Elmar Bornkessel stammt aus Friedigerode bei Oberaula im Schwalm-Eder-Kreis. - Fotos: Jürgen Böthig

BAD HERSFELD Gorch-Fock-Kommandant im Marineheim

"Junge, komm bald wieder!" - Vom Knüll auf Weltmeere und ins Lolls-Vergnügen

15.10.26 - "Kapitän, nimm mich mit auf die Reise" im Ohr, eine steife Brise im Gesicht und den Blick sehnsüchtig auf den Horizont gerichtet: Wer bei Seefahrt an Hans Albers, Freddy Quinn und große Gefühle denkt, hat vermutlich auch ein Bild von der weiten Welt vor Augen. Doch nicht jeder Kapitän muss in Hamburg an der Waterkant geboren sein. Manchmal reicht dafür auch ein ordentlicher Schuss nordhessischer Dickkopf.

Elmar Bornkessel stammt aus Friedigerode bei Oberaula im Schwalm-Eder-Kreis. Aufgewachsen unterhalb des Eisenbergs am Knüll, weit entfernt von jeder nennenswerten Meeresbrise, hat er es bis auf die Kommandobrücke der Gorch Fock geschafft. Das Segelschulschiff der Deutschen Marine ist eines der bekanntesten Segelschiffe der Welt. Eine Landratte also? Mitnichten! Wer es vom Knüll auf einen solchen Windjammer-Klassiker schafft, muss wohl schon früh gelernt haben, dass man auch ohne Meer vor der Haustür große Ziele ansteuern kann.

Ein volles Haus und ein besonderer Überraschungsgast

Das Marineheim war bis auf den letzten Platz besetzt, als der Kommandant der Gorch Fock seine Zuhörer auf eine Reise über die Weltmeere mitnahm. Begrüßt wurden die Gäste vom ersten Vorsitzenden der Marinekameradschaft, Johann Joost. Unter den Zuhörern war auch Landrat Torsten Warnecke.

Für eine besondere Überraschung sorgte Oberstabsbootsmann a. D. Thomas Axt. Er war Bornkessels Ausbilder auf der Gorch Fock und damit ein Mann, der den heutigen Kommandanten noch aus einer Zeit kennt, in der die große Karriere auf See erst Fahrt aufnehmen musste. Da saß also nicht nur maritime Erfahrung im Saal, sondern auch ein Stück persönlicher Bordgeschichte.

Bornkessel spannte in seinem Vortrag den Bogen von der Geschichte und dem Mythos der Gorch Fock bis zur Ausbildung der Offizieranwärter an Bord. Dabei ging es um weit mehr als weiße Segel, Fernweh und romantische Sonnenuntergänge. Das Segelschulschiff ist Ausbildungsstätte, Arbeitsplatz und Herausforderung zugleich. Hier lernen junge Kadetten, Verantwortung zu übernehmen, im Team zu funktionieren und auch dann einen klaren Kopf zu behalten, wenn Wind und Wellen ihre ganz eigenen Vorstellungen vom Tagesprogramm entwickeln.

Von Kiel über den Atlantik bis nach New York

Besonders spannend wurde es beim Blick auf die große Reise im Rahmen der "Sail 250", der maritimen Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Die Route führte von Kiel über Las Palmas und Bermuda nach Norfolk und Baltimore. Höhepunkt war der 4. Juli in New York – der amerikanische Unabhängigkeitstag, an dem sich die maritime Tradition und die Geschichte der Vereinigten Staaten auf besonders eindrucksvolle Weise begegneten.

Anschließend ging es über Halifax in Kanada und Reykjavík zurück in den Heimathafen. Eine Route, die nach großer weiter Welt klingt und dem Begriff "Dienstreise" eine ganz eigene Bedeutung verleiht. Während andere nach einem langen Arbeitstag den Heimweg antreten, liegen bei einer solchen Reise ganze Ozeane zwischen Feierabend und Zuhause.

Da bekommt Achim Reichels Seefahrer-Hymne "Aloha Heja He" plötzlich ganz neue Bedeutung. Wenn es darin heißt: "Hab die ganze Welt geseh’n, von Singapur bis Aberdeen", ist das zwar nicht das Logbuch dieser Reise, aber die passende musikalische Begleitung für große maritime Sehnsüchte. Und bei der Frage nach dem schönsten Ort darf die augenzwinkernde Antwort natürlich nicht fehlen: "Denn sag ich: Sansibar, ist doch klar." Bis Sansibar führte dieser Törn zwar nicht. Doch auch auf dem Weg an die amerikanische Ostküste warten lange Seetage, wechselnde Winde und Herausforderungen, die sich nicht einfach mit einem Blick auf die Wetter-App erledigen lassen.

