Gespräche aus der Warzone - Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Oded Balilty

TEL AVIV Gespräche aus der Warzone – Teil 8

Wie im Schleudergang einer Waschmaschine

09.11.23 - Nach jüdischem Ritus endet der Trauermonat 30 Tage nach der Beerdigung. Auch wenn noch nicht alle Opfer des Hamas-Massakers vom 7. Oktober identifiziert, geschweige denn begraben sind, gedachten die Menschen in Israel am 7. November der 239 Entführten und der geschätzt 1.400 Toten des schwärzesten Tages in der 75-jährigen Geschichte ihres Staates.

Die Identität von 843 Zivilisten konnte man feststellen, ebenso von 348 Angehörigen der Sicherheitskräfte. 25 Menschen gelten als vermisst, sie stehen derzeit weder auf den Listen der Todes- noch der Entführungsopfer. Ob und wann die in mehreren hundert Säcken gelagerten, bisher nicht zuzuordnenden menschlichen Überreste identifiziert werden können, können selbst Experten nicht sagen.

Nie wieder ist jetzt!

Abends kommt eine Mail von Ethan aus Chicago, einem Nachfahren der jüdisch-fuldischen Familie Sichel. Er schreibt: "Ich habe gerade mit Tränen in den Augen den letzten Report von Gaby gelesen. Und ich will Dir mitteilen, dass ich heute von Ofra und Shimon gehört habe. Auch ihre beiden Söhne wurden eingezogen. Ich kann nicht glauben, dass wir vor gerade einmal acht Wochen ihrem Sohn Barak bei seinem Vortrag über die Ausgrabungen an der westlichen Mauer des Tempels zugehört haben. Ich kriege es nicht in meinen Kopf. Auch die beiden Söhne von Michael sind eingezogen und im Gaza-Streifen. Andere aus unserer Gruppe haben bestimmt auch Kinder oder Enkel, die eingezogen worden sind."

Ich kriege es genauso wenig wie er in meinen Kopf. Ich sehe Michael und seinen Sohn Joshua auf der Plaza des Hotels Esperanto sitzen, Joshua war das erste Mal in Fulda, und es gefiel ihm so gut. Auch Katriel, der Freund von Gabys Sohn David, wurde eingezogen. Rinat ebenfalls. Die beiden mit ihrem fröhlichen Lachen sind mir so lebhaft in Erinnerung, genauso Katriels Satz: "Es kann nicht nur Erinnern geben", bevor er und Rinat zur Steinwand und zum Klettern aufbrachen. Beide stecken jetzt ebenfalls im Reservedienst.

Ethans Mail endet düster: "Ich hoffe, die Veranstaltung anlässlich der Pogromnacht am 9. November bringt nicht die immer gleichen und bekannten Erinnerungen an die Vergangenheit. Du und ich haben das begriffen: Nie wieder ist jetzt. Ich hoffe, die Redner werden für das Wohlergehen der Geiseln beten, und für die Nachfahren der Fuldaer Gemeinde, die im Existenzkampf um Israels Überleben sind."

Er wird am 9. November bei der Gedenkfeier nicht da sein, auch die anderen Nachfahren der Fuldaer Jüdischen Gemeinde nicht. Erstmals seit vielen Jahren kommen sie an diesem Tag nicht nach Fulda. Die Angst ist zu groß. Meine jüdischen Freunde haben Angst, in dieses Land zu reisen. Mir ist einfach nur schlecht.

Familientreffen bei Beer Schewa

Aus Israel und von Gaby kommen Nachrichten, die einer Achterbahnfahrt gleichen. Einmal mit und wegen Baby Goldberg, das mal kommen will, dann lieber doch nicht. Gut, dass David von Reservedienst beurlaubt ist, um seiner Frau bei der Entbindung beizustehen. Stand heute Abend, 08. November: Die Wehen haben eingesetzt, aber Baby Goldberg lässt sich weiter Zeit. "Wir wissen ja, am Ende kommen sie alle raus", kommentiert Gaby.

Dann der Montag mit der Riesenüberraschung – die Armee ermöglichte Oris Reserveeinheit ein dreistündiges Treffen mit ihren Familien in einem Kibbuz in der Nähe von Beer Schewa. Gaby schreibt:

"Das Ganze geschieht quasi auf Zuruf. Mein Mann Zeev und ich verabreden uns mit unserer Tochter Talja. Die kommt aus Haifa. Wir lassen alles stehen und liegen, packen eilig eine Tasche mit dem, worum Ori uns bittet (Kaffee, Wäschebeutel), und werfen uns ins Auto Richtung Süden. In einem Kibbuz haben freiwillige Helferinnen und Helfer einen Grill und Sitzgelegenheiten auf einer Wiese aufgebaut. Zum ersten Mal treffen wir Oris Kollegen: natürlich alle in Uniform und mit Waffe, aber sonst so bunt wie die israelische Gesellschaft, nicht einmal Hautfarbe oder Alter sind einheitlich: Von skandinavienweiß bis äthiopiendunkel und von 21 bis 58 Jahre geht die Range. Als Reservisten dürfen sie ihren Individualismus pflegen, man sieht Dreadlocks neben Kurzhaarfrisur, Männerschmuck neben Askese, Kippa neben Piercing. Genauso bunt sind auch ihre politischen Überzeugungen, mit denen keiner hinter dem Berg hält.

