Zwischen Abschied und Appell: Das war das Lolls-Finale. - Fotos: Andre Söllner

BAD HERSFELD Ereignisreiche Festwoche

Brandrede des Feuermeisters - Das Fierche ist aus, die Lolls-Magie aber bleibt

19.10.26 - Sieben Tage Feuereifer, acht Tage Lolls-Freiheit: Bad Hersfeld verabschiedet sein Lullusfest mit Tradition, großen Gefühlen und einer Brandrede zur Zukunft der Stadt.

Das letzte Glimmen ist erloschen, die Flammen sind Geschichte, der Rauch hat sich verzogen. Das Lullusfeuer ist gelöscht. 120 Festmeter Feuerholz sind in diesem Jahr in den Flammen aufgegangen. Eine stattliche Holzmenge, die eindrucksvoll zeigt, wie viel Feuer in dieser alten Tradition steckt.

Beim feierlichen Löschen des "Fierche" erhielt Feuermeister Mark Baumgardt tatkräftige Unterstützung von Bürgermeisterin Anke Hofmann sowie Mitgliedern des Magistrats und des Stadtparlaments. Mit Sand und Wasser rückten sie den letzten Glutnestern gemeinsam zu Leibe. Ein symbolträchtiger Moment, in dem Stadtpolitik und gelebte Tradition Hand in Hand gingen. Schließlich braucht es beim Lullusfest nicht nur Feuer und Flamme, sondern manchmal auch eine geschlossene Mannschaft, um den Schlussstrich unter eine ereignisreiche Festwoche zu ziehen.

Sieben Tage lang hat Bad Hersfeld am und rund um das Lullusfeuer gefeiert,gelacht, getanzt und Erinnerungen gesammelt. Friedlich und respektvoll, laut und ausgelassen, mit viel Humor, alten Geschichten und neuen Begegnungen. Die Herschfeller und alle Hergeloffene hatten schließlich allen Grund, die fünfte Jahreszeit ihrer Stadt besonders ausgiebig zu genießen.

100 Jahre Feuermeister-Zunft, 80 Jahre Hessen und nicht zuletzt 75 Jahre Theaterzauber in der Stiftsruine: Das Jubiläumsjahr lieferte reichlich Anlass zum Feiern. Doch über allem lag jene besondere Magie, die sich nicht in Jubiläumszahlen messen lässt. Es ist die Magie des Lullusfestes, die Generationen verbindet, alte Traditionen lebendig hält und selbst Zugezogene irgendwann zuverlässig zu überzeugten Lolls-Fans macht.

Nun ist das "Fierche" aus. Doch bevor die Lullusstadt endgültig in den Alltag zurückkehrt, lohnt sich ein Blick auf die ganz eigene Zeitrechnung dieser besonderen Festtage.

Denn während andernorts der biblische Rhythmus gilt, wird er in der Lullusstadt während der fünften Jahreszeit kurzerhand neu interpretiert. Moses formulierte einst: Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten sollst du ruhen. In Bad Hersfeld dürfte man diese Regel während Lolls mit einem freundlichen "Jo, kann mer mache" zur Kenntnis nehmen. Hier wird sieben Tage mit Feuereifer gefeiert. Der achte Tag gehört traditionell dem Familientag und der großen Freiverlosung, bevor auch die standhaftesten Lolls-Veteranen wieder im Alltag anheuern müssen.

Die Stunde des Abschieds: Wenn das "Fierche" zu Grabe getragen wird

Mit Spannung richteten sich die Blicke auf Mark Baumgardt. In seiner dritten Amtszeit durfte der Feuermeister nicht nur das Lullusfeuer löschen, sondern zugleich auf ein ganz besonderes Jubiläum zurückblicken: 100 Jahre Bad Hersfelder Feuermeister-Zunft. Ein Jahrhundert gelebte Tradition, Verantwortung und Verbundenheit mit einem Fest, das weit mehr ist als eine Ansammlung von Fahrgeschäften, Buden und Festzelten.

Die Stunde des Abschieds schlägt, wenn Feuermeister Mark Baumgardt seine Rede hält und das traditionelle "Fierche" feierlich zu Grabe getragen wird. Mit seinen Worten endet nicht nur das Feuer, sondern auch eine Woche Ausnahmezustand, die für viele Hersfelder zum Höhepunkt des Jahres gehört.

