Am Mittwoch hieß es wieder: "Auf zum Dippenmarkt!" - Fotos: Carina Jirsch

BAD HERSFELD Lulluskrammarkt mit vielen Geschichten

Auf zum Dippenmarkt! - Wunderschäler, Schnäppchen und Erinnerungen

14.10.26 - Kässssseeeee, Wurst, Blumen, Beutel und allerlei mehr: Am Mittwoch hieß es wieder: "Auf zum Dippenmarkt!" Der traditionelle Marktbummel zum Lullusfest ist ein Open-Air-Supermarkt der Begegnungen, der vermeintlichen Schnäppchen und der großen Verführung. Wer mit einer Einkaufsliste kommt, kann sie getrost in der Tasche lassen. Denn hier kauft man nicht unbedingt, was man braucht. Hier entdeckt man Dinge, von denen man bis eben nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gibt. Aber plötzlich ist man überzeugt: Genau dieses Teil hat zu Hause noch gefehlt!

Das Wetter zeigte sich zunächst von seiner eher ungemütlichen Seite. Himmelgrau, Nieselregen und Regenschirme bestimmen das Bild. Doch pünktlich um 12 Uhr setzte sich die Sonne durch. Schließlich gilt auch an Lolls: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Und wenn es doch einmal fröstelig wird, sorgt das wärmende Lullusfeuer, das "Fierche", für die passende Festtagsatmosphäre.

Abertausende Besucher aus nah und fern schoben sich dicht an dicht durch die Straßen, vorbei an den Ständen und mitten hinein ins bunte Marktgeschehen. Es wurde gestöbert, gestaunt, gekauft und vermutlich auch der eine oder andere Euro schneller ausgegeben, als ursprünglich geplant. Der Dippenmarkt ist schließlich nicht nur ein Ort für Schnäppchenjäger, sondern auch ein Freiluftlabor der Kaufverführung.

Wunderschäler und andere Wunderdinge

Da sind sie wieder, die Wunderschäler, die Kartoffeln angeblich schneller entkleiden als jeder Sparschäler der Konkurrenz. Messer, die niemals stumpf werden, Putztücher mit beinahe magischen Fähigkeiten und Küchenhelfer, bei denen man sich fragt, ob sie den Alltag tatsächlich erleichtern oder doch eher für Gesprächsstoff am heimischen Küchentisch sorgen. Dazu Socken mit frechen Sprüchen, Gartenzwerge mit zweifelhaftem Benehmen und allerlei Haushaltswunder, die am Verkaufsstand aussehen, als hätten sie gerade den Nobelpreis für praktische Lebensführung gewonnen.

Die Händler verstehen ihr Handwerk. Mit großer Überzeugungskraft und lautstarker Marktrhetorik preisen sie ihre Waren an. "Der letzte Salami-Stand vor der Autobahn!", schallt es über den Platz. An anderer Stelle heißt es: "Wenn ich die Tüte pack, kriegst du einen Herzinfarkt!" Wer noch Fragen hat, wird gleich mit der passenden Aufforderung versorgt: "Wer noch Fragen hat, der soll fragen!"

Was eben noch wie ein überflüssiges Plastikteil aussah, entpuppt sich plötzlich als unverzichtbarer Helfer im täglichen Überlebenskampf zwischen Küche, Bad und Wäschekorb. Wer nur einmal kurz schauen wollte, ertappt sich wenig später mit einer Einkaufstüte in der Hand auf dem Weg zum nächsten Stand. Der vermeintlich sparsame Marktbummel endet nicht selten mit einer kleinen Bescherung für sich selbst – und einem etwas leichteren Geldbeutel.

Das Markttreiben geht dabei durchaus mit der Zeit. An verschiedenen Ständen ist inzwischen sogar Kartenzahlung möglich. Der Dippenmarkt mag seine Wurzeln in der Tradition haben, beim Bezahlen ist er längst im Hier und Heute angekommen. Was fehlt? Angelzubehör! Zumindest für diejenigen, die auf der Suche nach dem passenden Haken für den nächsten großen Fang sind. Ansonsten dürfte das Angebot kaum Wünsche offenlassen.

Kleine Einkäufe, große Geschichten

Auch Daniela und ihr Sohn werden fündig. Gewürze wandern in die Einkaufstasche, dazu ein Quietschebällchen. Eine Kombination, die vermutlich nicht auf jeder Einkaufsliste steht, aber durchaus ihren Reiz hat. Eine andere Besucherin hat sich einen "Rucksack des Lebens" gegönnt, außerdem Socken und Käse. Auf dem Dippenmarkt findet eben jeder seinen ganz persönlichen Schatz.

Frau Jacobi, 87 Jahre alt, verfolgt dagegen eine ganz andere Einkaufsstrategie. "Ich gebe heute kein Geld auf dem Dippenmarkt aus. Das bekommen dieses Jahr meine Enkel und Urenkel", erzählt sie. Eine weise Entscheidung: Wer die nächste Generation beschenkt, kann sich das eigene Portemonnaie schonen und trotzdem für leuchtende Augen sorgen. Doch der Dippenmarkt ist mehr als eine Fundgrube für praktische und weniger praktische Errungenschaften. Er ist auch ein Ort der Begegnungen, der Erinnerungen und der kleinen Geschichten, die Lolls seit Generationen ausmachen.