Dem Kommandanten hat das, wie ich aus Randgesprächen mitbekomme, einige schwere Stunden beschert. Manches bringt mich einfach zum Lachen, zum Beispiel die Schilderung einer Diskussion, ob man zur Markierung der Gefechtsposition neben der israelischen Fahne auch die Regenbogenfahne hissen solle. Nein, lautete die Antwort, man dürfe die Hamas nicht übermäßig reizen – die israelische Fahne genüge schon.

Was mich wirklich verblüfft: In dieser einen Busladung Reservisten, die sich zu Kriegsbeginn in dieser Formation das erste Mal getroffen haben, finden sich acht, die entweder mit unserem Wohnort oder unserer Familie in Verbindung stehen, ohne dass wir oder Ori das wussten. Talja erkennt einen Klassenkameraden aus der Grundschule, mit dem sie als Kind regelmäßig Streit hatte. Ich werde gefragt: "Bist du nicht Davids Mutter?" und falle aus allen Wolken, als ich den Frager einem von Davids Freunden zuordnen kann. Sein Mann gehört ebenfalls zur Einheit.

Dieser Abend ist so surreal. Einer der Reservisten unterhält die Kinder seiner Kollegen mit Zauberkunststücken. Den akustischen Hintergrund bilden die Abschüsse des Raketenverteidigungssystems. Denn ganz Israel steht noch immer unter Raketenbeschuss, seltener zwar als zu Kriegsbeginn, aber regelmäßig. Die "Leuchtkugeln" begleiten uns auf der Fahrt nach Hause, wo ich mich sofort ins Bett verziehe. Ich bin emotional völlig erschöpft und komme mir vor wie durch den Schleudergang einer Waschmaschine gejagt. Auch heute noch, denn schon früh kommt die Nachricht, dass Ori sein Telefon wieder abgeben muss. Und dass Talja ebenfalls zum Reservedienst eingezogen wird: Nächste Woche ist sie in Eilat, und betreut dort die israelischen Flüchtlinge aus den am 7. Oktober überfallenen Orten."

Eine besondere Art der Erneuerung – "lehitra-anen"

Während Gabys Sohn David seit zwei Tagen vom Reservedienst beurlaubt ist, um seine Frau Nata bei der Geburt zu unterstützen, lebt Ori in einer völlig anderen Wirklichkeit. Gaby schreibt:

"Nach über eine Woche im Einsatz darf Ori für 24 Stunden zurück in die Kaserne, um neue Kräfte zu sammeln und um sich zu erneuern, so lautet die wörtliche Übersetzung des hebräischen Zauberworts ‚lehitra-anen‘. 24 Stunden "Erneuerung", das bedeutet: Toilettengang, duschen, schlafen. Aber vor allem bedeutet es: Handynachrichten checken. Ori wusste nicht, was in den vergangenen acht Tagen passiert ist – nicht, dass ein Freund aus seinem Armee-Paramedic-Kurs zu den soldatischen Todesopfern zählt; nicht, dass ein Soldat, den er behandelt und noch lebend auf den Weg nach Israel geschickt hat, gestorben ist.

Ich muss sagen: Einerseits ist diese Kommunikationstechnologie ein Segen, vor allem für mich als Mutter, aber andererseits: Stell dir vor, du steckst acht Tage im allertiefsten Dreck deines Lebens (Ori hat ein stärkeres Wort benutzt), dir fliegen alle möglichen Geschosse um die Ohren, du schleppst 30 Kilo Ausrüstung auf deinem Rücken, du "schläfst" wo auch immer man es dir befiehlt, du klebst vom Sand, du ernährst dich von Konserven, und kommst dann für 24 Stunden raus. Und das Erste, was auf deinem Handy aufploppt, ist die Nachricht von der Beerdigung deines Freundes."

Was wird diesen jungen Soldaten zugemutet, was ihren Familien? Ich muss an Navid Kermanis Satz bei der Winfriedpreis-Verleihung vor wenigen Tagen denken: Israels Politik der maximalen Härte ist auf ganzer Linie gescheitert, sie hinterlässt auf beiden Seiten nur Verlierer. Nur – wie soll es künftig anders gehen und wer entwickelt dafür Ideen, wenn das blutrünstige Ziel der Hamas sich nicht ändert? Die Times of Israel zitiert Khalil al-Hayya, einen palästinensischen Politiker, mit folgenden Worten: "Das Ziel der Hamas ist nicht, dass Gaza ‚funktioniert‘ und Wasser und Elektrizität fließen. Diesen Krieg führen wir nicht für Diesel oder Arbeiter. Es geht nicht darum, die Lage im Gaza-Streifen zu verbessern. Es geht darum, die Situation völlig über den Haufen zu werfen." (Jutta Hamberger und Gaby Goldberg) +++

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