03.11.26 - Die Jugendbetreuerinnen Rebecca Brähler und Alexandra Gemming vom Regionalforum Fulda-Südwest betrachten die Ausschreitungen rund um die Proteste in Frankfurt am vergangenen Samstag mit Sorge. Beide beschreiben die Ereignisse als erschreckend, enttäuschend und traurig. Besonders kritisch sehen sie, dass die Gewalttaten die eigentlichen Anliegen der überwiegend friedlich Demonstrierenden in den Hintergrund gedrängt haben. OSTHESSEN|NEWS sprach mit den Sozialpädagoginnen über ihre Perspektive auf die Ereignisse und die Sorgen junger Menschen.
Nach den brutalen Randalen aus Frankreich gingen am Samstag die Bilder aus der Frankfurter und Kölner Innenstadt um die Welt. In Flammen stehende Autos und Mülleimer zeugen von den Schandtaten vieler Randalierer. Hinzu kommen zerstörte Schaufenster und leergeräumte Regale verschiedener Luxusmarken, an denen nicht nur teure Produkte, sondern ganze Existenzen hängen. Die Samstagnacht hat sich in viele Köpfe der Menschen eingebrannt und einen mehr als faden Beigeschmack hinterlassen.
Klare Trennung zwischen Protest und Gewalt
Für die beiden Jugendbetreuerinnen gibt es eine klare Grenze: Protest bedeutet, die eigene Meinung friedlich und demokratisch zu vertreten. Gewalt, Sachbeschädigung und Einschüchterung hätten dagegen nichts mit legitimen Protestformen zu tun. Rebecca Brähler betont, dass Gewalt unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Hintergrund niemals ein geeignetes Mittel sei. "Sobald Gewalt im Spiel ist, ist es für mich schon eine Randale. Gewalt gehört dort einfach nicht hin", sagt sie.
Demonstrationen sollten dazu dienen, die eigene Stimme zu erheben. Die Ausschreitungen hätten jedoch zur Folge, dass friedliche Demonstrierende aus Angst künftig möglicherweise auf die Teilnahme an Kundgebungen verzichten. "Es ist total traurig, dass so ein Ereignis von Gewalt und Ausschreitungen überschattet wird", ergänzt Alexandra Gemming.
Fehlende Wahrnehmung sorgt für Frust
Als mögliche Ursachen für Frust und Eskalation sehen die Jugendbetreuerinnen nicht allein die Erziehung. Vielmehr spielten das soziale Umfeld, persönliche Erfahrungen und das Gefühl, mit Sorgen und Anliegen nicht ernst genommen zu werden, eine entscheidende Rolle. "Der größte Punkt ist, dass Jugendliche denken, dass sie nicht gesehen werden", sagt Brähler. Wenn friedliche Kritik keine sichtbaren Veränderungen bewirke, könne daraus Frust entstehen. Problematisch sei vor allem die Wahrnehmung, dass Gewalt vermeintlich schneller Aufmerksamkeit erzeuge. "Wenn ich Kritik äußere, werde ich gehört oder bekomme ich nur Gegenwind?", beschreibt Brähler eine Frage, die viele junge Menschen beschäftigt.

Alexandra Gemming.
Existenzielle Sorgen beschäftigen Jugendliche überall
Nach Einschätzung der beiden Fachkräfte unterscheiden sich die Sorgen junger Menschen auf dem Land kaum von denen in der Stadt. Gemming nennt insbesondere existenzielle Zukunftsfragen. "Wie geht es finanziell weiter? Wie geht es mit der Kriegsthematik weiter? Das sind existenzielle Ängste, die alle miteinander verbinden", erklärt sie. Gleichzeitig warnt Brähler vor Verallgemeinerungen. "Probleme sind Probleme und jeder kann sie nur individuell bewältigen." Deshalb brauche es sowohl in Städten als auch im ländlichen Raum ausreichende Unterstützungsangebote.
Jugendarbeit braucht mehr Rückhalt
Beide Jugendbetreuerinnen sind sich einig, dass Kommunen Jugendlichen mehr Unterstützung und Freiräume bieten müssen. Eine zentrale Rolle spiele dabei die kommunale Jugendarbeit. Vereine seien wichtig, könnten jedoch nicht alle Bedürfnisse auffangen. Jugendräume, offene Treffpunkte und Sozialarbeit ermöglichten jungen Menschen, Verantwortung zu übernehmen und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Gleichzeitig beobachten die Fachkräfte mit Sorge, dass im sozialen Bereich zunehmend gespart werde. Dabei sei gerade die oft unsichtbare Beziehungsarbeit im direkten Kontakt mit Jugendlichen von entscheidender Bedeutung. "Man muss Jugendarbeit nicht immer sehen, damit sie wertvoll ist."

Rebecca Brähler.
Dialog statt Eskalation
Trotz der Ereignisse möchten beide Jugendbetreuerinnen junge Menschen dazu ermutigen, sich politisch einzubringen und für ihre Anliegen einzustehen. "Ich würde die Jugendlichen ermutigen, für ihre Themen einzustehen und ihre Meinung frei zu äußern", sagt Gemming. Brähler richtet sich insbesondere an Jugendliche, die gewalttätig geworden sind. Statt Gewalt zu rechtfertigen, müsse man die Ursachen von Frust und Unzufriedenheit verstehen und aufarbeiten. "Gewalt ist keine Lösung. Es bringt nichts, wenn Geschäfte beschädigt werden. Das verändert das Problem nicht."
Beide sehen zudem die Gefahr, dass durch die öffentliche Aufmerksamkeit für Ausschreitungen der Eindruck entstehen könnte, Gewalt sei wirksamer als Dialog. Die Botschaft, dass erst etwas passieren müsse, damit Politik reagiere, halten sie für falsch und gefährlich. "Die Gewalt hatte viel mehr Präsenz als das Thema selbst", bedauert Brähler. Ihr gemeinsamer Wunsch sei es, über die Anliegen von Jugendlichen zu sprechen, "ohne dass es dafür erst eine Grundlage aus Gewalt braucht". (Justin Klenner) +++ 
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