Israelische Soldaten fahren einen gepanzerten Mannschaftstransportwagen (APC) in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels. - Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ariel Schalit

TEL-AVIV/FULDA Gespräche aus der War Zone – Teil 5

Angst wird uns nicht viel helfen

23.10.23 - Die Zeitung bringt einen Bericht über Fuldas Jüdische Gemeinde. Die Frage nach ihrer Sicherheit stellt sich angesichts des Anstiegs antisemitisch motivierter Straftaten seit dem 07. Oktober. In Fulda seien die Beziehungen unter den Religionen gut, offenen Antisemitismus oder Hass habe er hier noch nie erfahren, so der Gemeindevorsitzende Roman Melamed. Meine Gedanken wandern täglich zu dem roten Backsteingebäude, in dem ich schon oft und gern zu Gast war.

Am Jisrael Chai – das Volk Israels lebt

"Angst wird uns nicht viel helfen", antwortet mir Roman Melamed auf meine Frage, wie es ihm und den Gemeindemitgliedern gehe. Er schickt mir ein Video von zwei Reservisten der israelischen Armee an der nördlichen Grenze Israels. Die beiden, vielleicht Mitte 30, stehen schwer bewaffnet unter einem Agavenbaum und wünschen allen Menschen "Schabbat Shalom" (= friedlichen Sabbat), "Chodesch Tov" (= einen guten Monat) und "Am Jisrael chai" (= Das Volk Israels lebt). Dann greifen sie zur Gitarre und singen das Lied von den Friedensengeln, mit dem man am Freitagabend die heimische Schabbat-Zeremonie einleitet. Das ist so beglückend, bewegend und doch auch so herzzerreißend. Es zeigt, wie sehr die Israelis in diesen Tagen und Wochen äußerster Gefahr zusammenstehen. Restaurants schließen, kochen aber weiter und versorgen die Soldaten. Privatleute organisieren Hilfsgüter für diejenigen, die ihr Haus oder ihre Wohnung verloren haben.

Besuch bei Ori in Be’er Schewa

Dazwischen kleine Oasen des Aufatmens – Gaby, ihr Mann Zeev und Talja dürfen Sohn Ori besuchen. Dafür fahren sie nach Be‘er Schewa, der sogenannten Hauptstadt der Negev-Wüste im Süden Israels, mit 210.000 Einwohnern eine der größten Städte des Landes. Die Familienangehörigen der Reservisten reisen für sechs Stunden an. Gaby schreibt:

"Das Durcheinander auf dem Feld vor dem militärischen Sperrbezirk ist gigantisch. Wir treffen Ori an einer Bushaltestelle und fahren in die Innenstadt, wo wir in einem Wohnviertel ein kleines Café finden, das geöffnet hat. Be´er Schewas Straßen sind leergefegt, im Café sitzen nur wenige Menschen. Hier verbringen wir die kurze, gemeinsame Zeit."

Worüber spricht man in diesen Stunden? Gaby erzählt:

"Ich will wissen, wer Oris Mitstreiter sind. Ori erzählt von einem Familienvater, der vor 22 Jahren als Wehrpflichtiger seinen ersten Kriegseinsatz hatte, dann 2014 als Reservist im Gaza-Streifen seinen zweiten. Jetzt ist er als über 40-Jähriger wieder dabei – an der Seite unseres jüngsten Sohnes, der im Frühling dieses Jahrs seinen aktiven Wehrdienst beendet hat und nur neun Tage vor Kriegsausbruch von seinem zweimonatigen Post-Armee-Trip aus Norwegen zurückgekehrt ist.

Wir sprechen über eine Veranstaltung in Jerusalem nur fünf Tage vor Kriegsausbruch, bei der Ori für die Organisation der medizinischen Betreuung zuständig war, ein Treffen von "Naschim osot schalom" (= Frauen machen Frieden), einer Initiative jüdischer und arabischer Frauen. Eine der Organisatorinnen der Veranstaltung, Vivian Silber aus dem Kibbuz Be´eri, wo am 7. Oktober die Hamas-Terroristen wüteten, wird vermisst – entführt, ermordet, niemand weiß etwas. Wir sprechen über Oris Zukunftspläne: Er will mit zwei Freunden nach Mitzpe Ramon in die Negev ziehen, in der Notfallmedizin arbeiten und sich auf sein Studium vorbereiten.

Worüber wir nicht sprechen, ist sein möglicher Einsatz im Krieg. Erzählen dürfte er ohnehin nichts. "Jehije beseder, ima", sagt Ori mir bei der Abschiedsumarmung: "Es wird in Ordnung sein, Mama."

Poesie und Politik

Ich bin auf Yehuda Amichais (1924-2000) Gedicht "Der Durchmesser der Bombe" gestoßen. Amichai wurde als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren, die Familie wanderte 1935 erst nach Petach Tikwa und dann nach Jerusalem aus. Amichai ist einer der meistgelesenen Dichter Israels, auch, weil sein Werk maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des modernen Hebräisch hatte – aber er ist weit über Israel hinaus bekannt (sein Werk ist in 40 Sprachen übersetzt). Als ich Gaby nach ihm frage, sagt sie sofort: "Wir haben vieles von Amichai zuhause, ich schau gleich mal nach", nur wenig später kommen Links zum Gedicht und zu Vertonungen – Amichai hat viele Komponisten inspiriert. Ich finde "Offen, Verschlossen, Offen" – eine deutsche Ausgabe mit seinen Gedichten:

