefantenrüssels Halt verleihen. Feilen und schmirgeln sollen andere. Her mit der Säge, und schon ist die Nordmanntanne in der Mitte durchtrennt. Das ergibt den Stammdurchmesser, der zum Ständer kompatibel ist. Allerdings ist die Baumhöhe jetzt auf 90 Zentimeter geschrumpft. Und das schönste Teil des Baumes unbrauchbar. Dafür ziert nun ein abgemagertes entnadeltes Minibäumchen die Wohnzimmerecke. Bei einer Raumhöhe von 2,80 Meter. Das könnte der Dame des Hauses missfallen.

Im Kofferraum schlummert zum Glück noch die Krüppel-Fichte. Jetzt zahlt sich das jahrelange Abo der Heimwerker-Zeitschrift aus. Dübel in die Spitze der Nordmanntanne, die Blaufichte halbieren, die Unterseite der oberen Hälfte anbohren und mit viel Holzleim auf die Reste der Nordmanntanne kleben. Eine Stahlschraube mit Mutter stabilisiert die Konstruktion. Zur Sicherheit kommt noch eine Rolle graues Textilklebeband um die Bruchstelle. Den mit Weißleim verunstalteten Bereich verdeckt der neue Kaschmirschal der Ehefrau, fertig! Nach der Pflicht geht es nun an die Kür. Die Lichterketten wollen um den Tannenbaum geschwungen werden. So leicht und elegant, als würde man eine Eisprinzessin zur Pirouette bitten. Fast! Nach zwei Minuten liege ich am Boden wie eine Krautroulade, eingewickelt in 90 Kerzen und drei bis zur Unkenntlichkeit miteinander verwurschtelte Kabel. Fluchend pelle ich mich in stundenlanger Fummelarbeit aus dem Lichtermeer. Die Ketten werden anschließend völlig entnervt mehr ins ausgedünnte Grün geworfen als wohl überlegt mit künstlerischer Ader um das Gezweig drapiert.

Zeit für die erste Generalprobe. Stecker rein – und es passiert nichts. Der Baum bleibt so dunkel wie das Löhertor am Tag. Alle drei Ketten verweigern den Dienst. Gegen vier Uhr morgens gebe ich auf. Die Birnchen sind ganz, die Gewinde dafür flächendeckend ausgeleiert. Jetzt ist konsequentes Krisenmanagement gefragt, nur noch wenige Stunden bis zur Bescherung: Die Lichterketten kommen runter. Schneeketten mit Alu-Schnipseln und reichlich Lametta garniert peppen den Baum genauso auf. Die Bruchstelle ächzt unter der immensen Last. Die obere Hälfte neigt sich schon um 45 Grad. Kugeln hält dieses Gebilde nicht mehr aus. Schnell sind mit dem Stemmeisen vier Löcher für Metallanker in die Wohnzimmerwände gehauen. Drahtseile werden zum Baum verlegt und ordentlich unter Spannung gesetzt. Das war zu viel: Nordmanntanne und Blaufichte fliegen mir um die Ohren.

Kurz vor Sonnenaufgang glaubt der Nachbar im Traum stumpfe Axtschläge in seinem Vorgarten zu vernehmen. Zum Frühstück steht der Baum geschmückt in voller Pracht. Amazon hat die kabellosen Christbaumkerzen noch pünktlich geliefert. Nur die Ehefrau wundert sich über die weißen Flecken im neuen Schal. „Schatz, das ist das Salz meiner Freudentränen, weil es dich gibt!" Das ist Weihnachten. (JOCHEN WIELOCH). 

HINTERGRUND: „Wielochs wirre Welt" erscheint heute am sechsten Freitag in Folge bei osthessen-news.de. Jochen Wieloch (37) blickt dabei pointiert, humorvoll und teilweise mit einer gehörigen Portion Ironie auf die Ereignisse, die die Menschen in der Region und im Land bewegen. Der Petersberger kennt sich als selbstständiger Redakteur in den Medien Print, TV und Internet bestens aus, ist Buchautor und als Spezialist für Unterhaltungselektronik gefragter Autor für zahlreiche Verlage, Magazine und Fachzeitschriften. Außerdem berät und betreut der 37-Jährige Unternehmen in allen Fragen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Neben dem ZDF, 3sat und dem Bayerischen Rundfunk arbeitete Jochen Wieloch unter anderem auch für die Motor Presse in Stuttgart und auto-tv in München. Für osthessen-tv.de stellt der Germanist neuerdings regelmäßig automobile Neuheiten in Filmbeiträgen vor.  +++

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