Das zeigt sich bei der Begegnung mit Hildegard Rockensüß, 85, und ihrer Tochter Antje. Ihr Mann leitete in den 1980er-Jahren die Filiale der damaligen Dresdner Bank in Bad Hersfeld. Antje ist nach längerer Zeit wieder einmal zu Gast beim Lullusfest. Ein Bummel über den Dippenmarkt gehört für sie selbstverständlich dazu. Antje ist in Bad Hersfeld aufgewachsen. Die Erinnerungen an ihre Heimat sind lebendig geblieben, auch wenn sie heute zwischen zwei Dörfern in der Nähe von Würzburg ihre Zelte aufgeschlagen hat. "Bad Hersfeld ist meine Heimat, aber ich bin heute noch immer ein wenig rastlos und stets auf der Suche nach etwas Neuem", erzählt sie.

Ihre Mutter Hildegard wiederum gesteht mit einem Lachen, dass sie eigentlich noch nie etwas auf dem Lulluskrammarkt gekauft habe. Was sie nicht davon abhält, das bunte Treiben, die Atmosphäre und die vielen Begegnungen zu genießen. Manchmal braucht es eben keine Einkaufstüte, um mit etwas nach Hause zu gehen. Ob Mutter und Tochter an diesem Tag doch noch ein Schnäppchen entdeckt haben, bleibt offen. Ihre Freude am gemeinsamen Bummel und die vielen Begegnungen dürften ihnen jedenfalls geblieben sein. Und vielleicht ist das sogar das schönste Souvenir eines Markttages: gemeinsam unterwegs zu sein, alte Erinnerungen aufleben zu lassen und neue zu sammeln.

Zwischen Tradition und neuem Namen

Zwischen Verkaufsständen und Erinnerungen stellt sich allerdings auch eine Frage, die über den heutigen Marktbummel hinausreicht. In der Lolls-Woche wird gern betont, wie wichtig es ist, Traditionen zu bewahren, zu pflegen und vor allem zu leben. Doch warum heißt der im Volksmund traditionelle Dippenmarkt heute offiziell eigentlich "Lulluskrammarkt"?

Schließlich ist der Markt längst weit entfernt von einem klassischen Handwerkermarkt. Hier wird nicht nur gearbeitet, gedrechselt oder geschmiedet, sondern vor allem gehandelt, geworben und verkauft. Die Händler verstehen ihr Geschäft, und das Angebot verändert sich mit der Zeit. Vielleicht ist der neue Name also weniger ein Bruch mit der Tradition als vielmehr eine amtliche Bezeichnung für ein Marktgeschehen, das sich längst weiterentwickelt hat. Bürgermeisterin Anke Hofmann bringt es aus ihrer Sicht auf den Punkt: "Für mich und den Volksmund bleibt der Lulluskrammarkt der Dippenmarkt." Basta! Auch das ist Tradition.

Friedlich feiern, fruchtig genießen

Dass es beim großen Andrang nicht nur ums Kaufen geht, zeigt sich auch an der Saftig-Bar der Diakonie. Dort legen Bürgermeisterin Anke Hofmann und Feuermeister Marc Baumgardt selbst Hand an und mixen alkoholfreie, fruchtige Cocktails. Eine erfrischende Alternative mitten im Markttreiben und ein schönes Beispiel dafür, dass Lolls auch jenseits von Bratwurst, Bier und gebrannten Mandeln für gute Laune sorgt.

Auch die Polizei zieht eine positive Bilanz. Thomas Jungk, Leiter der Polizeidienststelle Bad Hersfeld, freut sich über die ausgelassene und friedliche Stimmung. Besondere Vorkommnisse? Bei dem Gedränge kam es hier und da zu kleineren Rempeleien und dem einen oder anderen beinahe unvermeidlichen Zusammenstoß im Fußgängerstrom. Größere Folgen blieben nach seiner Einschätzung aus. Auf einem Markt, auf dem sich Tausende Menschen dicht an dicht bewegen, ist das eine erfreuliche Nachricht.

Hildegard und Antje Rockensüß zeigen an diesem Tag ganz nebenbei, worauf es dabei ankommt: auf Heimat, Erinnerungen und Begegnungen. Der Markt verbindet Vergangenheit und Gegenwart, alteingesessene Hersfelder und Gäste, die es immer wieder zurückzieht. Und während am nächsten Stand schon der nächste Wunderschäler seine erstaunlichen Fähigkeiten unter Beweis stellt, bleibt eine Erkenntnis: Man kann den Dippenmarkt mit vollen Einkaufstüten verlassen. Man kann aber auch einfach nur schöne Stunden erlebt haben.

Denn Tradition ist nicht nur das, was auf dem Schild steht. Tradition ist vor allem das, was Menschen miteinander verbindet und was sie im Herzen mit nach Hause nehmen. Wenn am Ende noch ein Stück Käse, ein paar Socken und ein Quietschebällchen in der Tasche landen, dann war es eben ein ganz normaler außergewöhnlicher Mittwoch auf Lolls.(Jürgen Böthig) +++

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