Reichel singt von einer "harten Überfahrt", davon, zehn Wochen lang das Deck geschrubbt, die Welt verflucht, in den Wind gespuckt und salziges Wasser geschluckt zu haben. Ob das Deckschrubben an Bord tatsächlich so viel Raum einnahm, wie es der Liedtext vermuten lässt, sei dahingestellt. Fest steht: Auf einem Segelschulschiff gehören körperliche Arbeit, Disziplin und Durchhaltevermögen zum Alltag. Wer hier anheuert, bekommt die große weite Welt nicht als Kreuzfahrt mit Rundumservice serviert.

Der Wind ist schließlich ein eigenwilliger Mitarbeiter. Er hält sich weder an Dienstpläne noch an gute Vorsätze. Wenn die See rau wird, hilft auch kein beherztes "Hoppla, jetzt komm ich!" von Hans Albers. Dann zählen Erfahrung, Können und eine Mannschaft, die sich aufeinander verlassen kann.

Zwischen Windjammer-Romantik und Käpt’n Blaubär

Natürlich hat die Seefahrt ihre romantischen Seiten. Weiße Segel vor blauem Himmel, der Horizont in der Ferne und ein Schiff, das sich majestätisch durch die Wellen arbeitet. Da möchte man beinahe Freddy Quinn anstimmen: "Junge, komm bald wieder!" Wobei bei einem Kommandanten der Gorch Fock die Frage erlaubt sein dürfte, ob damit die Besatzung, das Schiff oder am Ende doch die heimische Küche gemeint ist.

Ganz so einfach ist das Leben an Bord allerdings nicht. Zwischen Takelage, Wache und Ausbildung bleibt wenig Platz für Seemannsgarn ohne Bodenhaftung. Schließlich ist die Gorch Fock kein schwimmendes Vergnügungsschiff, sondern ein Segelschulschiff, auf dem junge Offizieranwärter Verantwortung, Teamgeist und den Umgang mit Herausforderungen lernen.

Sollte Kapitän Bornkessel einmal aus dem Nähkästchen plaudern, wäre Käpt’n Blaubär vermutlich ein dankbarer Stichwortgeber. Der berühmte Lügenbär hat schließlich ganze Ozeane mit Geschichten gefüllt, bei denen selbst erfahrene Seeleute vorsichtshalber noch einmal die Seekarte konsultieren. Ob Bornkessel ebenfalls von Seeungeheuern, haushohen Wellen und besonders störrischen Winden zu berichten weiß, ist nicht überliefert. Fest steht: Wer auf den Weltmeere unterwegs ist, braucht Geschichten. Wer sie gut erzählt, hat sein Publikum schnell auf seiner Seite. Und Kapitän Elmar Bornkessel hat so eine Geschichte erzählt.

Die Gorch Fock: Tradition mit Kurs auf die Zukunft

Die 1958 in Dienst gestellte Gorch Fock ist längst mehr als ein Ausbildungsschiff. Sie ist ein maritimes Aushängeschild Deutschlands und ein Stück gelebter Seefahrtsgeschichte. Trotz moderner Navigation und technischer Unterstützung bleibt an Bord vieles Handarbeit. Segel müssen gesetzt, Leinen bedient und Entscheidungen getroffen werden. Der Wind lässt sich schließlich nicht per Knopfdruck bestellen.

Gerade darin liegt die Faszination dieses Schiffes: Es verbindet maritime Tradition mit der Ausbildung einer neuen Generation. Denn so sehr sich Technik und Welt verändert haben, eines ist geblieben: Ein Schiff kommt nur gemeinsam ans Ziel. Hier muss jeder wissen, was er tut, und im entscheidenden Moment muss einer auf den anderen zählen können.

Lolls-Erinnerungen, die ein Leben lang halten

Doch so weit die Welt auch sein mag: Für Elmar Bornkessel liegt ein Stück Heimat nicht nur am Knüll, sondern auch mitten im Lullusfest. Die Erinnerungen an seine Jugend sind eng mit einer ganz besonderen Tradition verbunden. Der Mittwoch der Lolls-Woche, der Tag des Dippenmarkts, hatte in der Familie einen festen Ablauf – einen persönlichen Festtagsfahrplan, der offenbar zuverlässiger war als mancher Dienstplan auf See.

Am Morgen ging es auf den Krammarkt, am Nachmittag stand der Besuch bei der Großmutter auf dem Programm und am Abend zog die ganze Familie gemeinsam auf Lolls. Drei feste Stationen, ein vertrauter Rhythmus und jede Menge Erinnerungen. Wer so aufwächst, weiß: Tradition ist nicht bloß etwas, das in Festschriften steht. Tradition ist das, was man Jahr für Jahr gemeinsam erlebt und irgendwann selbst an die nächste Generation weitergibt.