Sicher ist: Auch in der Lolls-freien Zeit bleibt ein Feuermeister in Alarmbereitschaft. Schließlich ist er mit jener Ewigkeit vertraut, die sich zwischen Flammen, Tradition und dem immer wiederkehrenden Ritual entfaltet. Wo Hingabe und Ernst zusammenkommen, darf es durchaus auch befreiend wirken. Denn wer das "Fierche" löscht, weiß schließlich am besten, dass ein Ende nicht zwangsläufig das Ende bedeutet.

Die Rede von Feuermeister Baumgardt war deshalb alles andere als ein bloßer Abschiedsgruß an sieben Tage Ausnahmezustand. Sie geriet zur Mischung aus Heimatliebe, Jahreschronik, kommunalpolitischer Bestandsaufnahme und einem Appell an die Hersfelder Bürgerschaft. Zwischen Stadtentwicklung und Festspieldefizit, zwischen leer stehenden Ladenlokalen und gelebtem Ehrenamt lieferte Baumgardt reichlich Gesprächsstoff. Das Lullusfest, so wurde deutlich, ist nicht nur ein Ort der Freude, sondern auch ein Spiegel der Stadt und ihrer Herausforderungen.

Ein "Bad" allein macht noch keine Zukunft

"Nur das Prädikat Bad ist auf Dauer zu wenig", gab der Feuermeister seiner Heimatstadt mit auf den Weg. Für junge Leute müsse sich die Stadt herausputzen, denn sie seien schließlich die Kunden von morgen und die Bürger von übermorgen.

Das klingt nach einem Weckruf, ohne dass gleich die Lullusglocke Sturm läuten müsste. Historisches Erbe, Festspiele und Kurstadt-Prädikat sind zweifellos Pfunde, mit denen Bad Hersfeld wuchern kann. Doch eine lebendige Stadt braucht mehr: attraktive Geschäfte, Treffpunkte, Freizeitangebote und Orte, an denen junge Menschen gern ihre Zeit verbringen.

Dass ausgerechnet die fehlende Disco für den Nachwuchs in diesem Zusammenhang zum Symbol taugt, hat durchaus Lolls-Potenzial. Während sich auf dem Festplatz die Fahrgeschäfte drehen und die Musik durch die Zelte schallt, stellt sich eine durchaus ernst gemeinte Frage: Wo trifft sich die junge Generation eigentlich, wenn die letzte Lolls-Runde vorbei ist?

Eine Stadt lebt schließlich nicht allein von den Erinnerungen ihrer älteren Generation. Sie muss auch den Jüngeren Gründe liefern, zu bleiben, wiederzukommen oder sich überhaupt erst für Hersfeld zu entscheiden. Das Prädikat "Bad" ist schön. Eine Zukunftsperspektive wäre noch schöner.

Applaus ist schön, schwarze Zahlen wären schöner

Auch vor dem Kulturgeschehen machte Baumgardt nicht halt. Die Bad Hersfelder Festspiele sind ein Aushängeschild der Stadt, locken Besucher an und prägen das kulturelle Selbstverständnis der Region. Doch zum Theaterzauber gehört eben auch die Frage, was er kostet.

"Dass Kultur Geld kostet, kann wohl allen klar sein", machte der Feuermeister deutlich. Dass am Ende jedoch ein Minus bleibe, könne auf Dauer kein Geschäftsmodell für die Stadt sein.

Damit sprach Baumgardt ein Spannungsfeld an, das sich nicht mit einem einzigen Schlussapplaus auflösen lässt. Kultur darf und soll etwas kosten. Sie schafft Identität, zieht Gäste an und belebt die Stadt. Gleichzeitig muss angesichts knapper kommunaler Kassen die Frage erlaubt sein, wie vorhandene Spielstätten und technische Möglichkeiten besser genutzt werden können, ob zusätzliche Veranstaltungen sinnvoll wären und wie sich die finanzielle Belastung begrenzen lässt.

Der Lolls-taugliche Befund: Applaus ist wunderbar. Volle Ränge sind es auch. Nur sollte nach dem Schlussapplaus nicht die Stadtkasse in Flammen stehen.

