Der Feuermeister des Lullusfestes in Bad Hersfeld ist mehr als ein Mann in besonderer Kleidung und einer Fackel in der Hand. - Fotos: Jürgen Böthig

BAD HERSFELD 100 Jahre Feuermeister

Handwerk, Heimat und Hersfelder Humor: Einer passt auf das "Fierche" auf

07.10.26 - Wenn am Lollsmontag die Kirchturmglocke zwölf schlägt, wird es ernst. Zumindest für einen kurzen Moment. Dann übernimmt Feuermeister Mark Baumgardt eine der wohl schönsten Aufgaben, die Bad Hersfeld zu vergeben hat: Er überreicht die Fackel und gibt damit das Signal zum Entzünden des Lullusfeuers.

Was danach passiert, ist nicht weniger feierlich. Dann brennt das "Fierche", die Musik spielt, das Riesenrad dreht sich, die Stadt ist auf den Beinen und spätestens jetzt weiß auch der Letzte: Jetzt ist Lolls. Seit 100 Jahren gehört der Feuermeister zu diesem Ritual. 1926 wurde die Figur im Zuge einer Neugestaltung des Lullusfestes geschaffen. Die Idee stammte vom Lehrer und Heimatforscher Wilhelm Neuhaus. Gesucht wurde eine Symbolfigur, die das Handwerk mit dem Fest und der Stadt verbinden sollte. Die Wahl fiel auf Schneidermeister Hans Post. Er wurde 1926 der erste Feuermeister. Damit begann eine bemerkenswerte Lolls-Karriere.

Ein Amt mit Flamme und Verantwortung

Der Feuermeister war von Anfang an mehr als ein Mann mit besonderer Kleidung und einer Fackel in der Hand. Er sollte für das heimische Handwerk stehen und zugleich das Lullusfeuer bewachen, jenes "Fierche", das tief in der Geschichte des Festes verwurzelt ist. Das Feuer selbst ist wesentlich älter als der Feuermeister. Einst stand es unter anderem für die sogenannte Lullusfreiheit und bot Pilgern Wärme. Heute ist es vor allem Treffpunkt, Symbol und Mittelpunkt der Lollswoche. Es brennt von Montag bis Sonntag und wird rund um die Uhr bewacht.

Eine Aufgabe, bei der man sich eigentlich nur eine Frage stellen kann: Wer kümmert sich eigentlich um den Feuermeister? Die Antwort lautet: vermutlich die Hersfelder, die ohnehin ziemlich genau darauf achten, dass bei Lolls alles so läuft, wie es laufen soll.

Hans Post und die lange Reihe der Nachfolger

Hans Post kehrte nach einer Unterbrechung während der Kriegsjahre 1946 in das Amt zurück und blieb bis 1958 Feuermeister. Auf ihn folgten Kurt Bode, Hans-Jürgen Eichenauer, Udo Baumgardt, Udo Roßbach und Klaus Otto. Seit 2023 trägt Mark Baumgardt das Ornat. Diese Namen stehen im Jubiläumsjahr für ein Jahrhundert Feuermeistergeschichte. Sieben Männer in 100 Jahren. Bei Lolls ist das schon fast eine bemerkenswerte Form von Personalstabilität.

"Feuermeister bleibt man"

Einer, der genau weiß, was dieses Amt bedeutet, ist Hans-Jürgen Eichenauer. Von 1979 bis 1991 stand er selbst am "Fierche". In einem Gespräch mit ehemaligen Feuermeistern brachte Eichenauer eine Besonderheit des Amtes auf den Punkt: Der Feuermeister bleibe bekannt, auch wenn die Amtszeit längst vorbei sei. Man werde auch später noch angesprochen, schließlich sei man eben einmal Feuermeister gewesen. Das klingt typisch Bad Hersfeld: Ein Titel, den man nicht einfach wieder ablegt, wenn die Lollswoche vorbei ist.

Eichenauer hat das Amt in einer Zeit ausgeübt, in der das Lullusfest bereits vieles von seiner heutigen Gestalt hatte und sich dennoch spürbar veränderte. Einen entscheidenden Unterschied zwischen damals und heute sieht er allerdings nicht überall. Manche Erscheinungen rund um den Lollsmontag, etwa Scherben oder ausgelassene Feierlaune, seien keineswegs eine Erfindung der jüngeren Generationen. Auch das gehört zur Lolls-Geschichte: Früher war nicht automatisch alles besser. Nur die Erinnerungen sind manchmal sauberer.

Ein Feuer, das auch schwere Zeiten überstanden hat

Besonders eindrucksvoll ist Eichenauers Erinnerung an die Bedeutung des Lullusfeuers. Selbst während des Krieges sei das Feuer nicht einfach verschwunden. Es habe gebrannt, wenn auch mit abgedecktem Feuerschein. Das macht deutlich, weshalb das "Fierche" für viele Hersfelder mehr ist als eine Tradition im Festkalender. Es steht für Kontinuität. Für eine Stadt, die sich verändert hat und trotzdem jedes Jahr wieder an denselben Punkt zurückkehrt: zum Feuer, zur Glocke, zum Lollsmontag.

Hüter der Geschichte

Dass die Geschichte des Lullusfestes und seiner besonderen Traditionen bewahrt wird, ist auch ein Verdienst des Lullusfestvereins Bad Hersfeld. Der Verein ist Hüter der Lolls-Tradition und damit auch der Geschichte der Feuermeister. Zum 100-jährigen Bestehen der Feuermeister-Tradition stellte der Vorsitzende Stefan Kopetschek OSTHESSEN|NEWS eine Vielzahl historischer Fotografien zur Verfügung. Die Aufnahmen machen die Geschichte des Amtes besonders anschaulich und zeigen, wie sehr sich Kleidung, Fest und Zeit verändert haben, während die zentrale Aufgabe des Feuermeisters geblieben ist.