Auch in diesem Jahr durfte der Besuch auf dem Dippenmarkt nicht fehlen. Schließlich muss selbst ein Gorch-Fock-Kommandant gelegentlich überprüfen, ob die heimische Versorgungslage noch stimmt. Die Familie Bornkessel ließ sich dabei auf die ganze Bandbreite kulinarischer Genüsse ein: Currywurst, Pommes und jede Menge Waffeln.

Von der Kombüse auf hoher See direkt an die Imbissstände des Dippenmarkts, das klingt nach einer logistischen Herausforderung, die selbst eine erfahrene Schiffsbesatzung vor Neid erblassen lassen könnte. Ob die Currywurst mit der Bordverpflegung mithalten kann, bleibt eine Frage des persönlichen Geschmacks. Bei den Waffeln dürfte die Entscheidung allerdings deutlich leichter fallen.

Während auf der Gorch Fock Segel und Leinen fachgerecht bedient werden müssen, genügt auf dem Dippenmarkt meist ein kurzer Blick auf die Speisekarte. Hier braucht es weder ein nautisches Patent noch Kommandogewalt. Allenfalls eine gute Orientierung zwischen Waffelstand und Pommesbude.

Lolls ist auch eine Frage der Mannschaft

Dass Bornkessel in der Woche des Lullusfestes in Bad Hersfeld Station machte, ist mehr als eine nette Randnotiz. Auch beim ältesten Volksfest Deutschlands geht es um Tradition, Zusammenhalt und Menschen, die dafür sorgen, dass etwas über Generationen hinweg lebendig bleibt.

Seit der Gründung des Klosters durch Erzbischof Lullus und der Weihe der Klosterkirche im Jahr 852 hat sich vieles verändert. Aus der religiösen Erinnerung wurde über die Jahrhunderte ein Volksfest, das heute die ganze Stadt in Bewegung bringt. Das Lollsfeuer brennt, die Fahrgeschäfte drehen ihre Runden, der Duft gebrannter Mandeln liegt in der Luft. Und wenn "Enner, zwoon, dräi – Bruder Lolls!" durch die Straßen schallt, weiß man: Die Besatzung ist vollzählig, der Kurs stimmt.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen einem Segelschiff und dem Lullusfest. Auf der Gorch Fock geht es darum, bei Wind und Wetter den richtigen Kurs zu halten. In Bad Hersfeld besteht die nautische Herausforderung eher darin, sich zwischen Autoscooter, Bratwurststand und Festzelt nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Während auf See der Ausguck nach Untiefen Ausschau hält, muss man auf dem Festplatz vor allem aufpassen, dass einem die letzte frisch gebackene Waffel nicht vor der Nase weggeschnappt wird. Doch die Gemeinsamkeiten sind unübersehbar: Beide leben von Menschen, die mitmachen, Verantwortung übernehmen und ihre Tradition nicht nur im Museum bestaunen, sondern aktiv weitertragen.

"Junge, komm bald wieder" – aber vorher noch ein bisschen Lolls!

Das ist genau diese Mischung, die den Abend im Marineheim so reizvoll machte: Ein Kommandant erzählt von fernen Küsten, großen Reisen und einem Schiff, das auf den Weltmeeren zu Hause ist. Gleichzeitig werden Erinnerungen an Friedigerrode, Oberaula, die Großmutter und die vertrauten Rituale des Dippenmarkts lebendig.

Man muss eben nicht am Meer geboren sein, um Seemann zu werden. Man muss auch nicht auf einem Großsegler anheuern, um zu wissen, was Zusammenhalt bedeutet. Manchmal reicht dafür eine nordhessische Kindheit, ein Vereinshaus, eine gute Geschichte und eine Familie, die ihre Traditionen pflegt. Wenn Kapitän Bornkessel demnächst wieder auf See ist, darf er sich ruhig an Bad Hersfeld erinnern: an das Lollsfeuer, an den Dippenmarkt, an Currywurst, Pommes und Waffeln und an ein Volksfest, das selbst einem Mann, der die Weltmeere kennt, ein Stück Heimat bietet.

Denn wie Käpt’n Blaubär uns gelehrt hat: Nicht jede Geschichte muss bis auf den letzten Knoten stimmen. Aber die besten erzählt man gemeinsam. Ja, und manchmal ist das schönste Abenteuer eben doch die Heimkehr. Ganz gleich, ob der Kurs nach Kiel, New York oder zurück an den Knüll führt. Hauptsache, am Ende wartet ein bisschen Lolls. (Jürgen Böthig) +++

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