"Der Durchmesser der Bombe betrug dreißig Zentimeter,
und der Durchmesser ihres Einschlags etwa sieben Meter,
darin vier Tote und elf Verletzte.
Drum herum, verstreut im in größeren Umkreis
von Schmerz und Zeit, zwei Krankenhäuser,
und ein Friedhof. Doch die Frau
jung, die dort begraben wurde, woher sie
stammte, über hundert Kilometer entfernt,
vergrößerte den Kreis enorm,
und der einsame Mann, der ihren Tod beweint,
irgendwo am Ende eines sehr fernen Landes,
nimmt die ganze Welt in ihn auf.
Und ich rede gar nicht vom Schreien der Waisen,
das vordringt bis zum Thron Gottes und
weiter. Es macht den Kreis
unendlich groß. Und gottlos."

 
Ein hellsichtiges Gedicht, und in seiner vorgeblichen Sachlichkeit erschütternd. Im Nachwort steht: Amichai "öffnet das jüdische Erleben in die universelle Dimension des Traumas und des darauffolgenden Versuchs der Heilung und des Weiterlebens." Der Schmerz, den wir erleben – in Israel, im Gaza-Streifen – geht über uns Menschen und über unser Begreifen hinaus, sogar über alle Dimensionen der Welt.

Man kann das Gedicht auch so verstehen: zwei Völker ziehen Krieg und Scharmützel dem Frieden vor, den zu bauen und zu erhalten weitaus anspruchsvoller wäre als immer wieder mit Raketen aufeinander zu schießen. Dabei sind die Lebenserfahrungen beider Völker ähnlich. Und der Wunsch beider Völker auch – ein Lebensrecht haben, eine Heimat haben, die andere anerkennen und nicht beständig bedrohen. Jeder Tote ist einer zuviel, jede Träne ist eine zuviel. Mit jedem weiteren Kreis wird es noch schlimmer.

Der Lyrik-Schabbat-Club

Ob Gaby im Lyrik-Schabbat-Club Amichai liest oder gelesen hat? Bestimmt. Sie hat mir von diesem Club erzählt, und irgendwie steht mir dabei der Film "Ein amerikanischer Quilt" vor Augen, in dem die Lebensgeschichten ganz verschiedener Frauen zu einem Quilt verwoben werden. Das schreibe ich ihr, und bei ihrer Antwort sehe ich Gabys Grinsen sehr deutlich vor mir:

"Hihi, Du hast nicht mit Schabbat gerechnet. Da ist Quilten verboten, das gilt als Arbeit. Wir sind ein Kreis von 6-12 Personen, Hebräisch-Muttersprachler, Fremdsprachler, teils hier geboren, teils eingewandert – aus Afghanistan, Australien, Deutschland. Die "Gründerin" unseres Lyrik-Clubs kommt aus einem religiösen Kibbuz und unterrichtet Englisch als Fremdsprache. Sie und mein Mann Zeev sorgen für die Gedichtauswahl. Im Idealfall passen die Gedichte, über die wir reden, komplett zum Wochenabschnitt der Tora-Lesung, manchmal auch nur zu einem Vers. An Schawuot zum Beispiel haben wir Gedichte über die Frauengestalten im Buch Ruth gelesen. Naomi Schemer ist häufiger ‚Gast‘ – die kennst Du ja inzwischen."

Ich weiß, dass an diesem Schabbat die Geschichte Noahs und der Sintflut gelesen wird. Welche Gedichte hat der Lyrik-Club wohl dazu ausgewählt? Gabys Antwort kommt postwendend.

"Diesmal haben wir zeitgenössische Gedichte gelesen, zwei über die Hoffnungen von Müttern in Zeiten des durch die Sintflut symbolisierten Untergangs. Ein Gedicht von Admi´el Kosman (geboren 1957 in Haifa, aktuell ist er Professor für jüdische Theologie an der Universität Potsdam) sorgte für einen Tränenausbruch. Ich übersetze es dir so gut ich kann, seine sprachliche Schönheit kann ich nicht nachahmen:

"Gesucht: ein stiller Ort, an dem die Seele Ruhe findet.
Nur für einige Augenblicke.
Gesucht: ein Ort, der als Fußweg genutzt werden kann.
Nur für einige Augenblicke.
Gesucht: eine Topfpflanze, ein Blatt, ein Stengel oder ein Busch, der nicht aufsteht
und zusammenbricht, wenn sie kommen wird. Nur für einige Augenblicke.
Gesucht: ein Objekt, sauber, angenehm und warm, das als Bank benutzt werden kann.
Ein Schutzraum, für irgendeine, mir verwandte,
Mädchen-Taube, meine Seele,
die aus der Arche kam, für einige Augenblicke in den Morgenstunden
und seitdem nicht einen Augenblick Ruhe fand."


Die Analogien zu den Morgenstunden des 7. Oktober sind erschlagend. Tali, deren Sohn Asaf den Hamas-Terrorangriff beim Musikfestival in Zikim überlebt hat, spricht über die Flucht ihres Sohnes durch die weiten Felder an der Grenze zum Gaza-Streifen auf der Suche nach Schutz. Unter den tiefhängenden Zweigen eines Baums grub er sich schließlich in das Laub ein. Nach sieben Stunden wurde er gefunden. Von einem Israeli."

Im Begleittext ihrer Mail steht: "Alles deutet auf einen Flächenbrand." (Jutta Hamberger und Gaby Goldberg) +++

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