Historische Bilder erzählen dabei ihre ganz eigene Geschichte: Gesichter vergangener Generationen, das Ornat, die Fackel und immer wieder das Feuer. Sie machen aus Namen und Jahreszahlen Menschen und Erinnerungen.

Mark Baumgardt: Vom Kindheitstraum zum Feuermeister

Heute trägt Mark Baumgardt diese Tradition weiter. Der Fliesen-, Platten- und Mosaiklegermeister wurde 2023 zum Feuermeister berufen. Er ist in Bad Hersfeld geboren, Obermeister der Bauhandwerksinnung und engagierte sich außerdem bei der Feuerwehr. Damit bringt er genau jene Verbindung von Handwerk, Stadt und Ehrenamt mit, die bereits bei der Schaffung des Amtes eine wichtige Rolle spielte.

Für Baumgardt ist das Amt allerdings nicht irgendein Ehrenamt. Das Lullusfest gehört zu seiner eigenen Biografie. "Das Lullusfest begleitet mich seit meiner Kindheit", sagte er. Der Wunsch, eines Tages selbst Feuermeister zu werden, sei über viele Jahre gereift. Umso größer sei seine Freude gewesen, dass dieser Wunsch tatsächlich Wirklichkeit wurde. Seitdem erlebt Baumgardt Lolls aus einer ganz anderen Perspektive.

Während andere am Lollsmontag möglichst schnell Richtung Festplatz verschwinden, beginnt für ihn die Arbeit. Festzug, Termine, Empfänge, Begegnungen und natürlich das wichtigste Stück Holz in ganz Bad Hersfeld: das "Fierche".

Zwischen Tradition und Gegenwart

Baumgardt hat gemeinsam mit seinen Vorgängern immer wieder darauf hingewiesen, dass sich das Lullusfest verändern darf, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung des Feuermeisters. Er muss nicht aufpassen, dass Lolls immer genauso aussieht wie 1926. Er muss vielmehr darauf achten, dass das, was Lolls im Kern ausmacht, nicht verloren geht. Das ist ein Unterschied. Denn Tradition bedeutet nicht, dass alles stehen bleibt. Tradition bedeutet, dass etwas weitergegeben wird.

Vom Schneidermeister zum Fliesenlegermeister. Vom alten Fackelhalter zum neuen. Von einer Generation zur nächsten. Von einer Lollsrede zur nächsten.

Die Fackel ist geblieben

Ein besonders schönes Stück dieser Geschichte steckt im Fackelhalter. Das Original wurde 1926 von der damaligen Schreiner-Innung für den ersten Feuermeister Hans Post angefertigt. Es symbolisierte von Anfang an die Verbindung zwischen dem Handwerk und der Stadt. 2016 wurde ein neuer Fackelhalter angefertigt, während das historische Original gemeinsam mit Hans Posts Feuermeister-Ornat im Museum bewahrt wird.

Man könnte es auch so sagen: Das Werkzeug des Feuermeisters hat sich verändert. Die Aufgabe ist geblieben. Die ist eigentlich ganz einfach: Das Feuer muss brennen.

Ein Geschenk zum 100. Geburtstag

Zum 100. Geburtstag der Feuermeister-Tradition gab es außerdem ein besonderes Geschenk aus den Reihen der Lolls-Familie. Lolls-Urgestein Reinhard Rauche spendierte eine Informationstafel zur Geschichte der Feuermeister. Aufgestellt werden soll die Tafel im kommenden Frühjahr. Damit bekommt die Geschichte des Amtes künftig auch einen festen Platz im Stadtbild. Was bisher vor allem in Erinnerungen, Fotografien und Erzählungen weitergegeben wurde, wird damit dauerhaft sichtbar.

Ein Jahrhundert und immer noch Feuer

100 Jahre Feuermeister sind deshalb nicht nur die Geschichte von sieben Männern. Es ist die Geschichte einer Idee. Wilhelm Neuhaus wollte dem reformierten Lullusfest eine Figur geben, die für das Handwerk und für die Stadt steht. Aus dieser Idee wurde eine Tradition, die inzwischen selbst Teil der Identität des Festes geworden ist. Hans Post machte den Anfang. Hans-Jürgen Eichenauer verkörperte die Tradition über mehr als ein Jahrzehnt und erinnert sich bis heute mit großer Verbundenheit an seine Zeit am "Fierche". Mark Baumgardt steht nun für die nächste Generation.

Dazwischen liegen ein Jahrhundert Stadtgeschichte, gute und schwierige Zeiten, Veränderungen im Handwerk und Veränderungen im Fest. Das Feuer aber brennt weiter. Deshalb dürfte es auch 2026 wieder diesen ganz besonderen Moment geben: Die Glocke schlägt zwölf. Der Feuermeister tritt an. Die Fackel wechselt den Besitzer. Für einen Augenblick schaut eine ganze Stadt auf eine Flamme.

Danach übernimmt Lolls. Denn eines hat sich in 100 Jahren Feuermeister vermutlich nicht verändert: In Bad Hersfeld kann man noch so lange über Traditionen diskutieren. Wenn das "Fierche" brennt, ist sowieso klar, wer recht hat. Lolls ist Lolls. "Enner, zwonn, dräi – Bruder Lolls!" (Jürgen Böthig) +++

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