Es geht dabei nicht darum, Kultur gegen Haushaltsdisziplin auszuspielen. Vielmehr braucht es eine ehrliche Debatte darüber, wie sich künstlerischer Anspruch, wirtschaftliche Verantwortung und die Zukunft der Festspiele miteinander vereinbaren lassen.

Volle Festplätze, leere Läden: Wer entfacht das Feuer der Innenstadt?

Während sich zum Lullusfest die Besucher durch die Innenstadt schieben, Mandelduft in der Luft liegt und auf den Plätzen das Leben pulsiert, zeigt sich im Alltag ein anderes Bild. Leer stehende Ladenlokale und verwaiste Schaufenster machen deutlich, dass die Feststimmung nicht automatisch auf die übrigen Wochen des Jahres übersprügt.

Baumgardt forderte deshalb Ideen, die wieder mehr Leben in die Stadt bringen. Dafür müssten sich alle Beteiligten auch zu Zugeständnissen bereitfinden.

Ein bemerkenswerter Gedanke, denn die Verantwortung liegt nicht allein im Rathaus. Auch Geschäftsleute, Vermieter und weitere Akteure sind gefragt. Wo lassen sich neue Nutzungsmöglichkeiten schaffen? Welche Angebote fehlen? Wie können leer stehende Flächen wieder zu Orten werden, an denen Menschen einkaufen, verweilen und einander begegnen?

Gerade während Lolls wird sichtbar, welches Potenzial in einer belebten Innenstadt steckt. Doch die eigentliche Bewährungsprobe beginnt, wenn die letzten Fahrgeschäfte abgebaut, die Buden verschwunden und die Lolls-Fahnen wieder eingerollt sind.

Dann zeigt sich, ob aus dem Festtrubel auch Ideen für den Alltag erwachsen. Denn eine Innenstadt lässt sich nicht sieben Tage im Jahr mit Mandelduft und Festbier am Leben halten. Dafür braucht es langfristige Konzepte, Mut zur Veränderung und die Bereitschaft, gemeinsam anzupacken.

Die schönste Kastanie: Das Feuer zwischen den Menschen

Bei all den Fragen nach Stadtentwicklung, Kulturfinanzen und Leerstand wurde die Rede des Feuermeisters an einer Stelle besonders leise. Gerade darin lag ihre stärkste Botschaft. "Ich wünsch mir von allen mehr Zusammenhalt, es werden schon zu viele Menschen alleine alt."

Ein Satz, der über Haushaltsdebatten, Baustellen und Verkehrsprobleme hinausweist. Er braucht keine große Pointe und keinen Lolls-Spruch, um Wirkung zu entfalten. Denn eine Stadt besteht nicht nur aus Gebäuden, Straßen, Geschäften und Veranstaltungsprogrammen. Sie besteht vor allem aus Menschen.

Aus Menschen, die einander wahrnehmen. Die nachfragen, wenn jemand lange nicht mehr gesehen wurde. Die helfen, ohne erst zu fragen, ob sich der Aufwand rechnet. Die sich in Vereinen engagieren, Verantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass Gemeinschaft mehr ist als ein Versprechen auf einem Wahlplakat.

Gerade das Lullusfest lebt von dieser Bereitschaft. Hinter den Kulissen arbeiten zahlreiche Menschen ehrenamtlich, organisieren, helfen, bewahren Traditionen und machen das Fest überhaupt erst möglich. Die Feuermeister-Zunft steht dafür ebenso wie die vielen Vereine und Initiativen, die Bad Hersfeld über das Jahr hinweg zusammenhalten.

Der Wunsch nach mehr Miteinander ist deshalb keine sentimentale Zugabe zum Ende einer Festwoche. Er ist ein Auftrag, der im Alltag beginnt. Dort, wo niemand mehr gemeinsam vor dem "Fierche" steht und der nächste Festbieranstich noch Monate entfernt ist.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Feuermeisterrede: Eine Stadt kann sich herausputzen, ihre Kulturangebote weiterentwickeln und ihre Innenstadt neu beleben. Doch ohne Menschen, die füreinander da sind, bleibt selbst der schönste Ort ein wenig kalt.

Über Geld spricht man nicht. Über Zuckersteuer schon.

