27.12.13 - Was ist der Unterschied zwischen dem Fuldaer Schützenfest und der Wasserkuppe? Für den Rummel auf der Ochsenwiese gelten Regeln. Außerdem ist der nach zehn Tagen wieder verschwunden. Die Geburtsstätte des Segelflugs bleibt vor bürokratischem Wahnsinn glücklicherweise verschont. Und so hat sich in 950 Metern Höhe dankenswerterweise Hessens höchster Rummelplatz angesiedelt. Fahrgeschäfte und andere Attraktivitäten, die man aus Gründen der Ästhetik den Menschen auf städtischem Terrain nicht zumuten wollte, dekorieren nun das Hochplateau im Biosphärenreservat.
Die älteren Zeitgenossen werden sich noch daran erinnern, wie traurig und öde sich die Wasserkuppe einst präsentierte: Außer seltenen Pflanzen und exotischen Tieren, mächtigen Bäumen, wunderschönen Moosen und saftigen Wiesen, wilden Sträuchern und köstlichen Beeren war hier oben abgesehen von einigen lautlosen Segelfliegern nichts los. Unberührte Natur, Stille und Idylle – so sah die deprimierende Realität fernab der Zivilisation aus. Zum Glück ist von diesem Postkartenmotiv nichts geblieben. Den ersten Liften folgte eine Sommerrodelbahn, die Kuppe wurde peu à peu zubetoniert. In den vergangenen Jahren schossen zusätzliche Lastenkräne für Wintersportler und deren Equipment, Zauberteppich und Kletterwald aus dem Boden. Momentan weicht die beschauliche Märchenwiesenhütte einem Palast, und vergangene Woche wurde diese frohe Botschaft verkündet: In Zukunft verbindet ein Sessellift Abtsroda mit der Wasserkuppe. Darauf haben wir sehnlicher gewartet als auf die Entdeckung von Penicillin oder die erste gelungene Herztransplantation.
Dem einst beschaulichen Areal rund um das letzte verbliebene Radom bescheren die Investitionen in Metall, Plastik, Drahtseile und Beton einen Boom, den der 950 Meter hohe Berg in seiner Geschichte so selbst ansatzweise noch nie erlebt hat. Menschen aus Bayern, Thüringen, dem Rhein-Main-Gebiet und dem Rest der Republik kommen scharenweise in Bussen, um zur Märchenwiese zu pilgern. Nicht, um Spaß zu haben. „Ich will meinen Kindern zeigen, wie gut sie es haben, wie schön wir leben", erzählt Roland W., der mit seiner Familie in Frankfurt-Niederrad im 14. Stock einer Hochhaussiedlung wohnt. „Wir schauen zum Glück nur auf Glas und Stein und hören lediglich den Lärm von Autos. Im Vergleich zur Wasserkuppe fühlen wir uns wie im Paradies."
Tausende Kerzen und Blumen zieren den Weg zu den motorbetriebenen Metallkonstrukten oberhalb des Fliegerdenkmals. Besucher knien am Wegesrand, verharren in Stille, kämpfen mit den Tränen. „Ich hätte nie gedacht, dass Menschen zu so etwas imstande sind", schluchzt eine Mutter. Andere sind fassungslos. „Ich habe zehn Jahre in der Nähe von Tschernobyl gelebt. Aber das hier oben ist einfach nur bedrückend", sagt Aleksandr Kiriyenko.
Den Parkplatz ziert seit wenigen Tagen eine riesige Hinweistafel. „Mahnmal Wasserkuppe" ist darauf zu lesen. Darunter heißt es in kleinerer Schrift: „Zur Erinnerung daran, wie Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte eine Naturlandschaft zerstören und verschandeln können." Aus Brüssel floss ein siebenstelliger Betrag, um das Mahnmal noch authentischer erscheinen zu lassen. Von dem Geld wird das Radom aufgeschnitten und in ein überdimensionales Freizeitbad mit Riesenrutsche und Sprungturm umfunktioniert. Der Landkreis Fulda will extra einen Wald abholzen, um speziell Schulklassen vor Augen zu führen, wohin reine wirtschaftliche Interessen und finanzielle Habgier führen können. Und ein regionales Unternehmen kündigte an, ebenfalls weiter in das geschichtsträchtige Projekt zu investieren. Spätestens im Winter 2016 sollen 18 Kabinenbahnen im Fünf-Minuten-Takt stündlich bis zu 25.000 Personen auf die Wasserkuppe transportieren.
Um den Kindern der Familien, die in unmittelbarer Nähe zur Wasserkuppe wohnen, zumindest für kurze Zeit Entspannung von der Hektik und dem Lärm des Dauer-Rummelplatzes zu ermöglichen, bietet der Landkreis vom 27. Januar bis zum 4. Februar 2014 einen Erholungs-Trip an. Motto: „Zurück zur inneren Ruhe." Ziel: Mexiko-Stadt, die mit 19,981 Millionen Einwohnern größte Metropole der Welt. (JOCHEN WIELOCH).
HINTERGRUND: „Wielochs wirre Welt" erscheint heute am siebten Freitag in Folge bei osthessen-news.de. Jochen Wieloch (37) blickt dabei pointiert, humorvoll und teilweise mit einer gehörigen Portion Ironie auf die Ereignisse, die die Menschen in der Region und im Land bewegen. Der Petersberger kennt sich als selbstständiger Redakteur in den Medien Print, TV und Internet bestens aus, ist Buchautor und als Spezialist für Unterhaltungselektronik gefragter Autor für zahlreiche Verlage, Magazine und Fachzeitschriften. Außerdem berät und betreut der 37-Jährige Unternehmen in allen Fragen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Neben dem ZDF, 3sat und dem Bayerischen Rundfunk arbeitete Jochen Wieloch unter anderem auch für die Motor Presse in Stuttgart und auto-tv in München. Für osthessen-tv.de stellt der Germanist neuerdings regelmäßig automobile Neuheiten in Filmbeiträgen vor. +++