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Jochen Wieloch blickt durch ... - Grafik & Fotos: Nicole Wagner

REGION Achtung Satire!

WIELOCHS WIRRE WELT (29): Bahnhofs-Flut – „Möllnisch Wasser“ vom Jordan

30.05.14 - Nil, Amazonas, Mississippi und Jangtsekiang haben eines gemeinsam: Gegen den gigantischen Strom, der regelmäßig durch den Fuldaer Bahnhof donnert und ein Meer der Verwüstung hinterlässt, sind diese Flüsse erbärmliche, ja lächerliche Rinnsale. Nichts anderes als kleine Pfützen auf der Landkarte. So verwundert es auch nicht, dass am Sonntagabend der Lokführer von IC 773 den planmäßigen Halt in der Barockstadt verweigerte. Seine plausible Begründung: „Ich dachte ich bin im Hamburger Hafen, aber nicht im Fuldaer Bahnhof.“ Um sich ein Bild von der Hochwasserlage unter den Gleisen zu machen, ist vor wenigen Minuten eine Delegation aus dem Stadtschloss ausgerückt. Aktueller Pegelstand: 3,70 Meter.

Ohrenbetäubender Lärm. Zehntausende Liter Wasser schießen pro Sekunde durch den Bahnhof. Doch plötzlich wird es ganz still. Der reißende Strom beruhigt sich, die Nebelschwaden verschwinden. Wie einst Papst Benedikt am Weltjugendtag auf dem Rhein bahnt sich Oberbürgermeister Gerhard Möller in knallroter Badehose auf einem gelben Luftkissenboot den Weg durch die versunkene Einkaufspassage. Als das Bahnhofsgemäuer durch die Wassermassen zu bersten droht, hat das Stadtoberhaupt alles im Griff: „Bringt mir die Säcke der Opposition als Schutzwall“, lautet sein knapper Einsatzbefehl an die Männer vom Technischen Hilfswerk. Und dann passiert das Wunder, das Fulda künftig mindestens auf eine Ebene mit Lourdes, Fátima, Altötting und Santiago de Compostela erheben wird: Möller grüßt, grinst, steigt aus dem Boot – und wandelt über das Wasser in Richtung Bahnhofsvorplatz.

Als seine Parteikollegen das sehen, trauen sie ihren Augen nicht. „Gerhard, wenn du es wirklich bist, dann lass mich auf dem Wasser zu dir kommen“, ruft Möllers neuer Steuermann Dag Wehner und klettert aus dem Luftkissengefährt. Doch sofort beginnt er in den Fluten zu versinken. „Du Ungläubiger! Dir steht schon nach wenigen Tagen im Amt das Wasser bis zum Hals“, witzelt Möller, der für die Zuschauer nicht sichtbar geschickt auf dem Geländer der Rolltreppe balanciert, das knapp unterhalb der Wasseroberfläche verläuft. „Wahrhaftig, das ist unser Retter“, jubelt die Opposition. „Heiliger Gerhard“, singen die Bürger. „Jesus lebt“, stammelt die Gruppe vom Priesterseminar. Hastig füllen sich die Menschen „Möllnisch Wasser“ aus dem sakralen Strom in kleine Flaschen und Behälter. Das Liquidum, über das ihr Hl. Gerhard läuft, muss auch gegen Rücken, Kopfschmerz, Hautausschlag und andere körperliche Gebrechen helfen.

„Der Jordan von Fulda muss bleiben“, fordern sofort tausende Menschen vor dem Bahnhof. Minütlich werden es mehr. Selbst die SPD-Fraktion, die vor wenigen Stunden der Führungsspitze der Barockstadt wegen permanenter Überflutungen Unfähigkeit vorgeworfen hatte, lässt sich im Uferbereich des Flusses taufen. Und Möller setzt noch einen drauf. „Keine Windkraft in Osthessen“, ruft er der glücklichen Masse zu. Stattdessen sollen in Zukunft zwei Wasserräder im Bahnhof genug Strom erzeugen, um ganz Hessen mit Energie zu versorgen.

Die Domglocken läuten, der Städtische Konzertchor Winfridia singt ein spontanes Danklied, und aus den Bahnhofslautsprechern ertönt Händels Wassermusik. Dann passiert’s: Ein Kurzschluss, die Rolltreppe läuft an und zieht Möller unter Wasser. Sekunden später taucht der OB 80 Meter weiter stromabwärts wieder auf. Der seit Monaten defekte Fahrstuhl setzt sich langsam in Bewegung und hebt den Rathauschef wie in einer Hollywood-Inszenierung im Zeitlupentempo aus den Fluten. „Himmelfahrt“, grölt das Volk. „Magic Möller“, tobt die Presse. Nur eine schüttelt den Kopf und drückt ihrem überirdischen Ehemann einen Bademantel in die Hand. „Und zu Hause weißt du nicht mal wie die Spülmaschine angeht!“ (JOCHEN WIELOCH)+++


HINTERGRUND: „Wielochs wirre Welt" erscheint heute am 29. Freitag in Folge bei OSTHESSEN|NEWS. Jochen Wieloch (37) blickt dabei pointiert, humorvoll und teilweise mit einer gehörigen Portion Ironie auf die Ereignisse, die die Menschen in der Region und im Land bewegen. Der Petersberger kennt sich als selbstständiger Redakteur in den Medien Print, TV und Internet bestens aus, ist Buchautor und als Spezialist für Unterhaltungselektronik gefragter Autor für zahlreiche Verlage, Magazine und Fachzeitschriften. Außerdem berät und betreut der 37-Jährige Unternehmen in allen Fragen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Neben dem ZDF, 3sat und dem Bayerischen Rundfunk arbeitete Jochen Wieloch unter anderem auch für die Motor Presse in Stuttgart und auto-tv in München. Für osthessen-tv.de stellt der Germanist neuerdings regelmäßig automobile Neuheiten in Filmbeiträgen vor. +++

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