Ausgerechnet zu Lolls! Zwischen gebrannten Mandeln, Zuckerwatte und anderen süßen Verführungen dürfte die Begeisterung für zusätzliche Abgaben überschaubar bleiben. Schließlich ist Lolls Tradition, kein Gesundheitsseminar. Oder, wie der Hersfelder sagen könnte: "Finger weg von unserer Zuckerwatte!"

Doch zunächst gibt es Entwarnung für alle Naschkatzen und Zuckerschnuten am Festplatz. Geplant ist eine Abgabe auf bestimmte zuckerhaltige Getränke ab Juli 2027, vorbehaltlich der Zustimmung des Bundestages. Gebrannte Mandeln und Zuckerwatte auf dem Lullusfest sind davon nicht betroffen. Lolls sei Dank! Der Griff in die Tüte darf also vorerst ohne steuerpolitisches schlechtes Gewissen erfolgen. Zumindest, was diese geplante Abgabe angeht.

Alles wird Asche. Aber nicht die Lolls-Freude.

"Alles wird Asche" lautet der Titel des aktuellen Romans von Bestsellerautorin Nele Neuhaus. In Bad Hersfeld könnte man angesichts des erloschenen Lullusfeuers beinahe auf ähnliche Gedanken kommen. Doch während die Asche langsam erkaltet, lebt der Geist der Lolls-Freiheit weiter.

Wie der Phönix aus der Asche wird er auch im kommenden Jahr wieder in den Bad Hersfelder Himmel steigen. Dann werden erneut die Fahrgeschäfte kreisen, die Festzelte beben, alte Bekannte einander in die Arme fallen und neue Lolls-Geschichten entstehen. Der Ruf "Enner, zwoon, dräi – Bruder Lolls" wird wieder durch die Stadt hallen, als wäre die letzte Runde gerade erst vorbei.

Jetzt heißt es erst einmal: durchatmen, aufräumen und vielleicht das eine oder andere Erlebnis noch einmal erzählen. Aus dem Festtrubel werden wieder Alltagsgeschichten, aus Begegnungen vielleicht Freundschaften und aus manchem guten Vorsatz fürs nächste Jahr vermutlich die Erkenntnis: Beim nächsten Lullusfest sind wir natürlich wieder dabei.

Doch mit dem Erlöschen des "Fierche" sind auch die Fragen nicht verschwunden, die Baumgardt seiner Stadt mit auf den Weg gegeben hat. Wie viel Kultur kann und will sich Bad Hersfeld leisten? Wie viel Leben steckt noch in seinen Straßen? Was muss sich ändern, damit junge Menschen hier ihre Zukunft sehen? Und wie gut kümmert sich die Stadtgesellschaft um jene, die im Alltag allzu leicht übersehen werden?

Der Feuermeister hat keine fertigen Lösungen präsentiert. Er hat aber Funken geschlagen, die weit über den Festplatz hinausreichen. Jetzt liegt es an Stadtpolitik, Wirtschaft, Vereinen und Bürgerschaft, daraus ein Feuer zu entfachen, das nicht nur sieben Tage lang wärmt.

Das "Fierche" ist gelöscht. Die Lolls-Magie aber lässt sich nicht einfach mit Wasser abstellen. Sie glimmt weiter, irgendwo zwischen Tradition und Lebensfreude, zwischen Stiftsruine und Festplatz, zwischen süßer Zuckerwatte und dem letzten Nachhall einer langen Festwoche.

Denn nach Lolls ist bekanntlich vor Lolls. Bis dahin gilt für die Herschfeller: die Füße stillhalten und sich erholen. Die Erinnerungen aber bleiben in Bewegung. Der Feuermeister bleibt wachsam. Und die Zuckerwatte? Die bleibt hoffentlich süß.

Enner, zwoon, dräi – Bruder Lolls!

Den krönenden Schlusspunkt setzte ein prächtiges Feuerwerk vom Turm der Stadtkirche: Bunte Lolls-Raketen stiegen in den Nachthimmel und ließen Bad Hersfeld noch einmal aufleuchten. (Jürgen Böthig) +++

Lullusfest 2026 - weitere Artikel

























































↓↓ alle 56 Artikel anzeigen ↓↓


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum
Cookie-Einstellungen anpassen

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Whatsapp
Instagram
TikTok

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön